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Westjordanland Schlafwandler auf dem Mond

Im Westjordanland bieten Beduinen nächtliche Wandertouren an. Die schönste endet bei Sonnenaufgang über dem Toten Meer.

Auf dem Logenplatz für den Sonnenaufgang vor dem Toten Meer. Foto: Inge Günther

Zucker mit Tee nennen die Beduinen scherzhaft ihr Getränk aus dem Feuerkessel, das sie zu jeder Tages- und Nachtzeit genießen und natürlich auch ihren Gästen als Allererstes servieren. Es ist kochend heiß, stark und verboten süß. Aber es weckt die Lebensgeister nach einstündiger Anfahrt im Minibus, der auf den letzten Kilometern über eine immer holpriger werdende Sandpiste tief rein in die Judäische Wüste geruckelt ist. Von hier aus soll das Abenteuer losgehen, bei Mondschein durch die kahle Felsenlandschaft zu wandern, um am Ziel, quasi zur Belohnung, den Sonnenaufgang über dem Toten Meer zu erleben.

Aber erst mal heißt es ankommen in dieser zivilisationsfernen Welt, in der uns Abu Ismail vom Beduinenstamm Raschaida begrüßt, unser Führer durch die Nacht. Ahlan wa-sahlan, willkommen in der Wüste, dem Sehnsuchtsort aller Stressgeplagten. Ein Esel schreit, der Abendwind säuselt. Sonst herrscht Ruhe, so weit das Auge blickt. Nur schemenhaft flackern ganz hinten am Horizont die Lichter Bethlehems und einiger israelischer Siedlungen.

Abu Ismail ist 51 Jahre alt, hat zwei Frauen und 18 Kinder und dazu wer weiß wie viele Kamele. Sie stehen höchst malerisch in der Kulisse, ihre unverkennbaren Silhouetten verschwimmen in der Dämmerung. Zählen lassen sie sich ohnehin schwerlich. Kamelherden, berichtet Abu Ismail und schenkt Tee nach, unternehmen tagelange Alleingänge in die Wüste, bis sie von sich aus zu den Futter- und Wassertrögen ihrer Besitzer zurückkehren. Ohne Kamele, findet er, kann kein Beduine, der auf sich hält, leben – aber von ihnen auch nicht. Wenig gewinnbringend sind auch die Hühner und Ziegen, die sich in den Gattern drängen. Das ursprüngliche Beduinendasein, das Abu Ismails Großfamilie in ihren über die Hügel verstreuten Wohnzelten pflegt, ist ärmlich und ein täglicher Existenzkampf. Und deshalb setzen Abu Ismail und die Seinen jetzt auf alternativen Tourismus.

Auf die Idee hat ihn Siraj gebracht, eine palästinensische Organisation aus Beit Sahur, die seit zehn Jahren Wanderausflüge im Westjordanland anbietet. Mit deren Hilfe haben die Raschaida-Beduinen seit kurzem ein spezielles Programm auf die Beine gestellt. Wüstenexkursionen, inklusive Bewirtung und Übernachtungsmöglichkeit im eigens hergerichteten Gästezelt. Besonders begehrt ist die knapp dreistündige, zehn Kilometer lange Full-Moon-Walking-Tour. 20 Teilnehmer jedes Alters – die meisten aus Bethlehem und Jerusalem, manche sogar aus Tel Aviv – laufen in dieser Vollmondnacht mit.

Doch zunächst wird ein Beduinendinner serviert: Mansaf mit Huhn, eine Reistafel, zu der Sauce aus getrocknetem Joghurtstein und der typisch arabische Gurken-Tomaten-Salat gereicht wird. Am Firmament blinken die ersten Sterne, überstrahlt von jener runden, käsegelben Scheibe, die über dem Horizont aufsteigt und uns den Weg in der Nacht erhellen soll. Bis dahin bleiben noch ein paar Stunden, um am Lagerfeuer Kaffee zu schlürfen und den Gesängen eines alten Beduinen zu lauschen. Er spielt auf der Rababa, einem einsaitigen Instrument, dem er mit dem Bogen hingebungsvoll erstaunliche, auf Dauer aber etwas eintönige Klänge entlockt. Zeit für eine kurze Bettruhe auf tatsächlich frisch bezogenen Pritschen. Geweckt wird um 2.30 Uhr.

Der gefürchtete Moment – wer steht schon gerne mitten in der Nacht auf – erweist sich als erstaunlich leichte Übung. Der im Feuerkessel frisch aufgebrühte zuckersüße, schwarze Tee wirkt wieder Wunder. Noch zwei Wasserflaschen in den Rucksack gepackt, eine Taschenlampe ist auch nicht verkehrt. Dann stapfen wir raus in die Dunkelheit, die sich dank Vollmondbeleuchtung sehr bald in unterschiedlich helle Grauschattierungen aufzulösen scheint. Sobald sich das Auge daran gewöhnt hat, schimmert das Gestein, zeichnen sich immer deutlicher die Konturen der bizarr geschwungenen Wüstenhügel ab. Vögel fliegen aus Dornbüschen auf. Meditative Gedanken stellen sich ein. Man fühlt sich ein wenig wie ein Schlafwandler, der durch eine Mondlandschaft spaziert. Abu Ismail läuft voraus, der Tross stapft hinterher, das Schlusslicht bilden die Begleiter von Siraj, die aufpassen, dass niemand verloren geht.

Irgendwann, fast unmerklich, rötet sich der Himmelsrand vor uns. Die Schritte werden schneller auf dem letzten Anstieg zu dem Felsplateau hoch oben auf der zerklüfteten Steilwand. Geschafft. Unser Logenplatz, 500 Meter über dem Toten Meer, ist erreicht, rechtzeitig bevor die ersten Sonnenstrahlen vis-à-vis, hinter der Gebirgskette auf jordanischer Uferseite aufblitzen. Das Schauspiel, das sich uns bietet, ist atemberaubend und mit Worten kaum einzufangen. Die wechselvolle Lightshow geht so rasant ab, dass auch die Handys, die alle zücken, nur mit Glück die schönsten Momentaufnahmen erwischen.

Besser man sitzt still und genießt, wie die aufgehende Sonne die eben noch schwarzen Klippen leuchten lässt und das glatte Wasser in Pastelltöne tunkt, bis es gleißt, als ob ein Feuerball hineingefallen wäre. Unvermeidlich stellt sich Guten-Morgen-Laune ein und natürlich Hunger. Aber da sind schon die Jeeps der Beduinen, die uns abholen zum Frühstück in ihrem Zeltlager. Es gibt hartgekochte Eier, Humus, selbst gebackenes Brot und natürlich Zucker mit Tee, bevor es zurückgeht in die gewohnte städtische Zivilisation. Und vor allem ins Bett daheim.

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