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Weltreise So weit die Füße tragen

Ein Paar reist dreieinhalb Jahre um die Welt – ohne je in ein Flugzeug zu steigen. Ein Film dokumentiert ihr ungewöhnliches Abenteuer

Iran
Mit dem Motorrad durch die iranische Wüste. Foto: Patrick Allgaier

Alleine die Zahlen sind beeindruckend: dreieinhalb Jahr unterwegs, 38 Länder bereist, 96 707 Kilometer zurückgelegt, dabei nicht einmal das Flugzeug genutzt. Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser haben eine lange und intensive Reise hinter sich, deren Faszination sich aber nicht an nackten Zahlen festmachen lässt. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen könnten ganze Bücher füllen. Zumindest ein Reisemagazin ist gefüllt. Momentan touren sie mit ihrem Film über den Trip durch Deutschland.

März 2013, Freiburg im Breisgau. Während sich der örtliche Fußballverein anschickt, den Europapokal zu erreichen, der seinen Fans einige schöne Touren ermöglichen würde, brechen die 20-jährige Gwen und ihr neun Jahre älterer Freund Patrick zu einer viel größeren, viel weiteren und viel spektakuläreren Reise auf. Ihr Ziel: so weit in den Osten zu reisen, bis sie aus dem Westen wieder nach Hause kommen. Nur auf dem Land- und Wasserweg. Mit einem Budget von fünf Euro pro Tag. Ohne Zeitlimit. Aus den ein, zwei Jahren, die sie Freunden und Familie kurz vor Beginn zugerufen haben, wurden dreieinhalb. Und wer weiß, wie die Reise verlaufen wäre, wenn nicht mittendrin ihr Sohn Bruno geboren worden wäre.

„Was wir da gemacht haben, ist rational nicht erklärbar“, sagt Gwen heute. „Es war eine Mischung aus Bauchgefühl und Neugierde auf die Welt.“ Die Idee, lange und weit zu verreisen, hatte Gwen schon vor ihrem Abitur, das sie 2012 absolvierte. Zu dieser Zeit trug sich Patrick, der als freiberuflicher Kameramann arbeitete, mit ähnlichen Gedanken. Doch beide kannten sich noch gar nicht. Als sie sich dann 2012 trafen und verliebten, war schnell klar, dass Gwen „einfach die Reisepartnerin war, die ich gesucht habe“, so Patrick.

 

Sie ging acht Monate hart arbeiten, „sieben Tage die Woche, zwei oder drei Jobs parallel“, dazu kam das Ersparte von Patrick. Und los ging’s. Per Anhalter über den Balkan bis nach Moskau, weiter durch Zentralasien, den Kaukasus, den Iran.

Als sie die Grenze zu Pakistan überqueren, ahnen sie nicht, dass ihnen dort das bevorsteht, was sie später sinnbildlich für die ganze Reise als ihr persönliches Highlight hervorheben. „Wir hatten natürlich Bedenken, durch Pakistan zu reisen, das Land hat nicht gerade den besten Ruf“, erinnert sich die heute 24-jährige Gwen. „Und dann haben wir eine Freundlichkeit erlebt, die ihres Gleichen sucht.“ Ihr Freund ergänzt: „Die Menschen waren so dankbar, dass wir uns selbst vor Ort überzeugen wollten, wie es in ihrem Land zugeht, das war unbeschreiblich.“ Viel zu oft, da sind sich beide einig, würde die Welt nur politisch betrachtet werden. „Dabei wollen die Menschen in ihrer jeweiligen Umgebung einfach nur ein glückliches Leben führen“, sagt Gwen.

Ein glückliches Leben hat das Paar während seiner Reise, die weiter über Indien, Nepal und China in die Mongolei ging, auch selbst geführt. Die Erlebnisse in der teilweise unberührten Natur, übernachten in einem kleinen Zelt dort, wo sie sich eben niedergelassen haben, der unmittelbare Kontakt zu so vielen unterschiedlichen Menschen – und dann in Irkutsk, mitten in Sibirien, die große Überraschung: Gwen ist schwanger.

Schnell ist klar, dass das Kind in Mexiko zur Welt kommen soll. Und nicht in den USA oder Kanada, vor allem wegen der Kosten. „Und Mexiko ist ja auch ein schönes Land“, sagen beide lachend. Von Japan geht es per Containerschiff auf die andere Seite der Welt, wochenlang auf dem Ozean.

Bruno wird im Mai 2015 geboren, danach reist die kleine Familie im vor Ort gekauften, alten VW-Bus ein Jahr durch Mittelamerika. „Wir hatten 24 Stunden am Tag Zeit für unseren Sohn, er hat die Natur von klein auf kennengelernt, besser hätte es nicht sein können“, blickt die junge Mutter zufrieden zurück.

Zurück ist ein gutes Stichwort. Das mussten Gwen, Patrick und Bruno ja auch mal irgendwann: zurückkommen. Also erstmal wieder auf’s Schiff, ab nach Barcelona – und von da zu Fuß über 1200 Kilometer nach Freiburg.

Patrick mit einem Monowalker, den er – bepackt mit rund 50 Kilo Gepäck – hinter sich her zog, Gwen mit dem Sohn auf dem Arm. Pro Tag maximal 15 bis 17 Kilometer und vier Stunden unterwegs, danach Zeit, einfach eine normale – wenn auch sicher nicht ganz alltägliche – Familie zu sein.

Als in der Schweiz allmählich die Umrisse des Schwarzwalds zu erkennen waren, wussten Gwen und Patrick, dass es jetzt nach Hause geht. Im Spätsommer 2016 kehren die drei nach Freiburg zurück. Danach sofort in einen geregelten Job gehen, deutschen Alltag erleben? „Wir mussten erst einmal all die Erlebnisse verarbeiten“, sagt Gwen.

Und das machen sie auf ihre ganz eigene Art. Per Crowdfunding sammelten sie Geld, setzten sich an einen Film über die Reise und sind seit April damit auf Tour. Die Anfragen waren so zahlreich, dass sich eine professionelle Agentur um die Termine kümmert.

In Freiburg wird der Film mittlerweile drei Mal täglich in einem Kino gezeigt, das mit über 15 000 Besuchern schon jetzt einen neuen Rekord für sich aufgestellt hat.

Zu den Besuchern zählen häufig Menschen, die sich später bei den Machern melden und davon berichten, dass sie Tränen in den Augen hatten, als der Film lief. Es ist eben so: Die Faszination dieser Reise lässt sich nicht an nackten Zahlen festmachen.

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