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Wetter Frost durch Erwärmung

Der Deutsche Wetterdienst zieht Bilanz:Wir erleben einen „milden Winter mit viel Niederschlag und Sonnenschein“. Wie bitte?

Rehbock im Schnee
Auch das Reh in Schleswig-Holstein bekommt’s zu spüren: In Deutschland ist es bitterkalt. Foto: dpa

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat seine Winterbilanz gezogen. Die Daten seiner 2000 Messstationen für Dezember, Januar und Februar sind ausgewertet, und die Offenbacher Experten verkündeten in dieser Woche: „In der Gesamtbilanz ergab dies einen milden Winter mit viel Niederschlag und Sonnenschein.“ Wie bitte?

Wer sich seit Tagen nur noch dick vermummt durch den Dauerfrost kämpft, mag das kaum glauben. Die Zugspitze schaffte am Dienstag sogar einen Kälterekord für dieses Jahr mit heftigen minus 30,4 Grad, aber auch im Flachland gab es überall eine gefühlte Eiszeit.

Doch der kalte Februar war halt ein arger Ausreißer – und kurioserweise einer, der möglicherweise sogar vom Klimawandel getriggert war. Betrachtet man die drei meteorologischen Wintermonate insgesamt, dominierten laut DWD Tiefdruckgebiete, die für reichlich Niederschläge, wenig Sonnenschein und kaum Nachtfrost sorgen. Weiße Weihnacht, man erinnere sich, gab es zumindest im Flachland nicht. Vielmehr Schmuddelwetter satt mit tief hängendem Himmel. Der deutsche Winter insgesamt war mit einer Durchschnittstemperatur von 1,6 Grad Celsius um 1,4 Grad wärmer als der international gültige Referenzwert aus der Periode 1961 bis 1990, und auch gegenüber der Periode 1981 bis 2010 waren es noch plus 0,7 Grad.

Die Offenbacher Wetterexperten verzeichneten zuletzt mehrere zu warme Monate, doch nun mit dem Februar „wieder einmal einen kalten Monat“: Mit im Durchschnitt minus 1,7 Grad lag er um 2,1 Grad unter dem Wert für 1961 bis 1990. Viele Nächte ohne Bewölkung führten dazu, dass zum Beispiel in Berlin, Gießen und Chemnitz keine einzige Nacht ohne Frost blieb. Winterluft aus der Arktis gelangte immer wieder nach Deutschland, und der Schwall besonders kalter Luft, der sich gegen Ende Februar aus Nord- und Nordosteuropa zu uns aufmachte, steckt uns noch in den Gliedern.

Solche Frostperioden mit kalter Nordostluft gehören einfach zum Winter, wie er in Mitteleuropa üblich ist – und doch ändert sich offenbar etwas daran. Die Erwärmung des Klimas, die in Deutschland im Durchschnitt gegenüber der vorindustriellen Zeit bisher rund 1,4 Grad beträgt, macht die Winter zwar hierzulande tendenziell milder und feuchter. Trotzdem kann es starke Kältephasen geben – und Klimaforscher haben festgestellt, dass die Dauer dieser Kältephasen in Teilen der Nordhemisphäre in den letzten 40 Jahren zugenommen hat. Das wiederum kann paradoxerweise damit zusammenhängen, dass sich die Arktis doppelt so schnell aufwärmt wie die Erde im Schnitt. 

Normalerweise ist die sehr kalte arktische Winterluft durch zwei Polarwirbel über dem Nordpol quasi eingesperrt, einen oben in der Stratosphäre, einen unten in der Troposphäre. Letzterer bildete sich in diesem Winter jedoch gar nicht aus, wodurch die Kälte nicht am Nordpol gehalten werden konnte. Dort wurden trotz Polarnacht zum Teil Plustemperaturen gemessen. Der obere Wirbel, bisher intakt, brach in der vorigen Woche zusammen. Dadurch öffnete sich der Weg für die Eisluft nach Süden – auch nach Mitteleuropa, auch nach Deutschland.

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