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Wohnungslosigkeit „Eine eigene Wohnung ist doch die normalste Sache der Welt“

Wie lässt sich Wohnungslosigkeit effektiv bekämpfen? Indem Betroffene zuallererst eine Wohnung bekommen. In Lissabon wird dieser innovative Ansatz erprobt.

Ehemaliger Wohnungsloser
Carlos lebte mehr als 25 Jahre auf den Straßen Lissabons.

Die Umstellung fiel Carlos nicht schwer. „Eine eigene Wohnung zu haben ist doch eigentlich die normalste Sache der Welt.“ Doch für den heute 53-Jährigen Portugiesen war Normalität lange etwas ganz anderes: Er schlief auf kalten Treppenstufen, in Hofeinfahrten oder auf Parkbänken. Mehr als 25 Jahre lebte er als Obdachloser auf den Straßen Lissabons. Sein ständiger Begleiter war das Heroin.

„Ich hatte nie Geld zum Essen, weil ich alles für Drogen ausgegeben habe.“ Carlos spricht leise, er ist ganz auf seine Worte konzentriert. „Viele Passanten haben mich verachtet. Aber man gewöhnt sich an die angeekelten Blicke.“ Er hält kurz inne. „Ich hatte den Glauben an die Menschlichkeit verloren.“ Diesen Glauben hat er wiedergefunden. Seit Juli letzten Jahres lebt er in einer Wohnung mitten in Portugals Hauptstadt. Auch mit dem Heroin hat er gebrochen, von einem Tag auf den anderen. Es sind die einfachen Dinge, die das Leben für ihn wieder lebenswert machen: eine Dusche zu nehmen, die Tür hinter sich abzuschließen.

Doch was für den Mann mit dem schulterlangen, grau melierten Haar einfach so zur Normalität wurde, ist für die meisten Obdachlosen weit weg. Denn Carlos ist Teil eines besonderen Programms, das in Lissabon seit einigen Jahren die Obdachlosenarbeit revolutioniert: Housing First. Die Idee dahinter ist einfach: Was Wohnungslose zuallererst brauchen ist eine Wohnung. Das gibt Sicherheit und ist die Basis für die Lösung anderer Probleme – nicht umgekehrt.

Housing First bricht mit der gängigen Praxis, dass sich Wohnungslose die eigene Wohnung erst verdienen und ihre „Wohnfähigkeit“ in Notunterkünften und Übergangswohnheimen beweisen müssen. „Diese Vorstellung ist im Hilfesystem weit verbreitet“, sagt der Bremer Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geertsema, der seit vielen Jahren zu Wohnungslosigkeit forscht. „Das Problem ist aber, dass viele Betroffene den stufenweisen Aufstieg nicht schaffen.“ Besonders Langzeitobdachlose landen deshalb immer wieder auf der Straße. Mit diesen Problemen will Housing First brechen. Die Idee wurde Anfang der 1990er durch ein Projekt in New York bekannt – mit erstaunlichem Erfolg. So waren 80 Prozent der ehemals Obdachlosen nach zwei Jahren immer noch in ihrer neuen Wohnung, mehr als doppelt so viele wie im traditionellen System.

Dennoch hat sich Housing First bisher kaum durchgesetzt. „Das gibt es zwar in fast allen Ländern West-Europas, aber es ist praktisch überall die Ausnahme“, sagt Busch-Geertsema. Einzig in Finnland und Dänemark sei Housing Frist zentraler Bestandteil nationaler Strategien. Anders in Deutschland, wo die Zahl der Wohnungslosen seit Jahren ansteigt. Busch-Geertsema bescheinigt der Bundesrepublik zwar ein „insgesamt gut ausgebautes“ System der Wohnungslosenhilfe – zugleich kritisiert er aber, dass Housing First kaum Verbreitung finde. „Stattdessen gibt es einen Ausbau von Notunterkünften und eine geradezu inflationäre Ausweitung von Konzepten des Probewohnens. Doch so wird Wohnungslosigkeit eher verwaltet als reduziert.“

Anders in Portugals Hauptstadt: Bereits zwischen 2011 und 2013 finanzierte die EU ein Pilotprojekt zu Housing First. Die Idee stieß dort auf offene Ohren. So gibt es heute mehrere Projekte, die das Konzept umsetzen – eines von ihnen wird seit 2013 vom Sozialverein Crescer betrieben. Zunächst sollten in einem Problemviertel sieben Obdachlose mit einer neuen Bleibe versorgt werden. Heute verteilen sich die Wohnungen über die ganze Stadt, die Menschen sollen in normalen Vierteln wohnen, nicht in separaten Häusern. Das dient der sozialen Integration und dem Schutz vor Stigmatisierung. Inzwischen haben 40 Männer und fünf Frauen Wohnungen bekommen, fast 90 Prozent von ihnen leben noch dort. Laut Schätzungen gibt es in Lissabon etwa 800 Wohnungslose, von denen knapp die Hälfte auf der Straße lebt.

Bis vor wenigen Monaten war Jaime einer von ihnen. „Ich hätte früher nie geglaubt, dass ich obdachlos werde. Ich habe gutes Geld verdient und war verheiratet.“ Der 63-Jährige mit den kurzen Haaren und dem lila Schal spricht hektisch. „Heute weiß ich, das Leben ist wie eine Lotterie.“ Nach einer Odyssee durch die halbe Welt strandete er vor 19 Jahren in Lissabon. Zunächst hielten ihn Gelegenheitsjobs über Wasser, er mietete sich in Hotelzimmer ein – bis er kein Geld mehr hatte. Immer wieder schlief er auf der Straße. Notunterkünfte mied er: „Die sind dreckig und es wird viel gestohlen.“

In seine Heimat auf die Azoren wollte Jaime nie zurück, zu seiner Familie hat er keinen Kontakt – aus Scham. Deshalb möchte er weder seinen richtigen Namen noch sein Foto in der Zeitung sehen. Dank des Projekts von Crescer hat Jaime zumindest wieder eine kleine Wohnung. „Endlich habe ich meinen eigenen Raum mit eigenen Schlüsseln.“ Jaime möchte zur Ruhe kommen. Hier hat er die Möglichkeit dazu.

Unterstützt werden Carlos, Jaime und die anderen von Sozialarbeitern und Psychologinnen wie Rita Farias. Sie weiß: „Ohne einen Rückzugsort kann man keinen Halt finden im Leben oder sich organisieren.“ Die 27-Jährige besucht ihre Klienten einmal pro Woche, manche auch öfter. Diese Betretung ist integraler Bestandteil von Housing First – zumindest solange sich die Projekte auf Obdachlose mit besonderen Problemen konzentrieren.

Farias redet mit ihren Klienten über deren Perspektiven und vermittelt Kontakte zu Einrichtungen, die günstiges Essen oder medizinische Versorgung bieten. Die meisten ehemals Obdachlosen bekommen monatlich nur etwa 180 Euro vom Staat, ein Drittel müssen sie für die Wohnung bezahlen. Das gehört wie die Besuche von Farias zum Pflichtprogramm. Sonst gibt es keine Anforderungen. Wer eine Wohnung braucht, soll eine bekommen.

Doch die finanziellen Mittel sind natürlich begrenzt. „Dennoch ist Housing First im Endeffekt sogar billiger für den Staat als Notunterkünfte, zumal die Leute von dort aus meist wieder auf der Straße landen“, sagt Farias. Die Stadt Lissabon will dieses Jahr voraussichtlich noch etwa 20 weitere Wohnungen finanzieren. Die Pschologin fordert viel mehr. Sie weiß aber auch: „Es ist schon jetzt schwierig, an Wohnungen zu kommen.“ Der zunehmende Tourismus und Immobilieninvestoren lassen die Preise steigen. Die Gentrifizierung ist auch in Portugals Hauptstadt längst in vollem Gange.

Frage des politischen Willens

Ist die in vielen deutschen und europäischen Städten herrschende Wohnungsnot womöglich der Grund, warum Housing First so wenig Verbreitung findet? Nein, sagt Volker Busch-Geertsema. Zwar hätten solche Projekte mit der Akquise von Wohnraum zu kämpfen, gerade dort, wo dieser teuer sei – doch Housing First sei vor allem eine Frage des politischen Willens: „Schließlich wurde der Ansatz zuerst in New York umgesetzt, wo es bestimmt keinen entspannten Wohnungsmarkt gibt.“

Für die Bundesrepublik fordert der Experte eine nationale Strategie gegen Wohnungslosigkeit, ähnlich wie in Finnland. Dazu gehöre der Wohnungsneubau ebenso wie eine höhere Quote an Sozialwohnungen. Und natürlich Housing First. Denn selbst wenn es genug Wohnraum gäbe, existiere ein Zugangsproblem: „Gerade für Langzeitobdachlose sind die Zugangsbarrieren sehr hoch.“ Vermieter wollten aufgrund von Vorurteilen oft nicht an Wohnungslose vermieten. Umso wichtiger sei ein Umdenken. Soziale Wohnraumagenturen sollten Wohnungen anmieten, Privatvermietern Risiken abnehmen und den Wohnraum dauerhaft an Wohnungslose vermieten.

In Lissabon ist die Zahl der Obdachlosen in den letzten Jahren entgegen einem europaweiten Trend leicht gesunken – trotz der schwierigen ökonomischen Lage, mit der Portugal bis heute kämpft. „Es sind mehr Menschen als früher auf Hilfe angewiesen – und Armut ist der Hauptgrund für Wohnungslosigkeit“, sagt Farias. „Doch obwohl vieles zu langsam vorangeht, gibt es hier den Willen, Wohnungslosigkeit zu bekämpfen – und zwar mit den richtigen Mitteln.“ Kürzlich hat die Regierung beschlossen, Housing First nun auch auf andere Landesteile auszuweiten.

Jaime möchte vielleicht bald seine beiden Söhne nach Lissabon einladen – jetzt, wo er wieder eine Wohnung hat. Und Carlos lädt seine Gäste zur Verabschiedung ein, wiederzukommen: „Mein Haus ist dein Haus“, sagt er lächelnd.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Portugal

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