Lade Inhalte...

Verschwörungstheorien Für manche ist die Erde flach

Comeback der Verschwörungstheoretiker: Einige Menschen glauben, die Erde sei eine Scheibe und alle Regierungen der Welt steckten unter einer Decke, um das zu vertuschen.

Amazing island with grove floating in the air
Saftig grün, aber ganz schön flach: Auch so kann man sich scheinbar die Erde vorstellen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Jürgen Domian ist so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen. Über zwanzig Jahre hörte sich der Talkmaster nachts im WDR eine Stunde lang die Probleme von fremden Anrufern an, sprach empathisch mit unheilbar Kranken, Mördern, oder Menschen, die sich beim Verkehr gern als Babys verkleiden. Als im Oktober 2016 allerdings Manuel anruft, verliert sogar Domian das Verständnis. „Spinnst du?“ fragt er den 30-Jährigen, der sich gemeldet hat, um über „die größte Lüge, die der Menschheit je erzählt wurde“ zu sprechen. Manuel ist überzeugt: Die Erde ist eine Scheibe und alle Regierungen stecken unter einer Decke, um das zu vertuschen. „Dutzende Beweise“ gebe es dafür und auch wenn er keinen überzeugenden nennen kann, empfiehlt er allen Zuschauern dringend, sich darüber zu informieren.

Die Idee der flachen Erde ist bekanntlich alles andere als neu. Die „moderne“ Strömung der Theorie, die sogenannte „Flat Earth Society“ nahm ihren Anfang, als der Engländer Samuel Rowbotham 1849 ein Pamphlet mit seinen Thesen dazu veröffentlichte, welche er größtenteils auf Bibelpassagen stütze. Er war überzeugt, dass der Nordpol im Zentrum der flachen Erdscheibe liege, die wiederum von einer riesigen, unüberwindbaren Eismauer umgeben sei. Nach Rowbothams Tod zerfielen seine Anhänger in kleine Splittergruppen rund um christliche Vertreter der Theorie, die öffentliche Aufmerksamkeit sank auf Null. Bis ihr schließlich 2004 das Internet in diversen Foren wieder Leben einhauchte. Wie viele Sympathisanten der Verschwörungstheorie es heute tatsächlich gibt, lässt sich nur schwer einschätzen. Die Foren sind unübersichtlich, die Diskutanten anonym, aber vor allem in den vergangenen Monaten hat die öffentliche Wahrnehmung der Flacherdler wieder zugenommen. In den USA bezeichnete sich der erfolgreiche Rapper Bobby Ray Simmons alias B.o.B Anfang 2016 offen als „Flat Earther“, in Deutschland munkelt unter anderem die „Bunte“ über Xavier Naidoo als bekannten Vertreter der Gruppe. Der wollte angeblich während seiner Zeit bei der VOX-Show „Sing meinen Song“ das Fernseh-Team und andere Prominente von der Theorie zu überzeugen, indem er mit einem Lineal die fehlende Horizont-Krümmung demonstrierte. Die englischsprachige Facebook-Gruppe hat knapp 50 000 Fans, manche YouTube-Videos zum Thema über 500 000 Klicks. Die Diskussionen in den Gruppen sind aktiv und regelmäßig.

Domians Anrufer Manuel glaubt noch unkonventionellere Dinge, gesteht seinen Mitmenschen daran allerdings immerhin Zweifel zu. Er „gehe davon aus“, dass die Menschheit von reptilienartigen Wesen beherrscht werde (welche praktischerweise wie Menschen aussehen) und auch eine prominente Vertreterin der „Reptiloiden“ kann er identifizieren: Hillary Clinton (bei genauem Hinsehen an ihren Augen zu erkennen).

Erstaunlicherweise ist Manuel auch mit seinem Glauben an die Reptilienherrscher nicht allein. 2012 erhob das Meinungsforschungs-Unternehmen Public Policy Polling in den USA Umfragewerte zu Verschwörungstheorien. Das Ergebnis: Vier Prozent aller US-Amerikaner, das sind knapp dreizehn Millionen Menschen, sind sicher, dass „Eidechsen-Menschen“ ihre Finger in der Politik haben.

Nicht alle, die von der flachen Erde überzeugt sind, glauben auch an die Reptiloiden, doch eine Verbindung bietet sich an, weil sie den Schuldigen (Echsen) und den Grund (Weltherrschaft) für die Verschwörung liefert. Die Möglichkeit für Schlüsse dieser Art sind laut dem US-amerikanischen Professor für Politikwissenschaften Joseph Uscinski wichtige Kriterien für eine populäre Verschwörungstheorie: „Die attraktivsten Verschwörungen sind diejenigen, die es einer Person erlauben, den Feind ihrer Wahl zu bestimmen. Deshalb waren zum Beispiel die Theorien um den Tod von John F. Kennedy so beliebt. Man konnte das auf jede Macht schieben, die einem persönlich am meisten Angst machte: Die US-Regierung und damit verbundene Organisationen wie FBI oder CIA, die ehemalige Sowjetunion, oder auch Kuba“.

Nun sind Reptiloiden in der Regel nicht gerade die Macht, vor der Menschen die größte Angst haben. Aber besonders die Verbindung zu Hillary Clinton, der übrigens schon 2012 die Echsen-Identität unterstellt wurde, ist spätestens seit dem vergangenen Wahlkampf interessant, bei dem regelmäßig und so offen wie noch nie in der US-amerikanischen Geschichte von politischer Seite über Verschwörungstheorien gesprochen wurde.

Neben den offensiven Verschwörungs-Behauptungen, z.B. dass Clinton mit dem FBI konspiriere und das Wahlergebnis manipulieren werde, gibt es noch mehr Parallelen zwischen den Aussagen von Donald Trump und Anhängern der Scheibenerden-Theorie. „Dishonest Media“ ist einer der Lieblings-Begriffe des zukünftigen Präsidenten, für die Flacherdler haben die Medien eine aktive Verschleierungsfunktion. Auch der Umgangston ist ähnlich, bestimmt von Misstrauen und unverhohlener Arroganz. In der Facebook-Gruppe „Flache Erde – Wissensgemeinschaft“ kontert der Benutzer Michael Kurz auf Kritik an seiner Theorie über die rund erscheinende Erde: „Du bist sicher ein von der NWO bezahlter Systemling!? Ansonsten schau zum Himmel und mach die Augen auf!?“. Trumps Tweet über die bezahlten und von den Medien angestachelten Protestierenden ist bekannt.

Paranoid kann man das nennen, oder postfaktisch. Fakten schaffen wollen aber beide Parteien und dabei vor allem bestehende entkräften. Während das bei Trump schnell als politische Strategie durchschaubar ist, fragt man sich bei den Flacherdlern vor ihren Computern aber doch, was das Ganze eigentlich soll. Wieso macht sich jemand die Mühe, unzählige Beiträge und Kommentare zu schreiben, oder abstruse Videos zu produzieren, in denen Schattenwürfe analysiert, Entfernungen gemessen und diverse Weltall-Aufnahmen als Fälschungen identifiziert werden?

„Verschwörungen sind etwas für Verlierer“

Uscinski bricht seine Antwort auf einen provokanten Satz herunter: „conspiracies are for losers (Verschwörungen sind etwas für Verlierer)“, den er anschließend relativiert. „Ich meine das nicht abschätzend, aber Menschen, die keine Macht haben, nutzen Verschwörungstheorien, um sich auf Gefahren einzustellen (...) und ihre Wunden zu heilen. Denken Sie nur an den Morgen nach einer politischen Wahl, die Hälfte des Landes wird behaupten, die Abstimmung sei manipuliert worden, die andere Hälfte ist glücklich“. Dazu passen die Forschungsergebnisse des Mediziners Thomas Grüter, die er in seinem Buch „Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer“ darlegt: „Der Glaube an heimliche Verschwörungen speist sich aus zwei Quellen: Einmal die Neigung des Menschen, für seine Misserfolge äußere Umstände verantwortlich zu machen und zum anderen die Neigung der Menschen, die eigene soziale Gruppe für gut und andere schlecht zu halten. Das führt dazu, eigene Misserfolge oder Missgeschicke der eigenen Gruppe fremden Gruppen zuzuschreiben. Wenn eine Mitwirkung fremder Gruppen nicht nachzuweisen ist, wird eben ein heimliches Eingreifen behauptet“.

Manuel ist arbeitslos, weiß aber schon, als er das sagt, dass man ihn dafür verurteilen und glauben wird, den Grund für seine Überzeugung jetzt besser zu verstehen. Er weiß auch, dass er bei Domian nicht das beste Bild von seiner Community abgegeben, nicht die besten Argumente geliefert hat. Dafür entschuldigt er sich später bei Youtube. In dem Video trägt er einen Anzug, wirkt gepflegt, redegewandt, sozusagen „normal“. Ist Manuel also noch zu retten, haben seine Mitmenschen jetzt die Pflicht, ihm die Sache auszureden? Der Psychologe Rob Brotherton sieht das differenziert: „Wenn wir alle immer alles glauben würden, wäre das schlecht für unser Überleben. Denn manchmal handeln andere Menschen tatsächlich nicht in unserem besten Interesse“. Gesunde Skepsis gilt es also zu fördern, zudem sind viele Verschwörungstheorien schlicht unterhaltsam, wie Hollywood-Filme à la Matrix (1999) oder Anonymous (2011) demonstrieren. Sie animieren dazu, die Umwelt infrage zu stellen, selbst logisch zu schlussfolgern, und bieten Orientierung, die manchmal nur wenig fiktiver erscheint als beispielsweise gesellschaftlich anerkannte Konzepte der Kirche.

Manuel hat sich entschieden, an seinen Überzeugungen festzuhalten, obwohl die scheinbar so klar zu widerlegen sind, genau wie die knappe Hälfte der US-amerikanischen Wähler für Trump gestimmt haben, nachdem viele seiner Lügen in der Presse hinreichend offengelegt wurden. Neben allem Misstrauen scheint bei den Verschwörungs-Gläubigen aber oft auch ein großer Optimismus durch, der Glaube an eine Welt, die nicht nur aus Zufällen besteht, die besser sein kann, als sie ist. Manuel kann sich zum Beispiel die anhaltende Zerstörung der Natur nur durch die bösen Absichten der Reptiloiden erklären: „Ich glaube, dass der Mensch schon so vernünftig, wäre, dass er an einem gewissen Punkt erkennt, dass wir unsere Erde nicht noch weiter ausbeuten und zerstören können. Aber wir tun es Tag für Tag!“. In diesem Punkt würde ihm eine andere Gattung von Verschwörungstheoretikern widersprechen. Dazu gehören zum Beispiel die Klimawandel-Leugner Myron Ebbell und Rick Perry. Die sitzen allerdings weder sinnsuchend allein vor ihren Computern, noch träumen sie sich in filmische Fiktionswelten. Sie werden dieses Jahr Teil des Regierungskabinetts der USA.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum