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Wieder hochkommen sollte man schon Angelica Domröse im Interview

Mit der "Legende von Paul und Paula" wurde sie in der DDR zum Star. Nach zehn Jahren spielt Angelica Domröse nun das erste Mal wieder in einem Kinofilm mit. Ein Gespräch über Neuanfänge, ein Telegramm von Helene Weigel und den Anspruch auf Glück.

07.07.2012 20:51
Mit der "Legende von Paul und Paula" wurde Angelica Domröse in der DDR zum Star. Foto: dapd

Mit der "Legende von Paul und Paula" wurde sie in der DDR zum Star. Nach zehn Jahren spielt Angelica Domröse nun das erste Mal wieder in einem Kinofilm mit. Ein Gespräch über Neuanfänge, ein Telegramm von Helene Weigel und den Anspruch auf Glück.

Das Restaurant am Kurfürstendamm Ecke Olivaer Platz verströmt am späten Vormittag einen Hauch von Halbwelt. Ein Lederjacken-Pärchen mit Mops sitzt vor Sektgläsern, ein Kellner schüttet Eis in die Austern-Bar. Die verspiegelten Wände vervielfachen ein Interieur zwischen Kitsch und schäbiger Eleganz.

Angelica Domröse wohnt ganz in der Nähe. Sie ist zu Fuß gekommen, eine zarte, schmale Frau mit Baskenmütze, am Arm einen riesigen tropfnassen Regenschirm. „Der geht doch weg, der Regen“, sagt sie zum Fotografen. Der schüttelt den Kopf. „Nee, der geht nicht weg? Dann müssen wir ein Regenfoto machen.“ Sie kenne in der Gegend viele schöne Hauseingänge aus der Jahrhundertwende-Zeit. Und die Baskenmütze trage sie ja auch viel zu selten.

Frau Domröse, Sie haben nach fast einem Jahrzehnt wieder in einem Kinofilm mitgespielt. In der melancholischen Komödie „Bis zum Horizont, dann links“ spielen Sie eine alte Dame, die von ihrer Familie ins Altenheim abgeschoben wird und dort an einer Revolte der Alten teilnimmt. Wie kam der Film zu Ihnen?

Ich bin mein Leben lang zu Filmen und Theaterstücken gekommen, weil Leute wussten, dass ich da bin. Ich habe keine Agentur, ich habe mein Leben in der Hinsicht nicht geändert, als ich in den Westen kam. Es gibt viele Leute, die mich nur vom Theater kennen, weil ich ja viel weniger gedreht habe als früher. Früher habe ich sehr viele Spielfilme gemacht.

Warum haben Sie damit aufgehört?

Erstens hat es zu tun mit dem Wettlauf der Zeit. Mit dem Älterwerden werden die Rollen immer uninteressanter, und dann ist das auch immer eine Zeitfrage. Ich habe im Osten sehr oft parallel gearbeitet. Am Tage „Effi Briest“ gedreht und abends die schöne Helena gespielt, dadurch hatte ich über Jahre eine doppelte Belastung, aber es war ja alles in einer Stadt. Als ich im Westen das erste tolle Filmangebot hatte, wurde in Wiesbaden gedreht, „Collin“, nach dem Roman von Stefan Heym. Als ich dem Theater meinen Drehplan zeigte, hieß es, das geht ja gar nicht. Man kann nicht frühmorgens nach Wiesbaden fliegen und abends zur Vorstellung da sein. Ich habe das Angebot damals abgelehnt.

War das Theater immer an erster Stelle – und dann kam der Film?

Mit meinem Theaterengagement hatte ich für ein Standbein gesorgt. Hilmar (der Schauspieler Hilmar Thate, ihr Mann) und ich, wir sprachen immer vom Spielbein und vom Standbein. Als wir uns zutrauten, als freie Schauspieler zu arbeiten, waren wir sehr oft in Wien, Hamburg, München oder Bochum engagiert. Die Berliner Wohnung haben wir behalten, dadurch hatten wir eine doppelte finanzielle Verpflichtung. Aber ich glaube, so wie wir es gemacht haben, war es richtig.

Mögen Sie die Frau, die Sie in Ihrem neuen Film spielen?

Sie ist so ein kleines Segelschiff, das gar nicht weiß, wohin. Ich erkenne mich manchmal gar nicht und denke: Nehmt die arme Frau in den Arm, sonst springt die mal vom Dach. So eine höchst sensible Frau, sie sitzt da einsam wie im Glashaus zwischen den Heimbewohnern und muss erst einmal mit der allgemeinen Dummheit in Menschenansammlungen zurechtkommen. Es gibt keinen Tisch, an den sie sich setzen kann, ohne nicht irgendeinen Blödsinn zu hören.

