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US-Hirnforscher Kandel "Als hätte ein Blitzlicht alles erleuchtet"

Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel spricht im FR-Interview über den Kampf gegen das Vergessen. Deutschland sei "ein ideales Beispiel für kollektives Gedenken", sagt er. Und Österreich, Herr Kandel?

29.06.2009 00:06
Medizinnobelpreisträger Eric Kandel kommt zur Premiere desDokumentarfilms "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" in Köln. Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Eric Kandel, einem der bedeutendsten Hirnforscher des 20. Jahrhunderts. Foto: dpa

Mr. Kandel, es gibt viele Pop-Songs über das Gedächtnis. Barbra Streisand gab in ihrem Lied "The Way We Were" sogar die genauen Koordinaten an: "Memories like the corners of my mind." Liegen unsere Erinnerungen tatsächlich an allen Ecken und Enden des Gehirns begraben?

Ganz im Gegenteil. Das Gedächtnis ist das Zentrum. Es ist der Klebstoff, der unser Leben zusammen hält, es bestimmt, wer wir sind.

Wo liegt es denn nun genau?

Verschiedene Erinnerungen sind an verschiedenen Orten gespeichert. Es ist bequem, sich das Gedächtnis zweigeteilt vorzustellen: Das implizite und das explizite Gedächtnis.

Das müssen Sie genauer erklären

Das explizite Gedächtnis ist ein bewusstes Erinnern bestimmter Tatsachen und Ereignisse, zum Beispiel: Was habe ich gestern nach dem Frühstück gemacht? Diese Erinnerungen befinden sich in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem Hippocampus und dessen Umgebung. Implizite Erinnerung betrifft perzeptuelle, wahrnehmungsphysiologische Prozesse wie zum Beispiel das Fahrradfahren oder die Rückhand im Tennis. Denken Sie an alles, was sie automatisch tun. Diese Fähigkeiten sind an anderer Stelle gespeichert.

Warum hinterlassen Filme oft stärkere Erinnerungen als reelle Ereignisse? Als Kind hinterließen Filme bei mir unauslöschliche Erinnerungen. Heute bin ich als Filmkritiker ganz froh, dass ich viele auch wieder vergessen kann.

(lacht) Da haben Sie aber Glück! Ein Film ist ein perfektes Beispiel für die explizite Erinnerung, es ist eine bewusste Erfahrung. Mir ging es genauso als ich als Kind in die USA reiste. So wie Sie kannte ich die ersten Filme auswendig, und Filme waren für mich auch der beste Englischunterricht.

Sie verließen Wien 1939, als Sie im Alter von neun Jahren mit Ihrer Familie vor den Nazis flohen. Haben Sie noch frühere Kinoerinnerungen?

Ich erinnere mich, dass ich als Kind im Kino Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie wurde erst kuriert, als ich mit einem Mädchen namens Mitzi ins Kino ging. Danach war es mit meiner Angst vorbei.

Jetzt sind Sie selbst im Kino zu sehen, als Hauptdarsteller in dem Dokumentarfilm "Auf der Suche nach dem Gedächtnis"...

(lacht): Das ist mal ein Film, an den ich mich sehr gut erinnere!

Darin beschreibt die Filmemacherin Petra Seeger Ihre Arbeit in zweifachem Sinne als Kampf gegen das Vergessen - zum einen zeigt sie uns den Hirnforscher, der versucht, die Alzheimer-Krankheit zu ergründen, zum anderen zeigt sie uns Eric Kandel als Mahner, der uns den Massenmord an den Juden durch die Nazis vergegenwärtigt. Ist es möglich, die kollektive Erinnerung im Gedenken an den Holocaust mit den Mitteln der Hirnforschung zu analysieren?

Das ist ein ungesichertes Feld, aber was man mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass es viele gemeinsame Erinnerungen gibt, die Menschen miteinander teilen. Und die einfachste Art, sich gemeinsam zu erinnern, ist diese Erinnerung auf die eine oder andere Art zu feiern. Deutschland hat in Sachen Gedenkfeiern Beachtliches geleistet - besonders im Gedenken an den Holocaust. Nehmen Sie nur in Köln die Stolpersteine aus Messing, die vor den Gebäuden, aus denen Menschen verschleppt wurden, in den Boden eingelassen wurden. Was für eine großartige Art, sich daran zu erinnern, dass selbst aus einem ganz normalen Gebäude Menschen gezerrt und in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Das ist kollektives Erinnern.

Dabei waren viele Denkmalprojekte ausgesprochen umstritten.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist phantastisch. Deutschland ist ein ideales Beispiel für kollektives Gedenken, Österreich dagegen ist eines für kollektive Amnesie. In Deutschland geht man ehrlich mit der Hitler-Vergangenheit um, und betreibt Aufklärung darüber. Ein Kollege an der Columbia Universität, der großen Einfluss auf mich hatte, der Theologe Reinhold Niebuhr, sagte einmal: "Die Fähigkeit der Menschen, Gutes zu tun, macht die Demokratie wünschenswert, ihre Fähigkeit zum Bösen macht sie notwendig." Die kollektive Erinnerung, das soziale Gute, bringt die Anständigkeit in den Menschen hervor. Ich interessiere mich sehr für den deutschen Widerstand, für Leute wie Dietrich Bonhoeffer. Als vor einigen Jahren an seinen Bruder, den Naturwissenschaftler Karl-Friedrich Bonhoeffer erinnert wurde, tauchte ich etwas in deren Familiengeschichte ein. Es ist doch erstaunlich, wie eng die Opposition zu Hitler untereinander vernetzt war. In kollektiven Strukturen wächst nämlich nicht nur das Böse heran, der Mut gedeiht dort auch.

