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WM 2018 Vielleicht einfach mal auf den Kommentator verzichten

Bei manchem WM-Spiel empfiehlt es sich, die Tonspur zu wechseln.

WM 2018 - Iran - Spanien
Fußballfans nach Spielende in der Innenstadt von Teheran. Foto: dpa

Natürlich gibt es diese Sätze für die Ewigkeit. „Wer hinten so offen ist, kann nicht ganz dicht sein“, hat der legendäre Werner Hansch einst gesagt. Oder Heribert Faßbender, der feststellte: „Es steht im Augenblick eins zu eins. Aber es hätte auch umgekehrt lauten können.“ Solche Aperçus kämen Claus-Peter Hufer und Frank Grundhever wohl nie über die Lippen. Auch kein „Warum nicht?“, wenn mal wieder ein Fernschuss fünf Stockwerke hoch übers Tor geht. Hufer und Grundhever sind Männer des Wortes und nicht der Phrase. 

Leider werden sie kaum gehört. Denn in den Genuss ihrer Reportagen kommt meist nur, wer versucht, die Weltmeisterschaft  auf einem kleinen, betagten Röhrenfernseher zu empfangen, der fürs Fußball-Gucken auf dem Balkon aber noch taugt. Dann hilft nur, eine Antenne und ein wundersames Kästchen zu kaufen – Hilfsmittel, die der freundliche Verkäufer im Elektronikmarkt unter Verwendung zahlreicher Abkürzungen (Stichwort: DVB-T2) empfohlen hat. 

An diesem Abend stand Iran gegen Spanien an, wir waren bestens vorbereitet. Die Antenne schmückte die Brüstung, das Kästchen ruhte auf dem (natürlich erkalteten) Grill. Klimatisch herrschten iberische Verhältnisse, die Schorle prickelte eisgekühlt. Und jeder Sender funktionierte tadellos. Nur nicht die ARD. Solange Matthias Opdenhövel im Baden-Badener Studio zu sehen war, lief noch alles bestens. Doch sobald Gerd Gottlob in der Kasan-Arena das Wort ergriff, ruckelten Bild und Ton. Warum, wird irgendjemand wissen, der sich mit sowas auskennt. Noch rechtzeitig vor dem Anstoß gelang es uns, die Tonspur zu wechseln, wie es diverse Onlineforen in solchen Notfällen raten. Wir schalteten auf „Audiodeskription“, das Ruckeln verebbte. 

Störungsfrei erklangen nun zwei warme, angenehm tiefe Männerstimmen, die uns zwar weitgehend das schilderten, was wir ohnehin sahen („der Schiedsrichter hebt den Ball mit beiden Händen in die Höhe“), aber das ist ja auch ihr Job: „Unter Audiodeskription versteht man einen vor allem für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelten Service, bei dem das, was im Film im Bild zu sehen ist, von einem Sprecher oder einer Sprecherin beschrieben wird“, erklärt die ARD auf ihrer Webseite. 

Das hört sich durchaus anders an als eine Radio-Reportage. Und ist, wie die ARD bemerkt, „sinnvoll übrigens auch für Sehende, die gerade keinen Zugang zum Bild haben, weil der Fernseher zum Beispiel bei der Hausarbeit im Nebenzimmer oder bei der Urlaubsreise auf der Rückbank des Autos läuft.“ Interessante Idee. 

SWR-Reporter Claus-Peter Hufer und Frank Grundhever vom Saarländischen Rundfunk kennen sich mit sowas aus. Obwohl die Partie es ihnen wirklich nicht leicht machte, ging es doch hauptsächlich darum, die Geber und Empfänger von insgesamt 772 (!) Pässen beim spanischen Namen zu nennen; gut, dass wenigstens Zungenbrecher Azpilicueta nicht dabei war. Aber zwischendurch fanden sie Zeit, etwas zur taktischen Aufstellung zu sagen, zur Spielstrategie und auch zu den hierzulande eher unbekannten iranischen Spielern. Das ist deutlich mehr, als man von manch handelsüblichem Fußballkommentator („Mach ihn, er macht ihn“) erwarten kann. 
Eine weitere Alternative zu Bartels & Co. gibt es leider nicht mehr: Auf der Plattform Marcel-ist-reif.de konnte jeder, der sich dazu berufen fühlte, Fußballspiele live selbst kommentieren – zumindest teilweise ein großer Spaß. Vor zwei Jahren, noch vor der Europameisterschaft, war die Webseite dann selbst reif und stellte ihren Betrieb ein. 

Bis sich das Wetter wieder der Jahreszeit anpasst, schauen wir drinnen und damit voll DVB-T2-empfänglich. Was uns aber nicht daran hindert, freiwillig die Tonspur zu wechseln, um Hufer und Grundhever zu lauschen – etwa um zu hören, wie sie die abenteuerliche Föhnfrisur von Brasiliens Superstar Neymar beschreiben. Und ansonsten ja nur das in besonnene Worte kleiden, was einst Reporter Wilfried Mohren so formulierte: „Was Sie hier sehen, ist möglicherweise die Antizipierung für das, was später kommt.“

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