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Weihnachten Neue Weihnachtsmänner braucht das Land

In Deutschland fehlen nicht nur am 24. Dezember verkleidungswillige Darsteller. Dabei ist die Nachfrage groß, obwohl er schon immer mit anderen Geschenkebringern konkurrieren muss.

Weihnachtsmann
Weihnachtsmänner und Engel der Studentischen Arbeitsvermittlung in Dresden. Foto: dpa

„Hier ist der Weihnachtsmann.“ Willi Dahmen nimmt seinen Job ernst. Schon am Telefon meldet er sich in der Rolle des Geschenkebringers mit Rauschebart, den sich der 66-Jährige selbstverständlich auch in natura hat wachsen lassen. Dahmen bietet nicht nur sich selbst auf seiner Homepage ehrenamtlich als buchbaren Weihnachtsmann an, sondern coacht im niedersächsischen Celle auch seit über zehn Jahren Freiwillige, die es ihm gleich tun wollen – ob im Advent in Kindergärten oder bei Hausbesuchen am 24. Dezember. „Ich will möglichst viele Familien glücklich machen“, sagt der kinderlose Dahmen, auf den an Heiligabend lediglich die Lebensgefährtin zu Hause wartet.

Bis dahin will er umso mehr Kinderherzen höher schlagen lassen. Schon alljährlich im Oktober veranstaltet der pensionierte Mitarbeiter der örtlichen Arbeitsagentur ganze Workshop-Tage, im letzten Jahr kamen sogar angehende Weihnachtsmänner aus ganz Europa ins niedersächsische Celle.

Und so milde Dahmen zu den Kindern ist, so streng ist er als Weihnachtsmann-Coach. Er achtet auf Gestik, Mimik, Sprache und Bewegung – und das mitunter vor so vielen aufgeregten Kindern, dass nicht jeder die Ruhe bewahren kann. „Man muss schon ein bisschen gemacht sein dafür“, sagt Dahmen, und meint damit nicht etwa Alter oder Statur eines Anwärters: „Als Weihnachtsmann muss man weder alt noch dick sein, sondern nur alt und dick aussehen.“ Sein jüngster Weihnachtsmann war 18 Jahre alt, für den obligatorischen Kugelbauch helfen Kostüme, zuweilen sogar aus Amerika. Denn was hierzulande zum Teil für wenig Geld auf dem Markt sei, überzeuge bisweilen kein Kind, weiß Dahmen. Seine Kostüme kosten bis zu 1000 Euro.

So betrachtet ist das Weihnachtsmann-Geschäft freilich nicht jedermanns Sache. „Kann sein, dass ich zu viel fordere“, räumt Dahmen ein. Zumindest mangelt es ihm in diesem Jahr an Nachwuchs. Bei den Anfragen, die bei ihm aus ganz Deutschland eingehen, könne er in diesem Jahr gut 40 Weihnachtsmänner mehr gebrauchen.

Aber nicht nur Dahmen klagt über ausbleibende Interessenten, die zu Weihnachten den Weihnachtsmann geben wollen. Fast 70 Jahre lang hat das Berliner Studierendenwerk eine eigene Weihnachtsmann-Vermittlung angeboten – in diesem Jahr erstmals nicht mehr, aus Mangel an Bereitwilligen. Dabei konnten sich Studenten am 24. Dezember gleich mehrere Hundert Euro an einem Abend verdienen. Aber auch das Online-Mietportal Erento teilte mit: „Deutschland gehen die Weihnachtsmänner aus.“ Dem Online-Vermittler zufolge – „erfahrene Weihnachtsmänner und Advents-Schausteller ab ca. 50 Euro/Stunde“ – sei der „anstrengende Job im Kostüm für Studenten immer weniger lukrativ“. Außerdem mache sich der demografische Wandel in Deutschland auch in der Sparte bemerkbar, sodass „immer mehr Weihnachtsmänner jenseits der 70 Jahre in Rente“ gingen, heißt es.

Klingt fast nach „weihnachtsmannfreier Zone“, einer solchen möchte das Bonifatiuswerk der katholischen Kirche nun schon seit 2002 alljährlich im Advent die Wege bereiten. Das Hilfswerk setzt auf den Heiligen Nikolaus als den eigentlichen Geschenkebringer in der Weihnachtszeit und bietet Schokoladenfiguren des einstigen Bischofs an – frei nach dem Motto: Nikolaus statt Weihnachtsmann. Analog zu Dahmen wartet das Bonifatiuswerk auch bundesweit mit Nikolaus-Schulungen auf. Doch sind die beiden Gestalten enger miteinander verwoben als landläufig bekannt, erklärt der Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti. Begonnen hatte alles mit Martin Luther: „Ihm war der Heilige Nikolaus lästig und er verlegte die Bescherung auf Weihnachten. Jetzt war es der ‚heilige Christ‘, der Protestanten die Geschenke brachte.“

Das Schenkfest am Nikolaustag und Nikolaus als Gabenbringer blieben in den protestantischen Niederlanden allerdings erhalten. Von dort aus exportierten Auswanderer den Nikolaus nach Amerika, erklärt Becker-Huberti. In der „Neuen Welt“ wurde er dann zum Santa Claus, die Bescherung fiel allerdings auf Weihnachten. „Aus dem hageren, asketischen Nikolaus wurde ein ‚weltlicher Herr‘, pausbäckig mit Bäuchlein, gemütlich und weißbebärtet.“ Das war die Geburt des Weihnachtsmannes, dem der Limonadenhersteller Coca-Cola tatsächlich 1932 erst seine finale Kostümierung gab. „Der Weihnachtsmann in den ‚Hausfarben‘ von Coca-Cola wünschte bei einer USA-weiten Plakat-Aktion neben einem Gabenstrumpf eine ‚erfrischende Pause‘. Seit diesem außerordentlich erfolgreichen Werbefeldzug ist der Weihnachtsmann standardisiert“, sagt Becker-Huberti.

Spätestens mit Coca-Cola kam dann auch der Weihnachtsmann „zurück“ nach Deutschland – lange nur in evangelischen Familien, die Katholiken entdeckten derweil das Christkind für sich. Und heute? Heute bringen Willi Dahmen und Co die Geschenke – als Weihnachtsmänner, versteht sich. Egal, ob Katholiken oder Protestanten anrufen.  

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