Um noch einmal auf die Frage zurückzukommen, wie sich Bilder den Weg in unsere Erinnerung bahnen: Was passiert denn zum Beispiel, wenn die Wahrheit in ihnen schockierend ist? Die meisten Deutschen verschlossen sich 1945 vor den Filmbildern aus den befreiten Lagern und nahmen die Wahrheit nicht an.

Ich glaube, es war zu schrecklich für diese Menschen, einzusehen, was sie gemacht hatten und worin sie sich verstrickt hatten. Umso bemerkenswerter, dass sie dafür später von ihren Kindern zur Rede gestellt wurden. Aller Rassismus ist schwer zu verstehen.

Im hohen Alter kommen bei vielen Zeitgenossen des Dritten Reiches oft wieder verschüttete Erinnerungen zum Vorschein. Wie erklärt sich die Hirnforschung dieses Phänomen?

Sie meinen, wie es bei Günter Grass geschehen ist? Sicher, es gibt Erklärungen dafür. Erstens: Das Leben ist ein Kreislauf, am Ende kommt oft auch wieder der Anfang in Sicht. Zweitens sind die Erinnerungen an die Kindheit und die Jugend sehr, sehr mächtig. Die Erinnerung wird davon geformt, welche emotionale Bedeutung wir den Dingen geben. Wenn Sie hundert Filme gesehen haben, wird sie der hundertunderste nicht mehr so beeindrucken wie der erste, zweite oder dritte. In der Kindheit ist uns alles neu, synaptische Verbindungen werden viel leichter geknüpft, um wichtige Erinnerungen langfristig zu archivieren. Diese Strukturen bleiben die stärksten und bringen diese Erinnerungen im Alter wieder zurück. Drittens schließlich wird man im Alter philosophisch. Man blickt auf sein Leben zurück und fragt sich: Hat das eine Bedeutung? Gibt es vielleicht einen verborgene Linie?

In der autobiographischen Erinnerungsarbeit spielen für die meisten Menschen Fotos eine wichtige Rolle. Beobachten Sie heute eine größere Bereitschaft, den medialen Speichern mehr zu trauen als unserem eigenen Gedächtnis?

Sie sind viel jünger als ich und haben sicherlich viel mehr mediale Erinnerungen als ich. Von meiner Kindheit besitze ich genau vierzig Fotos. Mein Sohn hat vierzig Fotos von jedem Mal, wenn sein Sohn das Badezimmer benutzt! (lacht herzlich). Es ist eine völlig andere Welterfahrung. Jedes Mal, wenn ich irgendwo gewesen bin, schickt mir jemand eine Email mit einem Anhang von zwanzig Fotos. Wir leben heute in einem Bilderzeitalter.

Die Psychologie beschreibt langlebige, bildhafte Erinnerungen ja auch als "Blitzlichterinnerungen". Gilt das auch in der Neurowissenschaft?

Die Blitzlichterinnerung bedeutet, dass die emotionalen Obertöne so kraftvoll sind, dass sie gewissermaßen eine Erinnerung ins Gehirn brennen. Was geschah am 11. September 2001, was beim Kennedy-Attentat oder beim Ende des Zweiten Weltkriegs? Diese Ereignisse sind so mächtig, dass man sich sogar noch an das Wetter erinnert, als hätte ein Blitzlicht alles erleuchtet. Aber es gilt nicht nur für diese kollektiv-erinnerten Begebenheiten, sondern für alles, was uns emotional derartig wichtig ist. Ganz private Dinge: Wie ich den Nobelpreis bekam, meine Hochzeit, die Geburt meiner Kinder habe ich klar vor Augen. Oder die Bar Mizwah meiner Tochter. Was musste ich in unserer konservativen, frauenfeindlichen Synagoge dafür kämpfen: Sie war die erste Frau, die dort an einem Sabbat dieses Fest begehen durfte.

Wie kommt es denn, dass wir mit allen Sinnen diese Eindrücke sammeln, aber am Ende erscheinen uns die Erinnerungen vor allem als Bilder?

Weil wir ein phantastisches Augensystem haben. Im Gehirn haben viele Prozesse nur damit zu tun. Ich stimme Ihnen zu. Aber es gibt eine handvoll Leute, die von Marcel Proust beeinflusst sind und denken, auch das Riechen ist ein wichtiger Auslöser für Erinnerung. Sie essen eine Madeleine und vergessen den leckeren Geschmack nie. Mir persönlich geht das nicht so. Außer gestern. Da war ich in diesem herrlichen Kölner Fischrestaurant namens "Poisson". Daran werde ich m ich noch lange erinnern.

Interview: Daniel Kothenschulte

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