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Weltkulturerbe Der siebte Engel von Bethlehem

Der Geburtskirche drohte bereits der Zerfall. Restauratoren haben sie davor bewahrt und retteten verloren geglaubte Kunstschätze.

Große Aufgabe: Italienische Restauratoren kümmern sich um die feingliedrigen Engelsbilder. Foto: upi

Von außen betrachtet ist sie nicht gerade eine Schönheit. Die Bethlehemer Geburtskirche ähnelt mehr einer Festungsanlage als einem der heiligsten Orte der Christenheit. Die Kreuzfahrer sorgten auch dafür, dass das einstige Hauptportal zugemauert wurde und nur eine niedrige Seitenpforte Einlass gewährt. Dort stauen sich vor dem engen Schlupfloch die Pilgerscharen, gerade zu christlichen Feiertagen. „Kopf einziehen und auf die Füße achten“, warnen die Reiseführer, bevor ihre Gruppen im Gänsemarsch, einer nach dem anderen, sich in gebückter Haltung durch die steinerne Stolperfalle zwängen.

Auch das Innere der Basilika wirkt auf den ersten Blick recht düster. Weil es eingerüstet ist, meckerten manche Besucher, dass es nicht genug zu sehen gebe, berichtet der palästinensische Tour-Guide Issa. Aber seitdem Anfang Dezember 2016 die Bauplanen gefallen sind, die das Mittelschiff der Kirche seit einigen Jahren einhüllten, ist Issa wieder guter Dinge. „Schaut empor“, empfiehlt er den Touristen mit stolzer Miene und weist auf die farbenfreudigen Wandmosaiken, die hinter dem Aluminiumgestänge hervorleuchten.

Wie vom Himmel hoch schweben darüber mannsgroße, golden funkelnde Engel. Sechs dieser Mosaikfiguren vermochten italienische Restauratoren von der dunkelbraunen Patina aus Kerzenrauch und dem Staub der Jahrhunderte zu befreien. Von unten betrachtet, waren sie bis dahin nur als schemenhafte Figuren zu erkennen. Und auch ein siebter Engel ist wiederaufgetaucht, der unter dickem Putz versteckt war. Mit der Geschichte dessen wundersamer Entdeckung will Issa demnächst seine Führungen ausschmücken. Selbst er, der die Geburtskirche in- und auswendig zu kennen glaubte, habe von all dieser Pracht nichts geahnt.

Noch ist sie nicht ganz enthüllt. Die Runderneuerung, die vor drei Jahren mit der Sanierung des undichten Kirchendachs und dem Einbau spezieller Fenster mit Klimafilter begann, ist längst nicht fertiggestellt. Elf Millionen Euro verschlangen bereits nachhaltige Instandsetzungsarbeiten plus die aufwendige Restauration von Ornamenten, Mosaikbildern und Schnitzereien. Um teils völlig marodes Gebälk auszutauschen, mussten Lärchen- und Zedernholz aus den Alpen und Anatolien importiert werden. Insgesamt 23 Container, beladen mit fehlenden Materialien, darunter Harze, Kalk und jede Menge dünner Bleiplatten zur Dachisolation, galt es durch die israelische Zollbürokratie zu lotsen. Schon das erwies sich als logistische Herausforderung und kostspielig dazu.

Einen Großteil des Geldes machten die palästinensischen Autonomiebehörden sowie der einheimische Privatsektor locker; der König von Marokko, die russisch-orthodoxe Kirche sowie europäische Staaten beteiligten sich ebenfalls. Die Wiederherstellung der massiven Holztür der inneren Vorhalle, ein geschnitztes Meisterwerk mit Inschriften aus dem 13. Jahrhundert, finanzierte Deutschland. Aber es fehlen noch sechs Millionen Euro, um auch die Gebäudefassaden und die fünfzig Marmorsäulen im Hauptschiff, die zur Hälfte mit verblichenen Fresken verziert sind, herzurichten.

Der Mosaikteppich aus dem sechsten Jahrhundert, der sich 60 Zentimeter unterhalb des jetzigen Steinbodens befinden, soll ebenfalls freigelegt und mit einer begehbaren Glasdecke bezogen werden. „Fehler können wir uns dabei nicht leisten“, meint Siad Bandak, der im Namen von Palästinenserpräsident Mabhmud Abbas das Restaurationskomitee leitet. Schließlich hat die Unesco die Geburtskirche 2012 als gefährdetes Weltkulturerbe anerkannt – eine Premiere für Palästina, die man nicht verpatzen will.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass die mehrheitlich muslimischen Palästinenser sich viel mehr für die Rettung dieses christlichen Heiligtums einsetzten als seine drei Hausherren. Jahrzehntelang hatten die Orden der Griechisch-Orthodoxen, Franziskaner und Armenier eifersüchtig über ihre Rechte und Ansprüche gewacht. Die Kirche, erstmals erbaut im vierten Jahrhundert über der Felsgrotte, in der Jesus das Licht der Welt erblickt haben soll, stand bereits kurz vor dem Verfall. Im Winter tropfte der Regen nur so herein, weil die zerstrittenen Glaubensgemeinschaften sich nicht über die kleinste bauliche Veränderung einigen konnten. Erst ein von Abbas 2009 erlassenes Dekret zwang sie zum Einlenken. „Wir mussten intervenieren, um eine Katastrophe abzuwenden“, sagt Bandak und fügt voller Nationalstolz hinzu: „Anderswo im Nahen Osten wie im Irak oder in Syrien werden Kirchen zerstört. Hier bei uns in Palästina werden sie gerettet.“

Die Spezialisten, die so etwas können, kommen allerdings aus Italien. Die in der Toscana beheimatete Traditionsfirma Piacenti hat sich bereits mit der Restauration der Uffizien in Florenz, des Katharinenpalasts bei Petersburg sowie chinesischer Pagoden einen Namen gemacht. 2013 erhielt sie nach einer palästinensischen Ausschreibung vom Abbas-Komitee den Zuschlag, sich gemeinsam mit Baupartnern aus Bethlehem der maroden Geburtskirche anzunehmen. Seitdem, erzählt Marcello Piacenti lächelnd, habe er die allermeiste Zeit in ihren Gemäuern verbracht. „Ein Privatleben kenne ich nicht mehr.“ Viel ist im verschlafenen Bethlehem, mal vom Trubel an den großen Feiertagen abgesehen, eh nicht los. Nach 21 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt.

Weit spannender findet Piacenti jedenfalls, verloren geglaubte Kirchenschätze wieder erstrahlen zu lassen. „Ich habe meine Arbeit schon immer geliebt“, sagt er, der bereits im jugendlichen Alter von 15 Jahren in den noch vom Urgroßvater gegründeten Familienbetrieb eingestiegen ist. „Aber dieser Ort hier weckt schon ganz besondere Gefühle.“

Es fällt nicht schwer, sie nachzuempfinden, wenn man über steile Trittleitern auf die Arbeitsbühne unterm Kirchendach klettert und plötzlich 800 Jahre alten, höchst lebendig wirkenden Engelsgestalten aus nächster Nähe gegenübersteht. Mit der dritten von links hat es eine eigene Bewandtnis. Weil ihr ein Stück vom Kopf fehlte, soll ein griechischer Mönch sie vor 200 Jahren kurzerhand mit Gips zugekleistert haben. Ein Engel ohne Antlitz erschien ihm wohl zu hässlich. Nur, wo war er versteckt?

