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Windsor-Dynastie Es waren einmal die von Sachsen-Coburg-Gothas

Seit 100 Jahren lächeln und winken die britischen Royals unter ihrem jetzigen Familiennamen. Den hatte George V am 17. Juli 1917 beschlossen: Inmitten antideutscher Hysterie war die Windsor-Dynastie geboren.

Großbritannien
Winke winke: Vor genau einem Jahrhundert haben sich die Windsors von ihrem deutschen Nachnamen verabschiedet. Foto: rtr

George V von Sachsen-Coburg-Gotha fühlte sich bedrängt. In St. Petersburg hatte sein russischer Cousin Nikolaus II als Zar abdanken müssen, der deutsche Cousin Wilhelm II fristete als Kaiser sein Dasein im Schatten der Obersten Heeresleitung um Hindenburg und Ludendorff. Auch daheim in London war am Ende des dritten Weltkriegsjahres von royalistischer Begeisterung wenig zu spüren – zumal seit März 1917 immer wieder deutsche Bombenflugzeuge vom Typ Gotha G.IV über der britischen Hauptstadt auftauchten und damit die Bevölkerung an die deutsche Abstammung ihres Königshauses „Saxe-Coburg and Gotha“ erinnerten. Doch damit nicht genug.

Der neue Premierminister David Lloyd George bezeichnete den König im kleinen Kreis als „meinen deutschen Freund“, was Seiner Majestät natürlich sofort hinterbracht wurde. Im Sommer 1917 machte der bekannte Schriftsteller Herbert Wells auch noch die Gefühle vieler Untertanen der Krone öffentlich: Großbritannien, schrieb Wells, habe „einen fremdländischen und uninspirierenden Hof“.

Das mochte George V nicht auf sich sitzen lassen. „Ich mag ja uninspirierend sein, aber ein Fremdling bin ich, verflucht nochmal, nicht“, schäumte das Oberhaupt des Hauses Saxe-Coburg and Gotha und veröffentlichte unter dem Datum vom 17. Juli eine Bekanntmachung „mit königlichem Willen und Autorität“: Fortan gehörten die männlichen Nachkommen von Großmutter Victoria zum Hause Windsor, benannt nach der Burg, auf der sich englische Könige seit dem 12. Jahrhundert tummelten. Der Name Sachsen-Coburg-Gotha, den Victorias Prinzgemahl Albert in die Ehe mitgebracht hatte, wurde schließlich aus den Annalen getilgt.

Die patriotische Geste kam bei den Zeitgenossen auf der Insel gut an. Den Kaiser hingegen, eigentlich nicht gerade als Humorist bekannt, inspirierte die Umbenennung zu einer fröhlichen Bemerkung: Er freue sich schon, teilte Wilhelm II spitzbübisch mit, auf die nächste Aufführung von Otto Nicolais komischer Oper „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha“ – in Wirklichkeit spielt das Stück natürlich, ebenso wie Shakespeares Vorlage, in Windsor.

Die Königsfamilie ließ sich ihren deutschen Namen erst vergleichsweise spät vom Volkszorn abhandeln. Schon in den Jahren vor dem Weltkrieg hatte der neugegründete Geheimdienst MI5 und die stets rabiaten Massenblätter die Hysterie gegenüber allem deutschsprachigen geschürt. In Restaurants sollten die Kunden sich nicht länger von Deutschen oder Österreichern bedienen lassen, forderte „Daily Mail“, schließlich seien darunter viele Spione. „Und wenn der Kellner behauptet, er sei Schweizer, lassen Sie sich unbedingt den Pass zeigen“, hieß es.

Mit der Kriegserklärung am 4. August 1914 begann eine hysterische, im Nachhinein ebenso peinlich wie traurig wirkende Hexenjagd auf alles, was auch nur Deutsch klang. Die Fensterscheiben von Metzgern, Bäckern und Konditoren gingen zu Bruch, im Londoner East End starben Dackel (Englisch: dachshund) im Steinehagel, der „Deutsche Schäferhund“ (German shepherd) hieß neu-patriotisch „Elsässer“ (Alsatian) und die „Hanover Street“ wurde in „Andover Street“ umbenannt. Auch Menschen erhielten neue Namen. Aus dem Oxforder Professor Sonnenschein wurde Stalybrass, in Cambridge besuchten die Studenten Vorlesungen von Professor Walston, vormals Waldstein; der Komponist Basil Hindenburg hieß nun Basil Cameron, Gustav von Holst gab das verdächtig erscheinende „von“ auf. In den Programmen der Konzerthäuser waren deutsche Komponisten tabu, statt Richard Strauss wurde Tschaikowskij gespielt.

Erst als besonnene Geister darauf hinwiesen, dass ein Boykott sämtlicher deutscher Komponisten strenggenommen auch den vielgeliebten Georg Friedrich Händel einbeziehen müsse, gewann der Pragmatismus die Oberhand: Fortan galten tote Komponisten wie Händel, Bach und Beethoven als gut, lebende wie Strauss und Schönberg als schlecht – sozusagen die musikalische Antwort auf den Bischof von London, der seine Schäflein mit folgender Aufforderung aus dem Gottesdienst entließ: „Tötet Deutsche! Tötet sie! Tötet die Guten wie die Schlechten, die Jungen wie die Alten.“ Tausende „feindlicher Fremder“ (enemy aliens) wurden interniert.

Ein Admiral der Flotte erhielt wenigstens nur Berufsverbot: Der deutschstämmige Adlige Louis Battenberg wurde im Oktober 1914 vom Posten des Marine-Stabschefs (First Sea Lord) entlassen, seine Familie benannte sich 1917 in Mountbatten um. Unter diesem Namen heiratete 30 Jahre danach der junge Marineleutnant Philip aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg die damalige Prinzessin und jetzige Königin Elizabeth – der engen Verbindung zu Deutschland entgehen die britischen Royals also bis heute nicht.

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