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Von der Weide in den Vorlesungssaal

Als Kind galt Turoop Losenge im Norden Kenias als schlechter Hirte. Darum haben ihn die Eltern auf die Schule geschickt. Heute ist er ein angesehener Professor.

25.05.2017 15:18
Von der Weide ins Labor
Leben zwischen zwei Welten; Der Professor mit seinem Vater Lesaoti Losenge. Foto: dpa

Als Turoop Losenge nach sechs Stunden Autofahrt verstaubt und durchgerüttelt in seinem Heimatdorf Ngeriyoi ankommt, führt ihn sein Weg zuerst zu den Ziegen und Schafen.
Sie sind der Lebensmittelpunkt und der kostbarste Besitz für das halbnomadische Volk der Samburu im Norden Kenias. Einige der Tiere gehören Losenge. Aber er kann sie weder von den Ziegen und Schafen der anderen im Dorf unterscheiden, noch weiß er, wie viele er genau hat. Für die Samburu ist das ein Sakrileg. „Sie denken, ich bin nicht clever“, sagt Losenge amüsiert, doch mit einem Anflug von Scham. „Sie glauben, ich verliere meine Identität, wenn ich meine Tiere nicht kenne.“
 

Turoop Losenge ist 45 Jahre alt und Professor für Gartenbau in Nairobi. Die kenianische Hauptstadt ist etwa 500 Kilometer entfernt von seinem Geburtsort, der aus sieben Lehmhütten besteht und in dem es bis heute keinen Stromanschluss, kein fließendes Wasser, keine Schule, keine Krankenstation oder gar eine gepflasterte Straße gibt. Vor Losenges Haus auf dem Gelände der Jomo-Kenyatta-Universität für Landwirtschaft und Technologie hingegen grasen weder Ziegen noch Schafe. In den Uni-Labors forscht er zu Krankheiten von Lebensmittelpflanzen, zurzeit Tomaten. Losenge ist der erste und bisher einzige Samburu, der es zu einem Professorentitel gebracht hat - er war auch als erster promoviert. Es gibt etwa 360 000 Samburu, die mit der bekannten Volksgruppe der Massai eng verwandt sind.

Als der Professor ein kleiner Junge war, eröffneten katholische Missionare die erste Schule in der Gegend, wie Losenge erzählt. Jede Familie musste demnach einen Jungen zum Lernen schicken. Losenges Vater, ein Analphabet, zeigte auf den schlechtesten Hirten unter seinen Söhnen: Losenge. „Alle kleinen Jungen mussten Ziegen hüten, aber ich habe es nie gemocht“, erinnert sich der Professor. „Es war sehr anstrengend, den Tieren hinterherzurennen.“ Die Schule wurde für ihn zum Refugium.

Dort ist ihm klar geworden: Bildung ist der einzige Ausweg aus dem Hirtendasein. Dann wurde ihm Gartenbau als Studienfach zugeteilt – eine solche Zuteilung ist für von der Regierung subventionierte Studenten an staatlichen Universitäten in Kenia bis heute üblich. Der Nomadensohn hatte erstmal keine Ahnung, was das bedeutete. Doch das Fach begann, ihm Spaß zu machen. Als Lebenspartnerin kam für Losenge nur eine gebildete Frau in Frage: Susan, auch eine Samburu, ist Finanzexpertin mit Masterabschluss. Die beiden haben drei kleine Söhne.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Wert einer universitären Ausbildung unter den Samburu herumgesprochen. Heute gebe es unter ihnen sechs Ärzte, zwei davon Frauen, erzählt Philip Leturuju. Der 30-jährige Arzt praktiziert in der Hauptstadt seiner Heimatregion, Maralal. Die meisten seiner Kollegen seien etwa in seinem Alter. „Die Zeiten, in denen wir nur Ziegen hüten, sind vorbei.“

Eine Kuh lässt sich nicht in Geld messen

Bis heute versteht kaum einer in Losenges Dorf, was eine Universität ist. Für die Leute ist Losenge „Lehrer in der Stadt“. Die Dorfbewohner schütteln über ihn den Kopf, weil er in der Stadt offenbar nicht genug Geld verdient, um sich eine große Rinderherde leisten zu können. Doch aus ihrem unbegabtesten Ziegenhirten ist ein Wissenschaftler geworden, der mit deutschen Universitäten Forschungen betreibt, zwei Jahre lang in den USA gelehrt hat, und an seiner Universität einen Lehrstuhl auf Lebenszeit hat.

„Ich bin gern zu Hause im Dorf“, sagt Losenge, „aber die Leute erwarten zu viel von mir. Jeder fragt mich nach Geld. Dabei zahle ich schon für mehrere Familien die Schulgebühren.“ Manche Nachbarn hätten große Rinderherden, aber für die Samburu lasse sich der Wert einer Kuh nicht in Geld messen. „Sie sagen mir, sie könnten doch keine Kuh verkaufen, wenn ich doch ein Gehalt habe“, seufzt er.

Turoop Losenge hat Ngeriyoi für eine moderne Welt hinter sich gelassen. Gleichzeitig ringt er um die Akzeptanz der Samburu, denn bei ihnen hat er seine Wurzeln. „Ich habe es nie bereut, mich für Bildung entschieden zu haben“, sagt er dennoch. „Ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe, und froh, sowohl mit der akademischen als auch der traditionellen Welt verbunden zu sein.“   (Anja Bengelstorff, dpa)

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