Lade Inhalte...

Wabi-Sabi Ich fühl’ mich so schön elend und allein

„Wabi-Sabi“ heißt der neue Wohn-Trend nach japanischem Vorbild.

Japanische Handwerkskunst fürs Haus
Japanischer Purismus ist der neue Wohntrend für Dekorationen und Haushaltswaren. Foto: dpa

Bei Markus und Bianka, bei Susi und Karl, bei Stefan und Volker: Warme Hölzer, Industrie-Lampen und immer wieder taubengraue Wände. Manchmal kommt es einem ja vor, als sei man in der immergleichen Wohnung zu Besuch. Überall sieht’s aus wie in Skandinavien. Oder zumindest so, wie sich Markus und Bianka Skandinavien vorstellen. Der minimalistische und doch behagliche Stil passt eben hervorragend in unsere Zeit.

Zum einen werden Aspekte der kompromisslosen Selbstoptimierung, die unsere Gesellschaft fest im Griff hat, durch einen Fokus auf das Wesentliche ins Wohnzimmer übersetzt. Konzentration und Verzicht lassen sich so nicht nur durch gesunde Ernährung und maßvolles Konsumverhalten ausdrücken, sondern mit puristischen Tischlampen und formschönen Sofalandschaften gleich noch in die heimische Wohlfühloase stellen.

Zum anderen bedient der auf kleinbürgerliche Gemütlichkeit getrimmte Einrichtungsstil das sehr aktuelle Bedürfnis nach einem heimeligen Rückzugsort. In einer chaotischen und beängstigenden Welt wächst das Verlangen nach einem sicheren Rückzugsort. Was entsteht ist eine Art Neo-Biedermeier. Längst hat sich auch in Deutschland das Wort „Hygge“ durchgesetzt, das eine dänische Lebensphilosophie rund um Ausgewogenheit und Komfort beschreibt.

Selbst ein ganzes Magazin wird in Deutschland mittlerweile unter dem Titel „Hygge“ verlegt: „Einfach glücklich sein“ steht auf dem Titel, in der ersten Ausgabe drapiert sich die Redaktion breit grinsend um einen rustikalen Familien-Frühstückstisch. Die schönsten Feld- und Wiesenblumen werden auch noch aufgezählt und Rezepte für angeblich glücklich machende Zimtschnecken abgedruckt. Gottseidank: Damit soll jetzt Schluss sein.

„Hygge“ war gestern, „Wabi-Sabi“ heißt das neue Deko-Zauberwort. Das ästhetische Konzept – so mutet schon der Name an – kommt aus Japan und ist eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden. An sich kein schönes Wort, bedeutet „Wabi“ im ursprünglichen Sinne doch „sich elend, einsam und verloren fühlen“. Im Laufe der Zeit hat sich die Definition jedoch zu einer bewussten Lust auf das Einsam-Stille hin entwickelt. Das passt hervorragend zu einer Gesellschaft, die sich zunehmend aus Alleinstehenden zusammensetzt und den rustikalen Familien-Frühstückstisch der „Hygge“-Redaktion als blasses Wunschdenken enttarnt: 2016 gab es laut dem Portal „Statista“ rund 16,83 Millionen Einpersonenhaushalte in Deutschland, zehn Jahre vorher waren es noch 15,44 Millionen.

Und „Sabi“? Das bedeutet „alt und reif sein“ oder „Patina aufzeigen“. Ein erster Fingerzeig also, wie das Ganze designtechnisch aussehen kann. „Das Kunsthandwerk in Japan arbeitet oft absichtlich kleine Fehler ein“, zitiert die Deutsche Presse-Agentur Nicolette Naumann, Bereichsleiterin bei der Messe „Ambiente“, die in diesem Jahr vom 9. Bis 13. Februar in Frankfurt am Main stattfinden wird. In Teppichen etwa, werde die ein oder andere Stelle absichtlich lose gewebt, Keramiken weisen kleine Unebenheiten oder gar Absplitterungen auf.

Laut Naumann geht es bei „Wabi-Sabi“ also nicht bloß ums Produkt, sondern eher um eine Auffassung: „Vollkommenheit liegt nicht im Offensichtlichen.“ Das steht im starken Kontrast zum gefallsüchtigen Skandinaven-Stil, der die „Happy Family“ zum unumstößlichen Ideal, die Perfektion zur Realität stilisiert.

Bekannt ist diese gestalterische Haltung auch aus der japanischen Mode: Rei Kawakubo etwa ist eine Designerin, die ihre Marke Comme des Garçons oft dem Fehler als ästhetische Prämisse widmet. Sie kocht Wolle, bis sie einen harten Panzercharakter erhält, scheuert Baumwolle bis zu einer lappigen Qualität oder zerknittert Seide wie Papier.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen