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Vor Gericht Nett, intelligent, unauffällig und ein Mörder

Drei Jungen soll er getötet haben, 20 weitere hat er missbraucht – mindestens. Heute beginnt in Stade der Prozess gegen den pädophilen Maskenmann Martin N.

10.10.2011 09:02
Nancy Krahlisch
Mit diesem Phantombild suchte die Polizei nach Martin N. Foto: dpa

Er sieht nicht aus wie ein Monster. Ganz im Gegenteil. Martin N. sieht aus wie ein netter Kerl. Als solchen beschreiben ihn auch seine ehemaligen Nachbarn und Kollegen. Martin N. ist 40 Jahre alt; 1,93 groß und hat kurze, blonde Haare. Er lächelt viel. Zumindest hat er bis zu seiner Verhaftung viel gelächelt. Am heutigen Montag beginnt in Stade der Prozess gegen ihn, den sogenannten Maskenmann.

Seit 1992 missbrauchte und tötete Martin N. systematisch kleine Jungs. Vor allem in Norddeutschland trieb der gebürtige Bremer sein Unwesen. 1992 starb der 13-jährige Stefan J., 1995 der achtjährige Dennis R. und 2001 der neunjährige Dennis K.. Diese drei Morde hat Martin N. in den Verhören gegenüber der Polizei bereits gestanden. Einige weitere Morde könnten allerdings noch auf sein Konto gehen. Als Verdächtiger gilt er auch in mindestens einem Mordfall in Dänemark und einem in Frankreich.

Aber nicht jeder seiner sexuellen Übergriffe endete tödlich. Martin N. war es auch, der über Jahre hinweg mit einer Motorradmaske über dem Gesicht in Schullandheimen und Internaten Kinder missbrauchte. Sogar in Kinderzimmer drang er ein, missbrauchte seine Opfer und fuhr anschließend wieder nach Hause. Es schien ihn nicht zu stören, dass die Eltern der Jungen teilweise direkt im Nebenzimmer schliefen. Er muss sich unbesiegbar gefühlt haben, sagen Psychologen.

Im Alltag kontrollierte er seine Triebe

Fast 20 Jahre lang missbrauchte und tötete er, und niemand kam ihm auf die Spur. Wahrscheinlich wäre er auch heute noch auf freiem Fuß, wenn sich nicht ein ehemaliges Opfer 16 Jahre nach dem sexuellen Übergriff daran erinnert hätte, dass er ein paar Monate vor seinem Missbrauch in einem Ferienlager von einem der Betreuer darüber ausgefragt worden war, wo genau sein Kinderzimmer lag. Sogar aufmalen sollte er dem Betreuer die genaue Lage seines Zimmers im Haus seiner Eltern in Bremen.

Nachdem der mittlerweile erwachsene junge Mann seine Erinnerungen der Polizei geschildert hatte, nahm diese endlich Martin N. ins Visier. Die Beamten hatten einen Namen, der Verdächtige wurde observiert und Anfang April nahmen die Ermittler den mittlerweile in Hamburg lebenden 40-Jährigen fest.

Nach Angaben der Polizei konnte Martin N. seine Triebe im Alltag gut kontrollieren und führte ein unverdächtiges Leben. Von einer Fähigkeit zur „doppelten Buchführung“ spricht der Polizei-Psychologe Alexander Horn, der die Ermittler bei der Suche nach dem Täter beraten hatte. Ähnlich wie Nachbarn und Kollegen beschreibt auch er Martin N. als nett, hilfsbereit und intelligent.

Martin N. lebte allein, er war ein klassischer Einzelgänger. Seit seinem 21. Lebensjahr war er Single und deshalb keinerlei sozialer Kontrolle unterworfen, sagt der Psychologe.

Martin N. wurde in Bremen geboren und wuchs auch in der Hansestadt auf. Er studierte Lehramt, dann war er immer wieder als Jugendbetreuer tätig. Dass er Kinder sehr mochte, wussten seine Kollegen. Allerdings dachten sie sich nichts weiter dabei.

Mord an Dennis war ein Einschnitt bei den Ermittlungen

Seine Opfer, zumindest die, die mit dem Leben davongekommen waren, beschrieben ihren Peiniger immer als einen großen, schwarzen Mann mit einer schwarzen Maske.

Einer der drei getöteten Jungen war der neunjährige Dennis K., der im Jahr 2001 aus einem Schullandheim bei Cuxhaven entführt worden war. Tagelang blieb der Neunjährige verschollen, Zeitungen und Fernsehsender verbreiteten ein Foto des blonden Viertklässlers, auf dem er ein gelbes, hasenartiges Pokemon-Kuscheltier festhielt. Erst zwei Wochen später haben Pilzsammler seine teils entkleidete Leiche in einem Gebüsch gefunden.

Der Mord an Dennis K. war auch ein entscheidender Einschnitt bei den Ermittlungen der Polizei. Die Beamten kamen bei der Auswertung der Hinweise zu der Überzeugung, dass es sich nicht um einen einzelnen Fall handelte, sondern um die Tat eines pädophilen Serientäters. Immer mehr Verbrechen, bei denen ein schwarz maskierter Täter nachts in Schullandheimen oder Internaten Jungen sexuell missbrauchte und manchmal entführte und tötete, brachten die Ermittler mit dem Fall Dennis K. in Verbindung.

Nach seiner Verhaftung im April 2011 gestand Martin N. den Mord an Dennis K. und noch zwei weitere Morde. Ob das allerdings schon die ganze Wahrheit gewesen ist, wissen die Kriminalbeamten nicht. Die Ermittlungen laufen auch während des Prozesses weiter auf Hochtouren.

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