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Wohnen Die Geisterhäuser von Neuenfelde

In Hamburg-Neuenfelde stehen mehr als 60 prachtvolle Eigenheime seit Jahren verlassen. Warum wohnt dort niemand? Eine gespenstische Reise ins Alte Land im Südwesten Hamburgs.

27.10.2014 15:18
Stefanie Maeck
Die Häuser wurden mit Zeitschaltuhr und Vorgartenpflege wie eine Mustersiedlung intakt gehalten. Foto: Stefanie Maeck

Im Geisterhaus hängt keine Jacke am Haken. Die Glühbirne im Flur ist rausgeschraubt, der Kühlschrank steht offen. Es ist kühl und riecht verlassen. Die Küche aus den 70ern hat eine Durchreiche, die auf ein verwaistes Esszimmer blickt. Im Kinderzimmer liegen keine Bücher oder Puppen, am Fenster kleben verblichene Aufkleber, ein Elefant und ein Monster. Vielleicht lebte hier ein kleiner Junge mit seiner Familie, geblieben sind Sticker von Sepp Herberger und Daniel García Lara, genannt Dani, vom FC Barcelona. Dort spielte er von 1999 bis 2003, die Sticker müssen also mindestens elf Jahre alt sein. Im Wohnzimmer hat der Couchtisch Abdrücke in den Boden gedrückt, in der Ecke steht ein verlassener Fernseher. Ansonsten liegt in den Geisterhäusern in der Hasselwerder Straße nur der modrige Duft von Vergangenheit. Einst gab es hier Träume und hallte Gelächter am Küchentisch, es gab Pläne vom Urlaub und Gespräche übers Auto. Vielleicht gab es sogar Schulden, sicher aber Zank und Versöhnung.

Jetzt sind da nur noch Feuchtigkeit, Spinnweben, ein Hauch von Erinnerung und im Briefkasten ein Zettel für die Altkleidersammlung, zehn Jahre alt. Niemand wird ihn lesen, denn in der Hasselwerder Straße reiht sich ein Geisterhaus an das nächste. Zur Hoch-Zeit des Leerstands waren hier, in einem Dorf südlich von Hamburg, 66 Häuser verwaist, obwohl sie der Traum von Bürgerlichkeit wären. Was ist geschehen?

Die Antwort kommt aus der Luft. Fast als könnte man seinen Bauch berühren, fliegt ein Airbus Beluga über die Dächer der verlassenen Geisterhäuser von Neuenfelde und gleitet in der Ferne zur Landung Richtung Rosengarten, so heißt hier ein prächtiges Obstanbaugebiet. Neuenfelde liegt im Südwesten Hamburgs im Alten Land, 4481 Einwohner, eine schöne St. Pankratius Kirche, Barockbau, Anbaugebiet für Äpfel und Kirschen. Genau hier konnte sich der Hamburger Senat 2004 die verlängerte Start- und Landebahn für den Airbus A 380 vorstellen. Ein immenser Wirtschaftsfaktor für die Hansestadt. Es ging um Arbeitsplätze und den Luftfrachtstandort Hamburg.

"Äpfel oder Arbeitsplätze"

Der damalige Bürgermeister Hamburgs, Ole von Beust, erschien also im Dorf, um den Neuenfeldern im Festsaal von Bundt’s Gartenrestaurant die Sache zu erklären. Bis vor den großen Saal standen die Neuenfelder und verfolgten auf einer Videoleinwand die Rede ihres Bürgermeisters. Von Arbeitsplätzen sprach der, doch Beust schlug eine Welle des Misstrauens entgegen, frostiges Schweigen der Bauern. Der Widerstand gegen den Ausbau der Landebahn war immens.

Dann knickte ein Obstbauer plötzlich ein. Nachdem die Medien ihn belagert hatten, verkaufte Cordt Quast aus Neuenfelde im Dezember 2004 sein Land, ein Schlüsselgrundstück. Die „Bild“, einfach alle hatten ihn beschimpft. Äpfel oder Arbeitsplätze, so hieß der Slogan, der die Runde auch durch die überregionale Presse machte. Leitartikel von Kiel bis München erschienen. Verständnis für die Bauern hatte angesichts der hochtechnologisierten Arbeitsplätze kaum einer. Jetzt war klar, dass die verlängerte Landebahn kommen und der Airbus über die Häuser in der Hasselwerder Straße donnern würde. Eine Familie nach der nächsten zog aus ihrer Hasselwerder Straße und dem angrenzenden Organistenweg. Immerhin kaufte der Senat ihnen die Häuser ab, für gutes Geld wurde im Dorf gemunkelt. Es kamen die Geisterhäuser.

Sie sahen aus wie Träume, ja fast wie Parodien von Bürgerlichkeit. Mit Tüllgardinen, geölter Gartenpforte und Trockenblumen auf der Fensterbank. Wie von Geisterhand sprang hinter den leeren Fensterscheiben an Winternachmittagen warmes gelbes Licht an. Unwirklich und unheimlich. Der Senat hatte sich was einfallen lassen: Gegenüber jedem Haus pflanzte er einen Baum, damit es nicht so leer aussah. Er setzte in der Geisterstraße die Zeitschaltuhren ein. Eine vorgegaukelte Idylle entstand, nur leider menschenleer. Plötzlich waren da tote Häuser mit penibel gemähtem Rasen und gefegten Gehwegplatten. Sogar innen beheizt. Besser, als manch Eigenheimer sein Haus pflegte. Der Künstler Roger Eberhard entdeckte die Häuser und fotografierte sie. Rechtwinklig, genormt, ordentlich – und leer. So wie Dinge, die lange unbenutzt sind, wieder ihren Eigengeruch annehmen, so strahlten die verlassenen Häuser plötzlich eine autonome Aura aus.

Fahrradfahrer staunten im Hochsommer, wenn sie am Deich radelten. Im Sommer vermissten sie Grillduft in der Luft, im Winter den holzigen Geruch des Kamins. Menschenleere Häuser bei der Wohnungsnot in Hamburg? Bei der Flüchtlingsproblematik? Der Anblick der Fassaden löste viele Gefühle aus. Die Neuenfelder fanden sie gespenstisch: Sie erlebten Winternächte, wenn sie mit ihrem Hund an den unbewohnten Häusern vorbeigingen und das Tier leise grummelte. Man war froh, wenn man zurück im belebten Teil des Dorfes war. Die alten Bewohner fanden sie traurig. Immer seltener kehrten sie zurück in ihr Dorf.

Ruinen von Bürgerlichkeit

Doch ihr Leben bleibt erahnbar. Nach zehn Jahren steht manchmal ein Osterkorb auf der Fensterbank, hier und da hängt eine Spitzengardine oder ein Türkranz wurde vergessen, in den Gartenlauben hinter den Häusern steht noch ein verrosteter Heizstrahler und ein Kratzbaum für die Katze. Doch mit jedem Jahr werden die Klingelschilder unleserlicher, die Häuser innen mehr und mehr zu Ruinen von Bürgerlichkeit.

Die Chronistin von Neuenfelde heißt Monika Genz. Sie erinnert sich, wie es früher war. Sie wurde in Neuenfelde geboren, erlebte hier die Sturmflut und ihre erste Liebe. Genz ist eine ältere Dame, gut frisiert, schwungvoll fährt sie auf den Hof vor Bundts Gartenrestaurant. Sie erinnert sich, wie verzweifelt die Familien waren, als sie raus mussten. „Einige wurden sogar krank, nachdem sie ihre Häuser verlassen hatten.“ Bei einigen der Häuser kommt Monika Genz ins Erzählen. Sie wohnt mittlerweile in einem Dorf namens Moisburg. In der Hasselwerder Straße 146, der Briefkasten ist nur noch ein Schatten, lebte ihr Tanzlehrer. Daneben, in der 147, wohnte ein Kapitän, der viel auf den Meeren unterwegs war. Ja und dort, dort war das Geschäft der Familie Behr. Noch lange habe Porzellan in dem Geisterladen gestanden. Sie zeigt auf ein Haus nahe der Straße. „Hier war das Steuerbüro, in dem ich selbst gearbeitet habe.“ In der Sturmflutnacht 1962 drohte ihr Dorf Neuenfelde im Wasser unterzugehen, und Monika Genz erlebte es mit. Verglichen damit war der Kampf gegen den Konzern Airbus eigentlich fast harmlos.

Während Monika Genz sich für die Geschichten der vertriebenen Menschen aus Neuenfelde interessiert, sieht der Ungar Istvan Bartucz die Häuser aus anderer Perspektive. Er kommt die Hasselwerder Straße im Regen entgegen. Er arbeitet für eine Berliner Sicherheitsfirma und wohnt in der Hauptstadt. Vier Stunden dauert sein Kontrollgang durch die entvölkerte Geisterstraße: Objektbegehung heißt das im Amtsdeutsch. Jede Woche muss der Ungar jedes Haus umrunden, innen nachsehen und einen Haken in den Küchen hinterlassen, als Zeichen, dass er da war.

Der Ungar hat viele Schlüssel am Schlüsselbund und einen Fotoapparat. Spuren von Vandalismus oder Gebäudeschäden meldet er an das Wohnungsunternehmen SAGA, das die Häuser für den Senat verwaltet. Er schließt die Tür zu einem der Häuser auf, kontrolliert alles, macht in der Küche eine Notiz und hinterlässt ein Datum auf dem Zettel. Seine Häuser kennt er in- und auswendig. Gedanken, wer hier gelebt hat, macht er sich nicht. Mithineinnehmen will er niemanden, aus Versicherungsgründen. Er umrundet den Garten. Tatsächlich hat sich jemand an der Veranda zu schaffen gemacht. Bartucz macht ein Foto für seinen Auftraggeber.

Wiedervermietung ist das Ziel

Manche Objekte hat er lange im Bestand, in anderen gelang eine Neuvermietung. Neben einem der Geisterhäuser steht wieder der Grill auf der Terrasse. „Da“, zeigt Bartucz aus Berlin beinahe stolz. „Wieder vermietet.“ Plötzlich stürzt eine Frau auf ihn zu und starrt ihn wie einen Geist an, sie hat nebenan die Katzen gehütet. Sie hält ihn für einen Unbefugten. „Das ist ja so unheimlich mit all diesen leeren Häusern hier“, sagt sie entschuldigend, als sich die Lage aufklärt.

Tatsächlich ist die Wiedervermietung und die Sanierung der Häuser das Ziel. Gespensterhäuser will der Pressesprecher der SAGA deswegen nicht mehr lange hören: „Die Zeiten sind bald vorbei.“ Im August 2014 standen nur noch 23 der 66 Geisterhäuser leer. Für einige Häuser dürfte allerdings bald jede Hilfe zu spät kommen. Zum Verkauf stehen sie nicht. Gemunkelt wird, dass man Versicherungsschäden und Klagen aufgrund des Flugverkehrs fürchte. Die Flugzeuge könnten mit Verwirbelungen das Dach abdecken, Wirbelschleppen heißt das. Die Pressestelle der Finanzbehörde Hamburg erklärt: Dies sei „eine Grundsatzentscheidung, um den Arbeitsbetrieb von Airbus aufrechtzuerhalten.“

Mittlerweile teilt sich die Hasselwerder Straße in zwei Teile. Vorne, wo der Airbus nicht fliegt, sind Obsthöfe und Eigenheime mit vermieteten Fremdenzimmern für Touristen, die hier Fahrrad fahren. Hinten, in der Einflugschneise, stehen immer noch 23 leere Häuser. Auch eine Unterbringung von Asylbewerbern wurde diskutiert, aber wieder verworfen. Die meisten im Dorf haben sich arrangiert, einige arbeiten inzwischen sogar bei Airbus, und tatsächlich sind da auch die neuen Mieter. Noch sieht die Geistersiedlung wie eine Musterausstellung von Bürgerlichkeit aus. Weitere zehn Jahre werden die Häuser aber nicht schaffen. Istvan Bartusz glaubt, dass er hier noch einige Runden Patrouille laufen wird. Solche „künstlichen Leerstände“ seien gar nicht mal so selten. Für die Menschen war es einst ihr Leben, ihr Traum vom Eigenheim. Für den Hamburger Senat war es ein ökonomisches Kalkül. Für den Ungar sind die Geisterhäuser ein Kontrollgang auf seiner Norddeutschlandtour und sichere Arbeit.

Doch vielleicht zieht ja demnächst neuer Geist in die Häuser.

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