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Walfang in Japan "Walfleisch ist der Kern unserer Esskultur"

Im Streit um den Walfang zeigt sich Japan unbeugsam und beharrt darauf, die Tiere als Nahrung zu nutzen. Dem vom Internationalen Gerichtshof verhängten Verbot will sich die gekränkte Wirtschaftsmacht dennoch fügen.

02.04.2014 08:02
Von Lars Nicolaysen
Abschlachten auf hoher See: Die Umweltorganisation Sea Shepherd Australia hat den japanischen Walfangkutter „Nisshin Maru“ im südlichen Polarmeer fotografiert. Foto: dpa

Yachiyo Ichihara ist richtig wütend. „Dank des Walfleisches konnte ich mein Geschäft betreiben und meine Kinder großziehen“, schildert die Betreiberin eines Restaurants, das auf das dunkle Fleisch der Meeressäuger spezialisiert ist. Ein großer Teil des bei ihr auf der Speisekarte stehenden Fleisches stammte bisher aus Japans sogenannten „wissenschaftlichem Walfang“ im Südpolarmeer.

Dass der Internationale Gerichtshof den jetzt unterbindet, bringt Ichihara in Rage. „Das Gericht stürzt plötzlich in meine Küche und sagt ‚Iss das nicht!‘“, klagt die 64-jährige Japanerin in der Tageszeitung „Mainichi Shimbun“ am Tag nach dem in Den Haag gegen Japan verhängten Walfangverbot.

„Walfleisch ist nicht nur ein Gericht, sondern der Kern unserer lokalen Esskultur“, sagt Ichihara. Doch das trifft nur auf einige Küstenregionen wie die ihrige zu. Die große Mehrheit der Japaner macht sich dagegen nichts aus Walfleisch. Dass Japan trotz der geringen Nachfrage, der seit Jahren sich häufenden Lagerbestände an unverkauftem Walfleisch und massiver Kritik stur an der Jagd auf Wale im Südpazifik festhielt, hat denn auch nichts mit Tradition zu tun – auch wenn das immer wieder behauptet wird.

„Kann man eine Fischerei im fernen Südpolarmeer „traditionelle Kultur“ nennen?, sagte Jun Morikawa von der Rakuno Gakuen Universität in der „Mainichi Shimbun“ und äußerte Verständnis für das Urteil. Seit dem 1986 verhängten Walfangmoratorium habe Japan mehr als 10 000 Wale erlegt. „Das kann man nicht mehr wissenschaftlichen Walfang nennen“, gibt Morikawa den westlichen Kritikern recht. Doch während sich die einen realistisch zeigen, vertreten andere eine nationalistische Haltung.

Just einen Tag nach dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs deutete Fischereiminister Yoshimasa Hayashi an, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. „Walfleisch ist ein wichtiges Nahrungsmittel, und es gibt keine Änderung in unserer Ansicht über die Nutzung (von Walfleisch) zu wissenschaftlichen Zwecken“, sagte er laut japanischen Medienberichten.

Nur noch wenige Liebhaber

Japan hat schon immer argumentiert, dass Wale wie andere Tiere auch als Nahrung genutzt werden sollten, solange sie nicht vom Aussterben bedroht sind. Zwar bekräftigte Außenminister Fumio Kishida, sein Land werde sich dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes fügen. Doch sein Kollege Hayashi stellte klar: „Wir werden das Urteil anschauen und Wege finden, Walfang fortzusetzen.“

Dass die Jagd auf die Meeressäuger Japan keinen wirtschaftlichen Nutzen bringt, sondern subventioniert werden muss, ändert an Japans sturer Haltung nichts – Walfang ist für das Land schon seit langem zu einer Frage der nationalen Souveränität geworden. Umso mehr, als dass es die amerikanische Besatzungsmacht gewesen war, die Japan nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg dazu gedrängt hatte, für die hungernde Bevölkerung Wale zu schlachten, um sie mit Proteinen zu versorgen. Das ist allerdings lange her, und heute findet Walfleisch tatsächlich nur noch wenige Liebhaber.

Um das zu ändern, versuchte die Regierung Kritikern zufolge schon vor Jahren, in der Bevölkerung das Essen von Wal als ureigene „Tradition“ zu etablieren, indem man es zum Beispiel auf den Speiseplan von Schulküchen gesetzt habe. Und so will Japan auch nach dem Urteil in Den Haag die Hoffnung nicht aufgeben, den „wissenschaftlichen“ Walfang weiterzubetreiben, wenn auch nicht mehr im Südpolarmeer und möglicherweise in geringerem Umfang als die ganzen bisherigen Jahre, hieß es.

Mitsumasa Kamiota von der Abteilung für internationale Angelegenheiten beim Fischereiministerium wies noch in der Nacht nach dem Urteilsspruch japanische Reporter darauf hin, dass der Nordwestpazifik nicht unter das Urteil des Gerichtshofs falle. Außerdem könne man ja wieder mit dem Küstenwalfang anfangen, erklärte Takashi Matsuishi von der Universität Hokkaido in der Zeitung „Asahi Shimbun“. Die Preise für Walfleisch könnten zwar steigen. „Aber die Kultur des Walfleischessens wird zumindest nicht gleich sterben“, sagte Matsuishi. (dpa)

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