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Valentinstag Flirten wird outgesourct

Der Münchner Ingo Möbius ist Ghostwriter für Menschen, die online einen Partner suchen – ein Cyrano de Bergerac des Digitalzeitalters.

14.02.2014 08:15
Herz, outgesourct. Foto: epd

Unter dem verheißungsvollen Namen „Suredate“ vermittelt die Münchner Agentur von Andreas Laufer und Ingo Möbius Verabredungen. Gegen Bezahlung schlüpfen Ghostwriter online in die Rolle ihrer Kunden. Das heißt: Wer nicht will, muss auf Singlebörsen im Netz weder sein eigenes Dating-Profil erstellen noch mit potentiellen Partnern flirten. Das Chatten übernehmen stattdessen die Flirt-Experten. Ist das unmoralisch? „Ganz und gar nicht“, sagt Ingo Möbius im Interview. Aber kann man das Anbahnen der Liebe wirklich outsourcen wie das Ausfüllen einer Steuererklärung?

Herr Möbius, ich bin 35 Jahre alt…
…damit wären Sie schon mal in der typischen Altersgruppe für eine Singlebörse.

…Journalistin…
Oh.

Nicht gut?
Doch, doch. Sie haben offenbar erfolgreich studiert, sich in einer schwierigen Branche durchgesetzt, sind womöglich eloquent und an vielen Dingen interessiert. Das ist positiv. Leider muss man sagen, dass Sie mit diesem Profil zu den am schwersten vermittelbaren Personen auf dem Singlemarkt gehören würden, falls Sie Single wären.

Wie bitte?
Gut ausgebildete und beruflich erfolgreiche Frauen über 30 sind Problemfälle. Sie wollen in der Regel einen Partner, der ebenfalls Akademiker ist und umfassend gebildet, dazu nicht weniger verdient als sie. Solche Männer können sich dagegen meist gut vorstellen, eine weniger karrierebewusste Partnerin zu haben. Es ist nach wie vor normal, dass der Chefarzt die Krankenschwester heiratet, die Chefärztin hingegen sich selten mit dem Physiotherapeuten zufrieden gibt. Bei der Partnersuche im Internet geht es ausgesprochen viktorianisch zu.

Dabei suchen doch mittlerweile fast alle Singles auch in Online-Börsen wie Parship oder Elitepartner nach einer Beziehung.
Tun sie, ja. Fast acht Millionen sind laut einer Studie angemeldet. Online-Dating ist nichts, was einem peinlich sein muss. Das Problem: Virtuelles Kennenlernen verlangt ganz andere Talente als das Kennenlernen an der Käsetheke oder im Club. Für Sie als Journalistin mag es Alltag sein, sich schriftlich auszudrücken. Viele andere Menschen verzweifeln daran. Nehmen Sie einen Ingenieur der Physik. Der ist ganz gewiss kein Ladenhüter auf dem Singlemarkt. Aber womöglich mangelt es ihm an der Fähigkeit, spritzig, emotional und locker zu formulieren. Macht ja nichts. Aber es verbaut ihm im Internet von vornherein viele Chancen.

Und da kommen Sie ins Spiel. Sie agieren gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Andreas Laufer über die Münchner Agentur „Suredate“ als Ghostwriter für Menschen, die im Internet nach der großen Liebe suchen. Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen?
Nein. Warum? Die eigene Zeit ist kostbar. Und das Suchen und Finden der Liebe passiert nicht einfach im Vorbeigehen. Warum lassen die Leute einen Steuerberater ihre Steuer machen, eine Putzfrau ihre Wohnung putzen? Der Chef hat eine Sekretärin, die seine Geschäfts-Korrespondenz schreibt, Politiker nutzen Ghostwriter, die ihre Reden verfassen, Prominente, um ihre Biographien zu Papier zu bringen. Kein Mensch sieht darin etwas Verwerfliches.

Was Sie tun, ist nicht nur unromantisch. Sie stiften Ihre Klienten zu einer Lüge an.
Das sehe ich ganz anders. Letztendlich entscheidet doch sowieso das persönliche Treffen über Erfolg oder Misserfolg des Dates. Was vorher passiert ist, interessiert dann niemanden mehr. Schon im Mittelalter haben sich die Menschen an Schriftgelehrte gewandt, die ihre Liebesbriefe besser formulieren konnten. Wir blicken also auf eine lange Tradition zurück.

Kein Mensch erwartet im Profil einer Singlebörse Bachmannpreis-taugliche Prosa. Mit ein bisschen Übung müsste das doch jeder hinkriegen.
Schreiben kann man nur bedingt lernen. Natürlich gibt es beim ersten Anschreiben gewisse Regeln, wie zum Beispiel, sich einen bestimmten Aufhänger im Profil des Gegenübers zu suchen und diesen dann, kombiniert mit einer Prise Witz, anzusprechen. Das signalisiert Interesse am anderen und zeigt, dass man Humor hat. Aber nach dem Erstkontakt muss die Konversation ja weitergeführt werden. Es muss improvisiert werden. Die Antworten können nicht vorgefertigt werden. Und dabei hilft Suredate.

Wie genau funktioniert Ihr Service?
Im persönlichen Gespräch und anhand eines Fragebogens lerne ich Sie kennen, das ist ganz wichtig. Das Profil muss ja stimmig sein, es soll gleichzeitig neugierig machen und nicht zu viel preisgeben. Wir sprechen auch über das Foto, da kann man ganz viel falsch machen.

Was denn zum Beispiel?
Viele Männer lieben es, sich mit Kappe oder Sonnenbrille zu präsentieren. Absolutes No-Go. Beliebt sind auch angeschnittene Bilder, wenn der Kandidat lichtes Haar oder sogar eine Glatze hat. Das wirkt unelegant.

Also lieber ehrlich sein, auch wenn es manche abschreckt?
Ja. Ich behaupte, man kann jeden Menschen so in Szene setzen, dass er sympathisch rüberkommt. Nicht nur ein Adonis findet eine Partnerin. Man kann übrigens auch eine Fotosession bei uns buchen.

Sie erstellen aber nicht nur Profil und Foto. Wenn eine Bewerberin anbeißt, übernehmen Sie auch die Email-Korrespondenz, bevor es zum ersten Treffen kommt.
Ja, genau. Witzig schreiben können nicht alle.

Aber Sie?
Ich denke schon. Außerdem kann ich auf eigene Erfahrungen zurückblicken. Ich habe selbst schon einmal eine Frau über eine Partnerbörse gefunden. Die Beziehung hielt immerhin sieben Jahre. Vor allem bei der Selbstdarstellung im Profil lautet das Zauberwort: Selbstironie.

Was formulieren Sie denn zum Beispiel für Ihre Klienten?
Gut ist ein Satz wie: „Ich bin der Mann, denn du dir backen würdest ;-)“, gerne mit einem Zwinker-Smiley. Oder auch: „Ich habe einen riesigen Pferdestall, in dem wir die ganzen Viecher, die wir zusammen stehlen, unterstellen können.“ Vielleicht auch so etwas: „Ganz toll finde ich es, dass du dich im Abendkleid genauso wohl fühlst wie in Jeans. Ich hab das auch schon ausprobiert, konnte mich aber mit dem Abendkleid nicht so richtig anfreunden.“

Sie finden solche Sätze also nicht abgedroschen?
Nein, gar nicht. Man muss ja auch nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. Und natürlich sind das auch nur Beispiele, ich passe die Beschreibungen natürlich an.

Nehmen wir mal an, ein eher spröder Bankkaufmann sucht Sie auf. Er sieht durchschnittlich aus, sein Hobby ist sein Aquarium. Wie setzen Sie den in Szene?
Zunächst mal: Solche Männer sind keineswegs schwer vermittelbar! Unterschätzen Sie nicht, wie viele Frauen sehr gerne einen grundsoliden Mann mit festem Einkommen haben möchten. Jetzt ist natürlich die Frage, ob man das Aquarium wirklich gleich erwähnen sollte. Das ist schon ein wenig unglamourös.

Und wenn doch?
Dann am besten mit einem Augenzwinkern. „Ich züchte in meinem Wohnzimmer Piranhas“ oder so. Und als Bankkaufmann könnte er außerdem schreiben: „Ich arbeite zwar bei einer Bank, mit der Finanzkrise habe ich aber nichts zu tun!“

Mit Zwinkersmiley.
Warum nicht.

Schön und gut. Es meldet sich also eine hinreichend attraktive Frau, die die besondere Mischung aus grundsolidem Lebenslauf und Selbstironie zu schätzen weiß, und Sie schreiben muntere Mails hin und her. Lauern da nicht Fallstricke?
Nein. Sobald wir ein Date vereinbart oder die Telefonnummer einer potentiell interessierten Kandidatin übermittelt haben, bekommt der Kunde ein Transskript der Mail-Konversation, damit er weiß, woüber schon geschrieben wurde. Das ist eine Art Spickzettel. Dann muss er nur noch hingehen! Vertragsvereinbarung ist, dass wir unseren Kunden fünf Telefonnummern besorgen.

Und das klappt immer?
In der Regel ja. Falls nach längerer Zeit immer noch keine Bewerberin angebissen hat, bekommt er nach individueller Absprache einen Teil seines Geldes zurück.

Dann kommt also der Bankberater mit Fische-Faible in die Bar, und gibt nur hölzerne Allgemeinplätze von sich. Keine Spur mehr vom sprühenden Witz aus den Mails.
Fast alle Menschen schreiben ganz anders als sie sprechen. Und Nervosität beim ersten Date ist normal und wird auch so angesehen. Glauben Sie mir: Es ist noch nie einer aufgeflogen, und es wird auch nie einer auffliegen. Wenn keine Beziehung zustande kommt, dann hat das andere Gründe.

Aber selbst wenn die beiden zusammenfinden, hängt immer das Damoklesschwert der Lüge über dem jungen Glück, zumindest aus Sicht des Bankberaters.
Für manche ist es sehr wichtig, irgendwann damit herauszurücken. Ich rate zwar eher, für immer zu schweigen, aber wenn eine Partnerschaft hinreichend gefestigt ist, spricht nichts dagegen, von mir zu erzählen. Ich glaube kaum, dass eine Frau einen Mann in der Hochzeitsnacht verlässt, wenn so ein Geständnis kommt.

Werden Sie eigentlich nur von Männern gebucht?
Nein, keineswegs. Bei unseren weiblichen Kunden liegen die Probleme allerdings anders. Sie sind vom Online-Dating frustriert, weil sie zu viele unseriöse Anfragen bekommen oder von Männern angeschrieben werden, die sie im wahren Leben nie ansprechen würden. Die Folge: Sie melden sich wieder ab oder lassen ihr Profil ein Dasein als Karteileiche fristen. Den typischen Kunden gibt es bei uns aber nicht. Angefangen beim 25-jährigen Unternehmer, über die 45-jährige Ärztin bis hin zum 70-jährigen ehemaligen Investment-Banker reicht die Mischung.

Was kostet ihr Service?
990 Euro, Fotos extra. Man kann aber auch einzelne Dates buchen, das kostet dann jeweils 149 Euro.

Eine Menge Geld.
Stimmt. Aber was unsere Kundinnen und Kunden vereint: Sie arbeiten sehr viel und haben daher wenig Zeit für die Partnersuche. An Geld mangelt es ihnen aber nicht.

Aber sehnt sich jemand, dem schon Zeit und Lust fehlen, simple Kontaktanfragen zu versenden, denn wirklich nach der großen Liebe? Gerade am Anfang muss man doch Zeit in ein Kennenlernen investieren.
Diese Leute wollen ihren wertvollen und kurzen Feierabend eben nicht vor dem Computer mit Kommunikation verschwenden, die oft zu nichts führt, oder damit, lieblose, unseriöse oder schmuddelige Mails zu lesen und zu löschen. Fast jeder Mensch, selbst der überzeugteste Single, wünscht sich aber eine erfüllende Partnerschaft, die die Seele berührt. Wenn der oder die Richtige auftaucht, nimmt man sich die Zeit.

Wäre es da nicht womöglich erfolgsversprechender und auch zeitökonomischer, auf die altmodische Art an die Sache heranzugehen? Auf die Macht des Zufalls zu bauen, den Mann oder die Frau des Lebens in der U-Bahn oder an der Käsetheke kennenzulernen?
Wann sind Sie denn zuletzt U-Bahn gefahren und hatten Blickkontakt mit einem Fremden? Heute schauen alle auf ihr Smartphone und haben dabei Kopfhörer auf. „Sprich mich bloß nicht an!“ lautet die Botschaft. Jeder ist in seiner eigenen Gedankenblase unterwegs, und abends wird zur Partnersuche der Rechner hochgefahren. So ist das eben.

Haben mit Ihrer Hilfe eigentlich schon Paare zusammengefunden?
Oh ja. Von vieren oder fünf wissen wir, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es mehr sind. Auf die erste Hochzeit warten wir aber noch.

Interview: Anne Lemhöfer

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