Lade Inhalte...

WM 2018 Die beleidigte Männlichkeit in Russland

Wildes Nachtleben während der WM: Junge Russinen sorgen für Empörung im Land. Wie ausschweifend dürfen sich Russinnen mit Ausländern eigentlich amüsieren?

World Cup - Round of 16 - Spain vs Russia
Das Verhalten der Fans ist nicht immer so vorbildlich. Foto: rtr

Es sind Bilder des Lasters. Da liegt eine junge Russin auf ein Parkbank, ein mutmaßlich polnischer Fußballfan kniet über ihrem bloßem Unterleib, Passanten gehen schimpfend oder lachend vorbei. Junge Frauen lassen sich von Mexikanern abküssen, von Brasilianern die Oberschenkel ablecken, entblößen vor johlenden Südamerikanern winzige Schlüpfer oder erzählen noch im Anmarsch, sie hätten sich bereits sämtlicher Unterwäsche entledigt. 

Das männlich-patriotische Segment der russischen Öffentlichkeit schreit empört auf. Das bisweilen heidnisch wilde Nachtleben dieser WM hat eine heftige Debatte ausgelöst: Wie ausschweifend dürfen sich Russinnen mit Ausländern amüsieren? Und dürfen sie es überhaupt? 

In den Sozialen Netzwerken Facebook und Vkontakte gibt es Gruppen, in denen russische Männer der kollektiven Zucht- und Treulosigkeit ihrer Landsfrauen den Kampf ansagen. Etwa die Gruppe „Buceta Rosa“, die sich nach dem unflätigen Sprechchor benannt hat, mit der mehrere Brasilianer eine junge, ahnungslose Moskauerin einkreisten und als „Rosa Vagina“ verhöhnten.

Das Video, das sie danach selbst auf Facebook stellten, löste in Brasilien einen Skandal aus und kostete mehrere der Machos den Job. Ihre russischen Geschlechtsgenossen aber sammeln eifrig Bildmaterial über offene oder latente Unzucht zwischen Russinnen und fremdländischen Fans.

„Nach der WM wird sich das Verhältnis des männlichen gegenüber dem weiblichen Geschlecht in Russland für immer verändern“, schreibt „Buceta Rosa“. Ein Video, das zeigt, wie ein Mann einen Peruaner und ein russisches Mädchen, die Händchen haltend spazieren gehen, wild fluchend anrempelt, wurde zum nationalistischen Sinnbild. „Das passiert vor unserer Augen. Und dann gebären diese Hündinnen farbige Hundesöhne, die der Steuerzahler ernähren wird und die das Blut der weißen Rasse weißer verderben werden“, tobt ein Vkontakte-Nutzer.

Schon hat die Zeitung „Peterburgskaja Gaseta“ ein Rating der WM-Städte veröffentlicht, wo sich die Mädchen angeblich am schamlosten ausländischen Fans hingeben: Moskau, Kasan, Sotschi, Petersburg und Samara. 

Dabei zeigen die meisten der Gomorra-Videos im Internet immer wieder die gleichen sieben, acht betrunkenen Sünderinnen. Wenn man bedenkt, dass etwa 500 000 ausländische Fans zur WM angereist sind und dass in den elf Austragungsstädten mindestens fünf Millionen Frauen unter 35 Jahren unterwegs sind, haben Russlands Männer sehr wenig dokumentierten Anlass zur nationalen Eifersucht.

Dabei gilt sexuelle Freizügigkeit schon seit Sowjetzeiten als Alltäglichkeit, viele junge Russinnen haben sie in ihre Lebensplanung aufgenommen. „Ich will nach dem Studium noch ein, zwei Jahre Spaß haben“, sagt die Moskauer Jungjuristin Alisa unserer Zeitung. „Wenn ich dann 25 bin, suche ich mir einen Mann fürs Leben und gründe eine Familie.“ Und auch Russlands Männer sind nicht gerade prüde. Außerehelicher Zehn-Minuten-Sex mit fremden jungen Mädchen gilt als Ruhmestat, die man am Stammtisch mit der stolzen Phrase „ein Kalb nehmen“ umschreibt. Inzwischen haben sich über eine Million Russen mit HIV infiziert, darunter nach Ansicht von Medizinern immer mehr Männer über 30.

Trotzdem offenbart die Debatte, dass viele Russen Sittenlosigkeit als rein weibliche Angelegenheit betrachten. So geißelt der Publizist Platon Bessedin aus dem fernen Sewastopol in der Zeitung „Moskowski Komsomoljez“ jetzt eine ganze Generation von Russinnen. „Die russischen Mädels, die sich um die Ausländer drängen, haben die Begriffe Scham, Moral und Sittlichkeit völlig aus ihrem Bewusstsein gestrichen. Wir haben eine Generation der Schlampen erzogen, die bereit sind, die Beine breit zu machen, wenn sie den ersten Ton einer fremden Sprache hören.“ 

Bessedins Tirade geriet zum Manifest der beleidigten russischen Männlichkeit. Und brachte die russischen Frauen ihrerseits in Harnisch. Die Duma-Abgeordnete Oxana Puschkina unterstellte dem Autor, er schleppe einen riesigen Sack voll männlicher Komplexe und Frustration mit sich und forderte eine Entschuldigung. Ebenso das Mode-Journal „Cosmopolitan“, das schrieb: „Die Frauen pfeifen auf alle Parolen vom Erbgut und nationaler Schande – sie leben ihr Leben, so wie sie wollen, und nicht, wie sich das die Sofapatrioten vorstellen. Eine Frau weiß, ihr Körper gehört ihr, und sie macht damit, was sie will.“ 

Viele Russinnen aber erwähnen höhnisch, Südamerikaner seien gepflegter, kontaktfreudiger und trainierter als Russen. „Warum sieht die Durchschnittsrussin wie Monica Bellucchi aus, der Durchschnittsrusse aber wie ein Blecheimer Sülze?“, lautet ein gnadenloser weiblicher Post auf Vkontakte. „Warum ist die Welt so ungerecht?“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen