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Verdeckte Ermittlerin in Hamburg Was von "Iris Schneider" übrig blieb

Fünf Jahre lang war die Undercover-Polizistin mit dem Decknamen "Iris Schneider" Teil der linken Szene in Hamburg. Ein Besuch bei Menschen, die ihr Leben mit einem Phantom geteilt haben.

Zuerst hatte er immer diese eine Szene aus „Matrix“ im Kopf, in der man mit einem Mal sieht, dass die Welt aus nichts als giftgrünen, nach unten rieselnden Zahlenreihen besteht. Manchmal fiel ihm auch „Die Truman Show“ ein, noch so ein 90er-Jahre-Film, der die flirrende Grenze zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit thematisiert. „In den ersten Tagen war das echt schräg“, sagt Nils*. „Ich bin morgens aufgewacht und habe mich gefragt: Wenn das nicht real war, was ist dann real?“

Nils, Anfang dreißig, mit Hornbrille und Wollmütze, hat sich auf eines der abgewetzten Ledersofas im Freien Sender Kombinat gesetzt, um von einer alten Bekannten zu erzählen. Der Radioredakteur ist einer von vielen Menschen in Hamburg, die in den vergangenen Wochen erfahren haben, dass es diese Bekannte nie gegeben hat. Oder zumindest, dass das meiste an Iris Schneider, an das sie sich erinnern, nichts als Kulisse war. Denn die Frau, die zwar wirklich Iris, aber nur zur Tarnung Schneider hieß, war eine Beamtin des LKA, losgeschickt, um ihre vermeintlichen Freunde und Mitstreiter auszuhorchen.

Als Nils 2003 zum ersten Mal ins FSK kam, war Iris schon da. Er habe die offene, hilfsbereite Frau gleich als Teil des Senders wahrgenommen, sagt er. „Alle kannten sie halt.“ Der alternative Lokalsender ist ein quirliges Projekt; wer da alle kennt, muss sehr präsent sein. Er könne sich gut erinnern, wie er als Neuling mit Iris Kisten und Kabel geschleppt habe, um ein Solidaritätskonzert für das stets klamme FSK live ins Radio zu bringen, sagt Nils. Damals habe sie ihn beeindruckt, weil sie auf die gewalttätige Darstellung von Sexualität im Gangsta-Rap geschimpft habe.

Der Schock sitzt tief

Später hätten sie dann Sendungen über Studiengebühren-Proteste gemacht, live von Demos berichtet. Jetzt frage er sich: War der kritische Standpunkt, war die Freundlichkeit nur gespielt? „Natürlich fragt man sich auch, was der Sinn dahinter war“, sagt Nils. Die Sendungen seien politisch nicht gerade aufregend gewesen, eher zu klassischen sozialen Themen, „die du auch in der ,taz‘ findest“. Trotzdem: Dass Iris Informationen über das FSK weitergegeben hat, und auch über ihn, davon ist Nils überzeugt. Es sei ein brutaler Gedanke, sagt er. „Und die, die ihr nah waren, die sind richtig geschockt.“

Der Schock sitzt tief in Hamburgs Szene. Während im Rathaus und in der Öffentlichkeit darüber gestritten wird, ob der Einsatz der verdeckten Beamtin verhältnismäßig, ob er legal war, regiert an den WG-Küchentischen und in den Kneipen zwischen Schanzenviertel und Hafen das Entsetzen. Mindestens von August 2001 bis März 2006 war eine Polizistin verdeckt in linken und queeren Projekten unterwegs. Sie hat im FSK gesendet und im Plenum des autonomen Zentrums Rote Flora diskutiert, sie war beim Ladyfest und hat bei den Lesbisch Schwulen Filmtagen mitgeholfen.

Die, die sie damals kannten, berichten sogar von zwei Liebesbeziehungen. Die Details des Einsatzes, der durch Recherchen aus dem Umfeld der Roten Flora aufgeflogen ist, liegen im Dunkeln. Der Hamburger Senat hat lediglich eingeräumt, dass Brandanschläge aus der linken Szene der Grund für den Einsatz waren und die Beamtin zur Gefahrenabwehr für das Hamburger LKA tätig war – und ab 2002 parallel in zwei Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts. Viele Akten sollen inzwischen vernichtet worden sein, aus Datenschutzgründen. Von der redaktionellen Tätigkeit im FSK, heikel wegen der Rundfunkfreiheit, will das Hamburger LKA nichts gewusst haben, auch nichts von irgendwelchen Liebesaffären. Der Innenausschuss wird sich am morgigen Mittwoch wieder mit dem Fall befassen.

Für die Menschen, die Iris Schneider kannten, stehen andere Dinge im Vordergrund. Das Gefühl zum Beispiel, systematisch betrogen und verraten worden zu sein. Oder die Frage, warum die Polizistin so zielstrebig in das FSK und die feministische Szene eingetaucht ist, wenn es doch angeblich um Brandanschläge ging. Was an ihrem Vorgehen war Taktik, was war echtes Interesse? Und so sitzt man beisammen und erzählt sich Geschichten von Iris.

Im Tonfall erstaunlich selten wütend, oft eher bedauernd, als ginge es nicht um eine Polizistin, die strategisch eine Tarnidentität aufgebaut hat, sondern um eine überzeugte Mitstreiterin, die mit einem Mal auf die Seite des Staates gewechselt ist. Und die Verbindungen zu Iris sind Legion. Da ist der Hamburger Student, der von einer Freundin erfährt, dass sie Iris von einem Kongress kannte. Da ist der Journalist, dem beim Betrachten eines Fotos von der Beamtin der Schreck in die Glieder fährt, weil er erkennt, dass das Bild auf einer Party bei seinen Nachbarn entstanden ist. Es wirkt so, als hätte jeder, der irgendwie mit linker Debatte, Bauwagenszene oder sonstiger Subkultur in Hamburg zu tun hatte, Iris gekannt.

Andreas Blechschmidt hat oft mit ihr zusammengesessen. Blechschmidt ist ein Urgestein und eine Art Pressesprecher der Roten Flora, er hat das ehemalige Varietétheater vor 25 Jahren mit besetzt. Iris habe lange Zeit am Hausplenum teilgenommen, sagt er, sie habe sich rege beteiligt und sei oft mit in die Kneipe gekommen. „Sie war keine stumme Mitläuferin, sondern hat inhaltlich mitgearbeitet“, sagt Blechschmidt. „Ihre politische Entscheidung, was in der Flora zu machen, konnte man auf jeden Fall nachvollziehen.“ Iris habe nicht zu allen im Haus einen guten Draht gehabt.

„Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die auf einem anderen Ticket bei uns unterwegs ist.“ Die späte Erkenntnis, dass die Frau Polizistin war, habe ihn persönlich wenig geschockt, sagt Blechschmidt. Er sei mit ihr nicht befreundet gewesen und über die Jahre ziemlich abgestumpft, was Spionage angehe – schließlich sei abstrakt immer klar, dass der Staat die Flora aushorche. Außerdem habe es gegen Iris schon 2002 einen Verdacht gegeben, und es sei ihm auch seltsam vorgekommen, als es 2006 hieß, sie würde mit der Szene brechen und in die USA gehen, sagt Blechschmidt. „Zuletzt wurde klar: Der Verdacht damals war wohl richtig.“

Die Kolleginnen von Iris Schneider, die im FSK mit ihr die Sendereihe „Re(h)v(v)o(l)te“ produziert haben, sind noch dabei, die Neuigkeiten aufzuarbeiten. „Es ist, als ob man mit Sicherheit weiß, dass vor acht Jahren jemand eingebrochen hat, aber unklar bleibt, was gestohlen wurde“, sagt Paula Zucker, eine von ihnen. Sie und die anderen in der feministischen Radiogruppe, die im Sommer 2004 von Iris Schneider mit gegründet wurde, fragten sich, welche Informationen die verdeckte Ermittlerin weitergegeben habe – und wieso die Redaktion überhaupt in den Fokus der Polizei geraten sei.

„Wir sind jetzt gezwungen, uns mit der damaligen Zeit auseinanderzusetzen“, sagt Regina Mühlhäuser, die 2004 auch im Vorstand des FSK war. Es sei erschreckend, zu wissen, „dass wir damals ausgespäht worden sind“. Zucker und Mühlhäuser beschreiben Iris Schneider ebenfalls als zupackende, robuste Person. Sie habe starke Positionen vertreten und die inhaltlichen Schwerpunkte von „Re(h)v(v)o(l)te“ mitbestimmt. Thematisch sei es damals beispielsweise um die Schließung von Frauenhäusern oder die zunehmende Kommerzialisierung des jährlichen Christopher Street Day gegangen, sagt Paula Zucker. „Dass das BKA dies überwacht und ausgeforscht hat, ist ungeheuerlich.“

Jan* hat Iris nicht nur gekannt. Er hat sie auch enttarnt – und zwar, wie er heute weiß, gleich zwei Mal. 2002 war in der Szene das erste Mal in privatem Rahmen der Verdacht geäußert worden, Iris Schneider könnte Polizistin sein. Misstrauen war aufgekommen, weil sie nie über ihre Vergangenheit sprach – sie gab an, wegen ihrer sexuellen Orientierung mit ihrer Familie gebrochen zu haben –, weil sie allein in einer unpersönlichen Wohnung lebte, weil sie immer Zeit hatte, man sie bei ihrem Job bei Galeria Kaufhof aber nie besuchen konnte.

Eine Zeitlang hätten er und ein paar andere versucht, den Verdacht zu erhärten, erzählt Jan, während er ein Holzscheit in den Kanonenofen in seinem Bauwagen wirft. „Wir haben sehr naiv versucht, die Wahrheit rauszufinden – und sind grandios damit gescheitert.“ Einmal hätten sie Iris sogar unter einem Vorwand zum Simpsons-Gucken getroffen und dann mit diesem Spielchen angefangen, bei dem man sich gegenseitig zeigt, wie albern man auf seinem Personalausweis aussieht. „Wir wussten ja nicht, dass verdeckte Ermittler richtige Papiere kriegen“, sagt Jan. Die Spionage habe nur einen Effekt gehabt: Das schlechte Gewissen, jemandem aufgrund eines vagen Verdachts Unrecht zu tun. Denn eigentlich sei Iris eine witzige, zuverlässige und starke Person gewesen. „Wir haben komplett versagt“, sagt Jan. Das Feuer im Ofen knistert.

Erst zwei Jahre später wurde das Misstrauen gegen Iris Schneider breiter bekannt. Als der Senat aus CDU und den Rechtspopulisten um Ronald Schill 2004 allem Alternativen, besonders aber Hamburgs Wagenburgen, den Krieg erklärt hatte, flog sie von einem Aktionstreffen. Einige der Aktivisten, die ihren Bauwagenplatz verteidigen wollten, wussten von den Verdächtigungen und wollten nicht mit ihr zusammenarbeiten.

Überstürzte Konfrontation

Daraufhin habe es eine „völlig überstürzte Konfrontation“ gegeben, erzählt Jan. Man habe Iris auf den Verdacht angesprochen, woraufhin sie erst zwei Tage abgetaucht und dann heulend zu all ihren Freunden gelaufen sei. Damit habe der Streit erst richtig angefangen – und die internen Vorwürfe gegen ihn und die anderen Verdächtiger, „weil sie so ein gutes Standing in der Szene hatte“. Viele Strukturen und Freundschaften seien am Streit über Iris zerbrochen, sagt Jan. Einige Leute seien sogar aus Hamburg weggezogen. „Und wir haben uns am Ende einzeln mit ihr getroffen und uns tränenreich bei ihr entschuldigt.“ Bis sie 2006 verschwand, angeblich um in den USA zu leben, galt Iris als rehabilitiert.

Im Herbst 2013, sagt Jan, bekam per Zufall jemand mit, wie sie auf einer Veranstaltung als LKA-Beamtin vorgestellt wurde. Der alte Fall, die alten Zerwürfnisse, wurden erneut Thema. Ehemalige Gegner und Unterstützer von Iris Schneider, Jan unter ihnen, setzten sich zusammen, um das Geschehen erneut aufzuarbeiten. Dass er schon vor zehn Jahren im Recht gewesen sei mit dem Verdacht, sagt Jan, berühre ihn heute nicht mehr besonders. Bei ihm bleibe vor allem das Gefühl einer Ironie des Schicksals. „Ich bin immerhin zehn Jahre damit rumgelaufen, das Leben von jemandem zerstört zu haben“, sagt Jan. „Mit dieser Schuld musste ich leben.“

Was für ein Mensch muss man sein, um über Jahre hinweg so viele Lügen durchzuhalten? Ein Montag im Dezember, es hat schon angefangen zu dämmern. Das Haus, in dem Iris Schneider, die eigentlich Iris P. heißt, heute wohnt, liegt dunkel und verlassen da. Ihr Name ist vom Klingelschild verschwunden, auf das Läuten reagiert niemand. Die Bewohnerin ist abgetaucht.

Das Haus ist eines von knapp 20 Flachdach-Neubauten im kleinbürgerlichen Rahlstedt, nebenan beginnt der Wald, ein paar Straßen weiter liegt eine Grundschule. In alle Fenster haben die Nachbarn Weihnachtsbeleuchtung gehängt, im ordentlichen Vorgarten von Iris P. steht ein Gartenzwerg im Deutschlandtrikot. Der größte denkbare Kontrast zur Roten Flora. Ein Spießbürgeridyll. Ein alter Bekannter von Iris vermutet, dass der Einsatz in der linken Szene für die Beamtin vielleicht sogar eine Chance war, aus ihrer hierarchischen Beamtenwelt auszubrechen. Andere Lebens- und Liebeskonzepte auszutesten. Allein, dass sie nach dem Streit 2004 und all dem Stress dageblieben sei, zeige das doch, findet er. „Ich nehme an, dass sie bleiben wollte. Sie war emotional total verstrickt.“ Das dunkle Eigenheim von Iris P. bietet keine Antwort.

Die politische Bedeutung des Falls

Über die Person der Ermittlerin zu spekulieren, führe sowieso nicht weiter, findet Werner Pomrehn. Iris P. sei ihm völlig egal, sagt der langjährige FSK-Redakteur, der ebenfalls mit der Polizistin zusammengearbeitet hat. „Mir geht es um die Betroffenen.“ Viele Menschen innerhalb und außerhalb des FSK müssten noch den Schock über die Enttarnung verarbeiten, sagt Pomrehn. „Die brechen noch regelmäßig zusammen, wenn sie stückchenweise realisieren, was sie alles mitbekommen hat.“

Außerdem treibt Pomrehn die politische Bedeutung des Falles um. Schließlich ist der Wirbel um die Ermittlerin nicht gerade der erste Hamburger Polizeiskandal. Erst im Januar hatte die Polizei, die von Ronald Schill ab 2001 systematisch nach rechts gerückt worden war, eigenmächtig ein Gefahrengebiet ausgerufen und drei Hamburger Stadtteile in den Belagerungszustand versetzt.

Heute erzählt man hinter vorgehaltener Hand sogar im Rathaus, die Polizei laufe seit Jahren immer wieder aus dem Ruder. Für Werner Pomrehn ist der Fall klar. „Die Polizei hat gelernt, dass sie hier alles darf, und dass es keine Institution gibt, die sie demokratisch kontrolliert“, sagt er. Das größte Problem sei, dass für den Einsatz von Iris P., für die Ausforschung von Menschen, für die Verletzung der Rundfunkfreiheit, niemand die politische Verantwortung übernehmen wolle. Der SPD-Senat lasse bisher nicht einmal richtigen Aufklärungswillen erkennen. „Das Wort Rechtsstaat wird so in seiner Substanz ausgehöhlt“, sagt Pomrehn. „Es wird zu einer reinen Floskel.“

* Name geändert

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