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Weltvegantag Das Mekka der Veganer

In Israel gilt als modern, wer sich rein pflanzlich ernährt. Restaurants stellen ihre Angebote um. Und sogar die Armee nimmt Rücksicht auf vegane Soldaten.

Im „Nanuschka“ wird zwar weniger Wodka getrunken, aber Musik und Tanz gehören auch zum veganen Essen dazu. Foto: rtr

Sonntagabends tanzt Tamara Elichakov noch immer auf den Tischen im „Nanuschka“. In einem georgischen Restaurant, das auf sich hält, gehören Musik und Tanz einfach zu einem guten Essen. Wer darunter üppige Fleischportionen versteht, ist allerdings an der falschen Adresse. Im „Nanuschka“ werden die Haschapuri nicht mit Rind, Lamm und Käse gefüllt sondern mit Tofu und Spinat. Fleischlos sind auch die Kartufiliani, die Teigtaschen voller Kartoffelstückchen und Zwiebeln, sowie alle anderen Spezialitäten der georgischen Küche, die im „Nanuschka“ serviert werden. Besitzerin Nana Shrier, 47, hat ihr riesiges, zweistöckiges Lokal in der Tel Aviver Lilienblumstraße komplett auf vegan umgestellt.

Einfach war das nicht. Ihr einstiger Koch, wie die Chefin ein Einwanderer aus Georgien, zog die Schürze aus und lief davon. Er empfand es als Beleidigung, seine mit Wodka flambierten Steaks vom Grill, bis dahin der Hit des Hauses, durch vegane Gerichte ersetzen zu sollen. Auch Stammgäste rieten ab, das sei „doch nicht mehr georgisch“. Beirren ließ sich Nana Shrier nicht.

Vor zwei Jahren, so erzählt sie auf der Terrasse ihres Restaurants, sei sie im Internet auf Filme von Massentierhaltung gestoßen. Sie nennt es „Tierfolter“: „Wenn man das gesehen und ein bisschen Mitgefühl hat, kann man danach keine tierischen Produkte mehr genießen.“ Ein fleischloser Montag machte im „Nanuschka“ den Anfang. Einige Monate später wurde der gesamte Speiseplan umgestellt. Darf nicht mal ein Ei in den Teig? Nana Shriers dunkle Augen funkeln empört. „Hühner in den engen Legebatterien sind schlimmer dran als ein Huhn im Suppentopf.“ Manche Kunden blieben weg, viele neue kamen.

Wer vegan ist, liegt in Israel voll im Trend. Selbst die US-Kette „Domino“ bietet seit vorigem Jahr eine reine Gemüse-Pizza, überbacken mit Sojakäse, an. Kein angesagtes Restaurant kommt ohne pflanzliche Gerichte aus. Schon gar nicht in Tel Aviv, das manche bereits das „Mekka der Veganer“ nennen. Als Modeerscheinung, die vorüber geht, lässt sich das nicht mehr abtun. Dazu hält sich die Vegan-Bewegung in Israel schon zu lange. In den 1990er Jahren galt sie noch als alternativ-links. Inzwischen breitet sie sich auch in der etablierten Mittel- und Oberschicht aus. „Das ist, was man mit der Welt von heute verbindet“, sagt Rafi Grosglik, ein Ernährungspsychologe aus Tel Aviv. „Man ist Gourmet, fühlt sich im Einklang mit der Natur und dazu kosmopolitisch.“

Dass gerade unter den Israelis radikale Tierschutzaktivisten wie der jüdisch-amerikanische Vegan-Guru Gary Yourofsky so gut ankommen, hat noch andere Gründe. Yourofsky vergleicht die Schlachtung von Tieren gar mit dem Holocaust. Es ist eine Provokation, die einen israelischen Nerv berührt. „Unsere Gesellschaft neigt zu einem schrillen Diskurs, zu überzogenen Argumenten“, bescheinigt der Soziologe. Nicht wenige junge Israelis sind überzeugt, dass die Welt in 50 Jahren nur noch angewidert den Kopf schütteln werde, warum die Menschheit je „Tier-KZs“ erlaubt habe. Sie wolle jedenfalls nicht wie jene Leute sein, die den Holocaust erlebt, aber später nichts davon gewusst haben wollten, bekannte eine 16-Jährige auf einem Vegan-Fest.

„Man kann eine Menge Ideologie in den Veganismus packen“, sagt Grosglik, der über Bio-Nahrung in Israel seine Dissertation verfasst hat. „Enttäuscht vom Friedensprozess mit den Palästinensern engagiert sich die heutige Generation lieber für Tierrechte.“ Eine Kundgebung von Vegan-Freuden und Tierschützern brachte Anfang Oktober 10 000 Anhänger in Tel Aviv auf die Straße – mehr als dreimal so viel wie eine Friedensdemo wenige Wochen später.

Tali, 41, wäre gerne auf beiden Veranstaltungen dabei gewesen. Sie lebt bereits seit 15 Jahren vegan, eine Veteranin der Bewegung. „Heute“, sagt sie, „muss man sich zumindest dafür nicht mehr entschuldigen.“ Die politische Lage macht sie ratlos. „Aber wenn man gegen die Tierindustrie kämpft, setzt man sich doch auch für die Unterprivilegierten ein. Wir Veganer sind jedenfalls aufseiten der Opfer.“ Ganz so eng sieht Tali, die ihren Nachnamen für sich behalten möchte, die Sache aber nicht. Der elfjährige Sohn darf außer Haus ruhig mal ein Schnitzel bestellen. Er soll frei entscheiden, was er isst. Gegen Milch von glücklichen Kühen auf der Weide sei ohnehin nichts einzuwenden, findet Tali. „Aber die Milchindustrie, die ist noch brutaler als die Schlachthöfe.“

Die israelische Armee nimmt auf solche Einstellungen längst Rücksicht. Zu Mittag bieten die Kantinen in den Kasernen vegetarische Schnitzel aus Sojabohnen und Sojajoghurt an. Die paar hundert Veganer unter den Soldaten müssen auch keine Lederboots mehr tragen, sondern bekommen Kampfstiefel aus tierfreiem Material. An den Farben der nicht-ledernen Kappen, Schulterriegel und Gürtel werde noch gearbeitet, berichtet die Versorgungsoffizierin Liron Segal, „damit sich die Uniformen der Veganer äußerlich nicht von regulären unterscheiden“. Die Kosten scheut das Militär nicht, auch wenn die Extraausstattung laut Segal zwei- bis dreimal teurer sei.

Die Veganer – geschätzt auf fünf Prozent der israelischen Bevölkerung – sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In dem mediterranen Land, in dem ganzjährig frisches Gemüse und Obst gedeiht, sind viele vegane Mahlzeiten auch eine genussreiche Angelegenheit. Nicht wenige Israelis genießen sie zur Abwechslung des Speiseplans. Die jüdische Küche ist zwar nicht arm an Fleisch und berühmt für ihren „gefillten“ Fisch. Aber die koscheren Speisevorschriften, jene Kaschruth-Gesetze, die eine strenge Trennung von fleischig und milchig vorschreiben, erleichtern das vegane Leben, da es seit jeher Ersatzprodukte für Milch und Sahne gibt. Und die von den Arabern abgeschauten Falafelbällchen und der Hummus, beides aus proteinreichen Kichererbsen, sind an jeder Ecke zu haben.

„Eigentlich ist das ‚Nanuschka‘ sogar koscher-plus-plus“, meint die Besitzerin lachend. Auf die Kaschruth-Inspektoren legt sie dennoch keinen Wert. Ihre Vegan-Revolution ist säkular und ihre Jünger sind abgesehen von den Tierschutzaktivisten Gesundheitsapostel. Vegane Ernährung verschönere die Haut, vertreibe die Cellulitis und verjünge das Lebensgefühl, behauptet Nana Shrier. „Vegan ist sexy und dazu ein Segen für die Tiere.“ Die Kunden nehmen ihr das ab, der Laden ist voll. Nur der Umsatz ist nicht ganz so wie früher, als das traditionelle georgische Essen serviert wurde. Vor allem an der langen Bar wird weniger konsumiert. Veganer vertragen offenbar nicht so gut Wodka wie Fleischesser, die öfter mal Hochprozentiges für den Magen kippen. Aber der Stimmung tut das keinen Einbruch. Dafür sorgt die schöne blonde und ebenfalls vegane Tamara Eliashakov, die spät abends auf den Tischen tanzt.

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