Wütend wird diese Frau trotzdem nie.

Nein. Ich kann ja sehr aggressiv sein – spielend. Diese kalten Kräche. Aber bei ihr wäre ich nie auf die Idee gekommen, so etwas anzubieten. Oder herumzumurren, wie Otto Sander das in diesem Film in seiner Rolle macht. Das passt nicht zu ihr. Sie ist eine geduldige Frau.

Der Film wagt viele stille Momente, er handelt das Thema „Alter“ nicht als knallige Komödie ab.

Ich habe den Film nun gerade zusammen mit dem Team gesehen. Es fällt mir immer sehr schwer, mich in einem Film zu sehen. Früher dachte ich immer, das hat was mit Eitelkeit zu tun, aber ich bin gar nicht so eitel. Es muss nur viel Zeit vergangen sein, ehe ich meine eigenen Filme sehen kann. Die Arbeit ist noch zu nah. Wenn man sehr intensiv dreht, behält man etwas vom Tenor des Films in sich. Hier hatte ich es mit einem sehr verständnisvollen Regisseur zu tun, von einer Herzensbildung, wie du sie nur noch selten findest. Ein sehr geduldiger Mann. Das spürt man auch, wenn man den Film sieht. Ich wünschte mir öfter solche Filme, die, auf welche Weise auch immer, eine gewisse Tiefe haben und keine Action brauchen.

Warum gibt es, wie Sie sagen, so wenig interessante Rollen für ältere Schauspielerinnen?

Weil wir in Deutschland leben. In Frankreich und in den USA realisieren sie viel mehr gute Stoffe dazu. Aus Italien kommt ja nichts mehr. Mein Gott, was haben die für schöne Filme gemacht, als ich halbstark war. Geschrieben wird ja hier auch viel, weil auch Drehbuchautoren irgendwann einmal einen Verlust in der Familie erleben, jemanden, der Alzheimer bekommt. Und wenn du erst einmal in die Phase des Verlusts kommst, hörst du auf, ausschließlich Unterhaltsames zu schreiben. Nur wird es dann oft nicht realisiert. Denn die Filmleute glauben, bei den Frauen sei mit 45 Jahren Schluss, bei den Männern später. Aber ich leide nicht darunter. Das war nun meine erste Filmrolle im Alter, im Theater habe ich ja schon viel früher alte Menschen gespielt.

So wie Sie es schildern, sind Frauen im Filmbusiness Dekoration. Ist das wirklich noch so, nehmen die Spielräume für Frauen im Kino mit dem Alter ab?

Ja. Vor allem, wenn sie mal schön waren. Nicht immer ist es so, aber meistens. Ich war eigentlich froh, als ich nicht mehr so jung war, denn bei der DEFA gab es solche Vorstellungen auch. Die Frau musste hübsch, jung und lustig sein. Es ist doch in der Realität genau dasselbe, und da ist es viel schmerzlicher zu ertragen. Die Frau soll Erfahrung haben, soll ohne Familie sein wenn möglich, und am besten, sie ist dabei erst 21 Jahre alt. Ooch, ein Glück, dass ich das gar nicht so gemerkt habe.

Man kann diese angeblichen Normen ja auch ignorieren.

Ignoranz ist nicht meine Art.

Das Bewusstsein von „Alter“ zieht sich durch Ihre 2003 erschienene Autobiografie. Immer wieder fragten Sie sich, was im jeweiligen Alter möglich ist, und das schon mit Mitte dreißig. Und dann haben Sie mit fünfzig, eine Zahl, die Sie ins „Schlingern brachte“, wie Sie schreiben, in Wien bei George Tabori Stalin gespielt – und großen Erfolg damit gehabt. Warum hatten Sie immer so große Angst vor dem Älterwerden?

Angst hatte ich eigentlich nicht. Angst habe ich vor Siechtum, vor plötzlichem Krankwerden. Ich hatte mit 28 Jahren mal einen schweren Autounfall und weiß, wie nah ich dem Tod war. Ansonsten sage ich immer: alles zu seiner Zeit. Wenn sie weg ist, ist sie weg, aber wenn du sie durchlebst, dann ist das auch ein sehr schönes Gefühl. Aber jetzt gehe ich immer davon aus, dass man auch wirklich Arbeit hat. Es gibt ja so viel Elend auch unter Künstlern, die schon mit Ende dreißig nie mehr vor die Kamera kommen. Oder die an einem kleinen Theater sind und dann noch andere Theater bereisen müssen. Das ist halt so im Kapitalismus – die jungen Leute werden ausgebildet, obwohl die Theater schließen. Es wird nichts koordiniert.

Denken Sie noch oft an die DDR?

Vielleicht gerade wieder. Weil wir zurzeit das Buch von Marion Brasch lesen: „Ab jetzt ist Ruhe“. Ich denke an die atemberaubende Tragik in dieser Familie, ich kannte ja alle. Wie furchtbar das Leben von Thomas Brasch war. Kadettenanstalt in der DDR, da war er neun, NVA, Gefängnis, weil er während der Revolution in Prag 1968 in der DDR Plakate geklebt hatte. Das hätte ich nie getan.

Sie haben die Paula gespielt, die zur Symbolfigur wurde. Sie verkörperte eine Realität, über die offiziell geschwiegen wurde. Aber über „Paul und Paula“, den Film, der Sie in der DDR berühmt gemacht hat, wollten Sie eigentlich nicht mehr sprechen.

Ich habe ihn vor dreißig Jahren zuletzt gesehen.

Wenn man „Paul und Paula“ wieder sieht fällt einem auf, wie verloren diese Paula ist.

Die hatten alle einen Knacks weg. Das zu zeigen in der DDR, war mutig. Vor allem weil der Staat sagte, wir sind eine neue Gesellschaft, bestehend aus neuen Menschen. Da kann ich nur sagen: Prost Mahlzeit. Alleine die Kohlen in den Keller oder vier Stockwerke hoch zu schleppen, damit fängt es doch schon an. Und dieses Graue. Bloß nicht zu viel lachen. Mit zwei Kindern von zwei Männern allein. Nein, der Film kam schon zur richtigen Zeit. Die Paula hatte zwar eine gesicherte Arbeitsstelle – auch wenn es nur die Flaschenannahme war, aber das konnte es ja nicht gewesen sein. Es gibt schon einen Anspruch auf Glück, den man akzeptieren muss.

Als der Film in den 70er-Jahren in München gezeigt wurde, hat ihn das Publikum nicht verstanden, und Sie haben sich mit den Journalisten angelegt.

Die wollten wissen, die wievielte Ehe ich führe, und in welcher Partei ich sei, dabei war ich in keiner. Es war unerträglich. Damals konnte ich noch so richtig zickig sein. Ich habe nicht geantwortet, wenn ich nicht wollte. Also nannten sie mich „Dornrose“. Und dann gab es noch etwas, was mich aufregte, später. Ich galt als „Mischung aus Senta Berger und Uschi Glas“. Es ging nie ohne einen Vergleich mit jemandem aus dem Westen. Das war beleidigend.

Nur wenige Jahre später sind Sie doch in den Westen gegangen. Die letzten Jahre in der DDR sind eine Zerreißprobe, nach Ihrer Parteinahme für Biermann, bekamen Sie keine Rollen mehr. Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, Sie sind wie eine Seiltänzerin über diese Abgründe balanciert. Sie schildern eine Szene, in der Sie beim ZK um Ihre Möbel kämpfen, die vor Ihrer Ausreise in den Westen beschlagnahmt wurden und ins Köpenicker Heimatmuseum verfrachtet werden sollten. Im Matrosenhemd rannten Sie auf den Fluren herum. Das klingt wie aus einem Gauklerroman.

Seiltänzerin ist ein schönes Bild, aber gauklerhaft war die Situation nicht. Das wird es nur, wenn man später davon erzählt. Heute weiß ich, warum ich immer Angst hatte, warum ich nicht mehr schlafen konnte. Ich hatte immer Angst, die nehmen mir den Pass weg. Ich hatte immer Angst, die überlegen es sich anders, und wir dürfen nicht umziehen. Es war ja auch Schikane, wie willst du dich gegen Schikane wehren. Aber daran haben wir lange geknabbert.

Sie waren immer zu zweit. Hilmar Thate spricht von Ihrer Liebe auch als von einem „Bündnis“.

