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Untergrundwirtschaft Die Höhlenmenschen von Singapur

Der Stadtstaat Singapur schafft unter der Erde ein Netz von Einkaufszentren, öffentlichen Plätzen, Fußgängerzonen und Fahrradstrecken.

In den Jurong-Rock-Höhlen wird unter anderem flüssiger Kohlenwasserstoff gelagert. Foto: rtr

Ein paar Meter unter dem Verkehrsstau an der Straßenecke Orchard Road und Scotts Road hat Singapurs Zukunft längst begonnen. Rund um die U-Bahn-Station Orchard wimmelt es in dem etwas unübersichtlichen Gewirr von Fußgängertunneln von kleinen Geschäften und Imbissbuden. Tausende von Menschen hasten durch die Gänge, um zu ihren Arbeitsplätzen in einem der 4300 Hochhäuser des südostasiatischen Stadtstaats zu gelangen.

Über der Erde der 720 Quadratkilometer großen Finanz- und Schifffahrtsmetropole wird seit dem Jahr 2009 diskutiert, ob die Singapurer wieder zu Höhlenmenschen werden sollen. Die „Untergrundwirtschaft“ des Stadtstaats mit seinen 5,4 Millionen Einwohnern schaffte rund um viele U-Bahn-Stationen längst Tatsachen. Ein Tunnel bringt Fußgänger unter dem Verkehrsgewühl der überfüllten Orchard Road zum Eingang des Mount Elisabeth Krankenhauses und eines Sexshops im Lucky Plaza Gebäude. Ein anderer mit besänftigendem Licht und penetranter Dudelmusik berieselter Untergrundpfad führt direkt in die Mitte des superteuren Takashimaya Einkaufszentrums.

Der Stadtstaat will in der Umgebung von insgesamt zwölf Kilometern Untergrund-Autobahnen und entlang der 80 Kilometer langen U-Bahn-Strecken mit einem Netz von Einkaufszentren, öffentlichen Plätzen, Fußgängerzonen und Fahrradstrecken eine unterirdische Spiegelwelt des bereits existierenden Konsumtempels Singapur bauen.

Wirklich zu wenig Platz?

„Ein großer Teil unseres Alltag läuft bereits im Untergrund ab“, sagt der nordamerikanische Architekt George L`Heureux, der seit Jahren an Singapurs National University lehrt, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute freiwillig im Untergrund leben wollen.“ David Ong, ein pensionierter Lehrer, brachte die Haltung der Singapurer gegenüber solchen Plänen vor Jahren gegenüber dem Online-Magazin „The Diplomat“ kurz und bündig auf den Punkt: „Warum sollen die Lebenden unter die Erde gehen? Nur die Toten kommen unter die Erde.“ Singapur gehe der Platz aus, erwidern Stadtplaner auf solche Einwände.

Die bisherige Politik, mit Hilfe von importiertem Sand aus den benachbarten Ländern den Inselstaat zu vergrößern, stoße an seine Grenzen. Denn Umweltschützer von Thailand bis Indonesien weisen seit dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 unermüdlich darauf hin, dass der Sand, der Singapurs Bauwahn ermöglicht, die eigenen Küsten wehrlos Gezeiten und Stürmen ausliefert. Der Stadtstaat werde langsam aber sicher zu klein, heißt aus Regierungskreisen immer wieder. Insbesondere die umstrittenen Pläne, die Bevölkerung mit Hilfe gesteuerter Einwanderung aus China auf etwa 6,9 Millionen aufzustocken, verlange den Ausbau von Wohnungen unter der Erde.

Professor L`Heureux jedoch räumt mit dem Mythos auf, wonach Singapur der Platz ausgehe. „Wenn alle Gebäude, die Singapur gegenwärtig aufweist, als einstöckige Häuser errichtet würden, blieben 40 Prozent von Singapurs 720 Quadratkilometer unbebaut“, sagt der Architekt. „Außerdem weichen viele Leute im Ruhestand nach Johor im benachbarten Malaysia aus. In Wahrheit wird die Mär vom knapp werden Platz in Singapur immer wieder belebt, um Grundstücks- und Wohnungspreise künstlich hochzuhalten.“ Oder um die massiven Kosten zu rechtfertigen, die bei der Stadterweiterung im Untergrund für die Steuerzahler entstehen. Der Bau des Ende 2013 fertiggestellten fünf Kilometer langen Marine Coastal Expressway, der einen 420 Meter langen Tunnel mit fünf Spuren pro Fahrtrichtung 20 Meter unter dem Meer einschließt, kostete etwa 900 Millionen US-Dollar pro Kilometer. Die Baukosten fielen doppelt so hoch aus wie ursprünglich veranschlagt. Wer im Untergrund bauen will, muss in Singapur laut Experten die vierfache Summe normaler Kosten veranschlagen. Das hinderte Singapurs Regierung nicht, in dem als Jurong Rock Gardens bekannten Areal in einer Ecke des Stadtstaats mit dem Aufwand von rund einer Milliarde US-Dollar Südostasiens erstes Untergrunddepot für 1,47 Millionen Kubikmeter Öl in Höhlen einzurichten. Wenn das Vorhaben einmal vollendet ist, soll dort auch eine Müllhalde eingerichtet werden, auf der Abfall von 40 Jahren verstaut und verarbeitet wird.

Kosten sind noch unklar

Die ambitionierten Pläne wecken trotz immenser Kosten bislang kein Misstrauen. Dennoch liegt der Verdacht nahe, dass sündhaft teure Optionen gegenüber billigeren Lösungen vorgezogen werden. Auch die Pläne für eine „Stadt der Wissenschaft“ im Untergrund werden nicht hinterfragt. Künftig sollen 4200 Wissenschaftler in 40 natürlichen Höhlen auf 200 000 Quadratmetern Singapur in ein internationales Zentrum für Informationstechnik, Biomedizin und Biowissenschaften verwandeln. Die Höhlen sind etwa 25 Meter hoch, jeweils rund 500 Quadratmeter groß und untereinander verbunden. 30 Stockwerke tief – 80 bis 100 Meter – soll die Anlage einmal werden.

Über die Kosten gibt es bislang keine genauen Angaben. Aber eine Machbarkeitsstudie gab bereits grünes Licht. Warum ausgerechnet die Wissenschaftler unter die Erde sollen, wurde bislang nicht erklärt. Übermäßig kreativ dürfte die künstliche Welt ohne Tageslicht auf Dauer kaum sein. Doch der Biorhythmus der Wissenschaftler gilt Singapurs Planern offenbar nicht als Hindernis. „Astronauten leben auch monatelang in einer künstlichen Welt“, schmetterte Zhao Zhiye vom Nanyang Center for Underground Space Vorbehalte ab. Schließlich leben in Coober Pedy, einem kleinen Flecken 846 Kilometer nördlich der australischen Stadt Adelaide schon heute 80 Prozent der Bewohner freiwillig in unterirdischen Häusern – um der brüllenden Hitze von 50 Grad Celsius vor der Haustür zu entgehen.

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