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Waldbrände Trotz Hitze: Kühlen Kopf bewahren!

Nach den Waldbränden bei Potsdam warnt Deutschlands einziger Professor für Feuerökologie vor übermäßiger Hysterie. Korrekturen bei den Feuerwehren hält er trotzdem für zwingend notwendig.

Großer Waldbrand bei Potsdam
Das Feuer in der Nähe des Autobahndreiecks Potsdam entstand direkt an der Autobahn und breitete sich rasend schnell aus. Foto: dpa

Die Bilder beherrschen die Nachrichten dieser Tage. Es brennt in Griechenland. Es brennt in Schweden. Es brennt in Brandenburg. Zuletzt habe es sogar große Flächenbrände in Grönland gegeben, sagt Johann Georg Goldammer. Dort waren Feuer vorher eher eine ziemlich große Ausnahme.

Goldammer ist studierter Forstwissenschaftler und arbeitet als Professor für Feuerökologie an der Universität Freiburg und ist damit der einzige dieser Art in Deutschland. Außerdem leitet er das Global Fire Monitoring Center, das ebenfalls in der Uni Freiburg sitzt, aber dem Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz zugeordnet ist.

Goldammer warnt vor Panik

Goldammer warnt nun davor, angesichts des Klimawandels und bisher weitgehend unbekannter Wetterphänomene in Panik auszubrechen. Schließlich zeichne sich die Entwicklung seit mehr als 20 Jahren ab. Allerdings nehme die Häufigkeit und Schwere von Trockenperioden auf allen Kontinenten und damit auch die Qualität von Bränden zu. Darauf müsse sich nicht zuletzt Deutschland besser einstellen.

Goldammer sieht Mängel bei der Ausbildung vor allem der Freiwilligen Feuerwehren, dem deutschen Rückgrat der Brandbekämpfung. So seien bei Bränden drei Faktoren ausschlaggebend: die Beschaffenheit des brennenden Materials, die Topografie und das Wetter – wobei das Wetter naturgemäß der variable Faktor sei. Das alles müsse man wissen. 

„Doch eine entsprechende Ausbildung dazu existiert nicht in Deutschland.“ Überhaupt seien Freiwillige Feuerwehren zwar gut darin, Wasser über lange Strecken zu einem brennenden Gebäude zu pumpen. Die Kapazität zur Brandbekämpfung ende jedoch meist an den Waldrändern. „Die Freiwilligen Feuerwehren sind nur beschränkt zum Löschen größerer Brände im Wald selbst ausgebildet und vorbereitet.“

Das zweite Defizit sieht der Feuerökologe bei der Ausrüstung. „Spezielle Löschflugzeuge haben wir gar nicht“, sagt er – anders als Löschpanzer. Es gebe zwar Hubschrauber mit Außenwasserbehältern, die Feuer löschen könnten. Das aber habe mit modernem Waldbrandmanagement nichts zu tun. Goldammer zufolge fehlten überdies leichte Schutzbekleidung nach internationalem Standard mit einschlägigen Handschuhen und Helmen, die ein längeres Löschen an Brandherden ermöglichten, sowie leichte Einsatzfahrzeuge wie Pick-ups mit 300 bis 400 Litern Wasserkapazität oder Rucksackspritzen und spezielle Handgeräte. Damit lasse sich bei Landschaftsbränden wesentlich effektiver arbeiten als mit den in Deutschland üblichen schweren Fahrzeugen und Feuerwehranzügen.

Das dritte Problem sieht Goldammer in der Zersplitterung der Zuständigkeiten. Die Verantwortung liege zunächst bei Städten und Gemeinden. Die Landkreise seien für die Aufsicht verantwortlich. „Das kann funktionieren. Es muss aber nicht funktionieren.“ Die Hoheit für den Katastrophenschutz liege wiederum bei den 16 Bundesländern.

Das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr seien schließlich zur Unterstützung da, hätten indes kein eigenes Mandat zur Brandbekämpfung. Und die bundeseigenen Forstflächen und Naturschutzgebiete befänden sich unter der Hoheit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die ebenfalls kein Mandat und keine Ausrüstung zur Bekämpfung von Landschaftsbränden besitze.

Goldammer mahnt

Der Brandexperte mahnt: „Wir bräuchten eine dem Technischen Hilfswerk vergleichbare Einrichtung zur Feuerbekämpfung und zur Bewältigung anderer Katastrophenlagen auf Bundesebene.“ Auch habe es bisher keines der 16 Länder als notwendig erachtet, ein eigenes Löschflugzeug anzuschaffen. Der Bund habe keine entsprechenden Kompetenzen. „Man könnte Ausrüstung gemeinsam kaufen und Kompetenzen bündeln“, sagt Goldammer. „Das gibt die Verfassung aber nicht her. Diese Schwäche unseres föderalen Systems sollten wir durch eine Verfassungsänderung korrigieren.“

Immerhin: Johann Georg Goldammer sieht trotz aller Defizite keinen Anlass für Hysterie. Zwar würden die Menschen stets erst aktiv, „wenn die Katastrophe eintritt“. Bis dahin scheuten sie einschneidende Entscheidungen. Im Übrigen seien viele Feuer der Gegenwart, die sich wie im Fall der Brände in Griechenland in dieser Woche rasant und innerhalb von einigen Minuten ausgebreitet hätten, ohnehin kaum beherrschbar. Freilich seien große und nicht durch Waldwege oder Straßen erschlossene Waldflächen wie in Nordschweden bei uns überhaupt kaum vorhanden, lediglich in wenigen Mittel- und Hochgebirgslagen.

„Wir haben keine so großen geschlossenen Waldgebiete. Jedenfalls wohnen dort keine Menschen“, so Goldammer. Ähnlich sehe es bei Siedlungen aus Wäldern, Büschen und Häusern wie in den Vorstädten Athens aus, die zu tödlichen Fallen würden. „Das lässt das deutsche Baurecht nicht zu. Eine Siedlung wie Fichtenwalde hätte beispielsweise in jedem Fall ohne Gefahr für die Bevölkerung evakuiert werden können.“

Der Feuerökologe aus Freiburg verzeichnet in Deutschland angesichts all der Bilder aus aller Welt also Korrekturbedarf. Doch ein Feuerinferno wie jetzt in Griechenland oder 2017 in Portugal sieht er bei uns so schnell nicht kommen.

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