Ja, das ist sehr wichtig, was Sie sagen: dass ich nie allein war. Es gibt neben der Willkür eines Staates ja auch etwas, was viel schmerzhafter und unbewusster erlebt wird. Das sind die Tücken und Verführungen, die dieser Beruf mit sich bringt. Das heißt, dass du dein Talent so verschleißen kannst, dass du wirklich in die Knie gehst. Und nichts mehr kannst mit 27 oder 28 Jahren – da trifft das Bild der Seiltänzerin schon zu, denn ich hatte verflucht gute Instinkte und irrsinniges Glück, wann ich wem begegnet bin, auch als künstlerischem Partner. Dass die Weigel von mir gehört hat durch einen Regieassistenten, der Dozent an der Filmhochschule war und er ihr von mir erzählt hat und sie mir ein Telegramm schickte: „Vorsprechen“. Das sind ja Geschichten, die sind ja wie ausgedacht. Und sie sind nicht ausgedacht.

Neben Glück und Instinkt hatten Sie aber vor allem den großen Willen, diesen und keinen anderen Beruf zu haben. Bei jungen Filmschauspielern spürt man diesen Willen nicht so sehr. Da scheint vieles beiläufig zu passieren. Man wird im Café angesprochen und probiert es halt mal.

Das ist eine andere Generation. Ich war ja noch ein Kriegskind. Der Krieg war noch nahe, wir sind ja richtige Trümmerkinder gewesen. Mir hat richtig was gefehlt, als der Schutt nachher weg war. Wir hatten unsere Pfade zwischen den Schuttbergen, das war ja wie im Hochgebirge. Aus welchem Elternhaus man kam, das hat einen geformt – und ich wollte aus meinem vor allem weg.

Es fehlte Wärme in Ihrer Kindheit.

Ja, speziell in meinem Elternhaus.

Sie hatten einen Stiefvater, der Sie als Kind misshandelte. Ihr leiblicher Vater war ein jüdisch-französischer Zwangsarbeiter. Haben Sie ihn später gesucht?

Nein. Erstens hat meine Mutter mir das ziemlich spät erzählt, und dann war ich so mit mir beschäftigt und mit dem, was ich alles lernen wollte, dass ich nicht daran dachte. Ich wusste oft nicht, wie ich das alles schaffe, so wenig schlafen, den ganzen Tag drehen und abends Vorstellung. Helene Weigel hat mich dann mal ins Parkett gesetzt, ich musste zusehen. „Du setzt dich in die Proben, von unten sieht man mehr als von oben.“ Das sind so Sachen, die ich nebenbei von der Weigel eingeimpft bekam. Dann ging es weiter mit Benno Besson an der Volksbühne, und das war schon eine tolle Schule.

Hat Sie das Theater vollkommen absorbiert?

Das Theater mit diesen bestimmten Leuten damals, ja. Ich weiß nicht, wie es mir heute erginge. Ich will jetzt keine Namen nennen. Im Berliner Ensemble damals ergab sich der Lebensanspruch, die Lebensweise, die Leseweise, die Art, sich einzumischen, aus der Haltung der Weigel und einiger Emigranten. Denn den Brecht habe ich ja nicht mehr kennengelernt, da war ich ja noch zu jung. Und diese Leute haben einen großen Einfluss auf mich gehabt, auf den Geschmack, auf das, was man las, wie man sich anzog mit diesen schwarzen Rollkragen-Pullovern. Wir wollten mindestens so wie die Gréco aussehen. Heute muss im Theater schnell produziert werden. Und wenn es voll ist, weil ein Fernsehstar dabei ist, dann ist die Sache schon geritzt.

An welche Theaterrollen erinnern Sie sich besonders gerne?

Lieblingsrollen habe ich nicht. Da gibt es nur interessante Arbeiten und weniger interessante. Es geht immer um die Gesamtheit der Inszenierung. Natürlich, wenn die Theaterleitung dich bittet, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ zu spielen, dann weißt du, dass du darin auch eine anständige Rolle hast. Aber ich bin immer mit dem verknuddelt, was ich gerade mache.

Dauert es dann auch eine Weile, bis Sie die Rolle wieder ablegen, auch körperlich?

Nach „Stalin“ bin ich wie Stalin gegangen, was bei manchen Empfängen seltsam aussah. (Angelica Domröse geht mit vorgebeugtem Oberkörper und großen Schritten durch den Raum, eine Hand über die andere gelegt. Die kleine Vorstellung findet in der Raucherlounge des Restaurants statt.) Stalin machte diese großen Schritte, und dabei deckte er immer die Hand zu. Hitler hatte rechts den Tatterich nach einem nicht gelungenen Anschlag, der hatte eine Nervenkrankheit. Stalin hatte ein verkrüppeltes Händchen.

Sie haben diese Rolle in Wien gespielt, eine Stadt, die Sie immer besonders geliebt haben. War das Wiener Publikum anders als die anderen?

Ja, wenn die Wiener dich lieben, – und ich hatte dieses Gefühl – dann zerdrücken sie dich fast, das ist ungeheuer, da spricht dich jeder an, egal, ob man Piefkenese ist. Wir sind sehr befreundet mit Otto Schenk und seiner Frau und langweilen uns nie. Wir haben immer was zu lachen – also wenn ich Otto verstehe. Als ich hier die „Goldene Henne“ bekam, ist Otto aus Wien gekommen und hat die Rede gehalten.

Mit einem anderen großen österreichischen Regisseur haben Sie gearbeitet, als er noch nicht so bekannt war. Mit Michael Haneke, der gerade zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Mit ihm drehten Sie den TV-Film „Fraulein“. Hätten Sie gern auch später noch mit ihm gearbeitet?

„Fraulein“ war ein harter, kalter Film. Gerade für diese Kälte habe ich „Fraulein“ geliebt, es war schon alles da, was Haneke ausmacht. Ich finde alle seine Filme enorm. Als er „Das weiße Band“ drehte, in Brandenburg, war er manchmal bei uns in Berlin. Aber ich hätte da bestimmt nicht mitgespielt. Auch nicht in „Funny Games“, der davon handelt, wie eine ganze Familie von zwei jungen Männern vernichtet wird. Ich wäre nicht gerne auf einen Stuhl gebunden und dann ins Wasser geschubst worden.

In „Bis zum Horizont, dann links“ sieht man Sie zu Beginn in einer vielleicht viel mutigeren Szene. Die alte Dame sitzt auf dem Bett, und ihre garstige Schwiegertochter beklagt sich, weil ihre Schwiegermutter ins Bett gemacht hat.

Ja, wie schrecklich für eine alte Dame, die so viel Wert auf Ästhetik legt. Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, aber ich habe eine kleine Unsicherheit im Körper gespielt. Ich habe mir gedacht, ihr muss auch eine Balance fehlen, als sie im Altenheim ankommt, sieht sie ja fast aus, als müsste sie zusammenbrechen.

Sind das Ängste, die Sie auch umtreiben?

Wissen Sie, vor zwanzig Jahren habe ich mal das Spiel betrieben: Möchtest du blöd werden und das gar nicht merken? Oder möchtest du lieber im Kopf ganz klar sein und gebrechlich sein? Jetzt denke ich gar nicht darüber nach. Jetzt sage ich höchstens, wenn mich einer fragen würde: Schnell soll es gehen. Es sind aus unserem Freundeskreis schon so viele gegangen. Die Fotografen Arno Fischer und Sibylle Bergemann. Sie hat das Titelfoto für mein Buch gemacht, sie war mein Jahrgang, 1941. Und ich weiß noch, das Titelfoto wollte und wollte uns nicht gelingen, ich war nicht so, wie ich wollte, und sie hat sich über sich geärgert. Es war das allerletzte Foto, das sie an dem Tag von mir geschossen hat. Und dann sagte sie, komm mal her, und wir guckten so durch die Lupe, und ich sagte: Sag jetzt nicht, dass das nicht scharf ist. Bille, wenn du jetzt sagst, das ist unscharf, beiß ich dir die Nase ab. Nee nee, du, sagte sie, das ist scharf. So nah war der Tod noch nie bei uns wie durch den Verlust der beiden.

Gibt es Erinnerungen an Zeiten, die Sie ganz aus Ihrem Gedächtnis gelöscht haben?

Ich gehöre nicht zu der Spezies, die löscht. Das geht natürlich in die Psychologie. Aber wenn ich über meine Ängste oder über meine Widersprüchlichkeit sprechen sollte – also eines weiß ich: Das Wegschieben oder Einklammern oder Totschweigen oder Sich-ganz-davon-lösen, bis man gar nicht mehr weiß, wie es war, das war nie meine Art. Im Gegenteil: Ich habe immer Albträume gehabt, etwas vor-erlebt, dann erlebt und noch fünfzig Mal nachgelebt. Das ist nicht einfach. Ich bin oft an der Kippe der Melancholie und der fast krankhaften Zerreißproben. Für die Kamera ist das natürlich ein Fressen, weil die Kamera alles sieht. Alles. Für das Leben ist das natürlich nicht immer leicht. Aber ich kann gar nichts dafür, ich bin so gestrickt, damit musste ich umgehen lernen. Man kann vieles disziplinieren, man kann sich auch mal eine Zeitlang verschlucken und untergehen. Aber wieder hochkommen sollte man doch.

Interview: Chrstina Bylow

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