Mit Thermokamera und detektivischem Gespür tasteten Piacenti und seine Kollegen die Wände ab. Sechs Mosaikengel, die in sehr schlechtem Zustand waren, hatten sie bereits restauriert. Aber die Suche nach diesem siebten, dem letzten Verbliebenen der ursprünglich zwölf Engelsfiguren, die einst, um 1169, im Auftrag des byzantinischen Kaisers und eines katholischen Bischofs kunstfertig zwischen die Bogenfenster gesetzt worden waren, verlief komplizierter als erwartet. „Wir waren schon ganz enttäuscht“, sagt Piacenti, „nachdem wir 95 Prozent der infrage kommenden Flächen untersucht und nichts entdeckt hatten.“ Einige unkten bereits, die Geschichte mit dem Mönch sei eine Legende. Der siebte vermisste Engel sei vermutlich abgestürzt, so wie andere große Teile der Mosaikbilder, die einst die beiden Innenseiten der Geburtskirche bedeckten. Im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte war ja vieles infolge von Erdbeben und eindringender Nässe einfach runtergebrochen oder mutwillig zerstört worden.

Aber dann, ganz zum Schluss, stießen die Restauratoren an der Nordseite des Kirchenschiffs auf etwas Großförmiges. „Wir waren uns sicher“, sagt Piacenti, „da muss was sein.“ Es war ein faszinierender Moment, als sie, umringt von dem gesamten Team, Italiener und Palästinenser, behutsam den Putz aufklopften und der verlorene Engel erschien.

Jetzt strahlt auch er wieder und streckt wie die restlichen geflügelten Mosaikfiguren seine Arme Richtung Geburtsgrotte aus. Fehlende Puzzleteilchen ließen sich nachgestalten und ersetzen. Keine leichte Aufgabe. Die originalen Künstler hatten die winzigen Glassteinchen im Heiligenschein mit unterschiedlichem Goldblatt belegt, um eine einzigartige Nuancierung zu erzielen. Von akribischer Mühe zeugen ebenso die diversen Farbschichten auf den Mosaiksteinen der Engelsgewänder und das für Gesicht und Hände ausgewählte Perlmutt.

Die gleiche Machart findet sich auf den vergoldeten Wandmosaiken, die lebensgroße Szenen aus dem Leben Jesu wiedergeben, mal im Kreise seiner Jünger, mal beim Ritt auf dem Esel nach Jerusalem. 130 Quadratmeter an Mosaiken sind noch erhalten, 2000 Quadratmeter sollen es bis zur Eroberung Palästinas durch die Araber im zwölften Jahrhundert gewesen sein. Sogar die schweren ausgeschnitzten Trägerbalken waren einst üppig mit Gold ausgelegt, von denen allerdings nur kleinste Partikel in den Rillen übrigblieben. „Wahrscheinlich müssten wir eine Sonnenbrille aufsetzen, wenn es hier heute noch so glänzen würde wie damals“, meint Marcello Piacenti.

Was von dieser Herrlichkeit übrig geblieben ist, lässt auch so das Herz eines jeden, der hinter die Baukulissen schauen darf und etwas für Kirchenkunst übrig hat, höher schlagen. Umso mehr hoffen palästinensische Christen wie Moslems in Bethlehem auf das ersehnte Touristengeschäft, wenn erst mal alles fertig sein wird, womit nicht vor 2019 zu rechnen ist. Aber dann, schwärmt Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun, „haben wir hier ein wahres Juwel“.

Rund zwei Millionen Besucher zählte die Geburtsstadt Christi im vergangenen Jahr 2016, meist fromme Pilger. Sie zieht, kaum aus den Bussen gestiegen, vor allem eines geradezu magisch an: der legendäre Krippenplatz in der unterirdischen Felshöhle der Kirche, markiert durch einen eingelassenen silbernen Bodenstern.

„Deshalb sind wir doch von weit hergekommen“, strahlen Praise und Hulda, zwei Frauen aus Nigeria, ganz beseelt. „Um zu sehen, woran wir glauben“ – die Geburtsstätte der Christenheit. Diese hochheilige Grotte, haben die kirchlichen Hausherrn denn auch ausbedungen, soll unter ihrer alleinigen Regie restauriert werden. Aus Respekt vor Gott und dem zwischen den Konfessionen austarierten Status quo.

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