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Umweltkatastrophe Das Ökodesaster in Florida

An Floridas Golfküste findet ein Massensterben von Meerestieren statt. Greenpeace macht die Politik und Agrar-Unternehmen dafür verantwortlich.

Kanal am Fluss Caloosahatchee
Algen statt Idylle: Blick auf einen Kanal am Fluss Caloosahatchee. Foto: picture alliance

Den Ausflug mit dem Motorboot über den Caloosahatchee River zum Meer hat Peter Steinmüller nach kurzer Zeit abgebrochen. Im Flussdelta steuerte er durch einen 30 mal 30 Meter großen Teppich von toten Fischen. Bestialischer Gestank aus dem trüben Wasser reizte die Atemwege. „Das macht wirklich keinen Spaß“, stellt der 60-Jährige nüchtern fest.

Seit 20 Jahren macht der Inhaber einer Marbacher Spedition in Südwestflorida Urlaub. In Cape Coral besitzt er ein Ferienhaus an einem Kanal. „Hin und wieder gab es in der Vergangenheit ein paar Algen“, berichtet Steinmüller. Vor ein paar Wochen aber trieben plötzlich dicke blau-grüne Algenteppiche an seinem Grundstück vorbei. Die haben sich inzwischen zu stinkenden braunen Klumpen verdickt. Normalerweise schwimmen vor dem Garten munter Seekühe und Delfine vorbei und Fische springen aus dem Wasser. Nun ist die Kloake tot: „Da ist kein Leben mehr.“ 

„Meerestiere-Massaker von gigantischem Ausmaß“ 

Was Steinmüller mit Entsetzen beobachtet, ist die Facette einer gewaltigen Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko. An der bei Urlaubern beliebten Westküste Floridas ereigne sich gerade ein „Meerestiere-Massaker von gigantischem Ausmaß“, urteilt das angesehene National Geographic Magazine. Auf einer Strecke von mehr als 150 Kilometern zwischen Sarasota und Naples müssen jeden Morgen die Strände von Kadavern gereinigt werden. Zehntausende tote Fische, mehr als 400 Meeresschildkröten, Hunderte Kormorane und Pelikane sowie zahlreiche verendete Delfine und Seekühe wurden nach amerikanischen Medienberichten seit Anfang Juli gezählt.

Vor zwei Wochen spülte die Flut gar einen acht Meter langen toten Walhai an die Küste von Sanibel. Die kleine Insel mit ihren Postkarten-Stränden voller exotischer Muscheln ist eigentlich ein touristisches Juwel. „Als ich 2011 hier hinkam, fühlte ich mich wie im Paradies“, gesteht Heather Barron, die Forschungsdirektorin der örtlichen Wildtierklinik. Damit ist es vorbei. „Praktisch alle Tiere hier sind geflohen oder tot. Es gibt nur noch Aaskrähen und Geier“, berichtete die Veterinärin dem Miami Herald: „Ich fühle mich wie in einer Geisterstadt.“

„Red Tide“ nimmt den Sauerstoff 

Ursache des apokalyptischen Fisch- und Vogelsterbens, davon sind alle Experten überzeugt, ist die „Red Tide“, die starke Vermehrung einer aggressiven Algenart, die Meerestieren den Sauerstoff nimmt. Bei Menschen verursacht sie Atemnot und Hustenreize. Die giftige Alge wächst auf dem Boden des Meeres und wird bei Wind Richtung Land getrieben. Das hat es in Florida immer wieder gegeben. Aber eine derart gigantische explosionsartige Ausbreitung wurde seit 2006 nicht beobachtet.

Zu einem regelrechten „Monsterkiller“ sei die Red Tide durch mehrere Faktoren mutiert, sagt John Hocevar, der Ozean-Experte der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Wahrscheinliche Ursachen sind der Anstieg der Wassertemperaturen durch den Klimawandel, ein starker Nährstoffeintrag von Big Sugar und anderen Quellen sowie eine Fehlentscheidung des Armee-Hauptkommandos für Ingenieurwesen“, urteilt der Kampagnenchef.

Was Hocevar meint, wird beim Blick auf die Landkarte deutlicher: Mitten in Südflorida liegt der Lake Okeechobee, der aufgrund laxer Umweltgesetze seit Jahrzehnten als riesiges Klärbecken missbraucht wird. Die Landwirtschaft und vor allem die Betreiber der Zuckerrohrplantagen leiten Phosphor und Stickstoff ein.

Als es im Mai heftig regnete, fürchtete das zuständige Armee-Infrastrukturkorps um den altersschwachen Damm des Sees und ließ große Mengen verseuchten Wassers in den Caloosahatchee River ab, der in kürzester Zeit eine gigantische Blau-Grün-Algenblüte entwickelte und in den Golf von Mexiko spülte. „Sie haben regelrecht Öl ins Feuer gegossen“, klagt Kevin Ruane, der Bürgermeister von Sanibel.

Trump leugnet Klimawandel 

Während die Umweltschützer auf strengere Gesetze dringen, hoffen die Lokalpolitiker auf materielle Hilfe von der Staatsregierung. Doch beides wird so schnell kaum kommen. Der republikanische Gouverneur Rick Scott hat zwar für mehrere Gemeinden den Notstand ausgerufen. Doch leugnet er wie Präsident Donald Trump den Klimawandel und hat den Begriff „Erderwärmung“ aus offiziellen Publikationen verbannt. Dass er in der Vergangenheit Spenden von der Zuckerindustrie angenommen und Gelder für den Umweltschutz gekürzt hat, untergräbt seine Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Algenpest weiter. „Gouverneur Scott ist Teil des Problems“, wettert Greenpeace-Mann Hocevar: „Die Zukunft der Menschen und der Umwelt muss endlich Vorrang vor Wirtschaftsinteressen bekommen.“

Möglicherweise müssen die Dinge aber noch schlimmer werden, um ein politisches Umdenken zu erzwingen. Das könnte durchaus passieren, denn die wichtige Tourismus-Industrie in Südwestflorida spürt erste Einbußen. Auf Sanibel Island stehen nach Medienberichten derzeit 80 Prozent der Hotelbetten leer. Chris Davidson, der Manager des schicken Resorthotels Island Inn, verramscht seine in guten Zeiten mehr als 300 Dollar teuren Deluxe-Zimmer mit Golfblick für 99 Dollar. Noch ist Nebensaison, doch ab Oktober werden die Winterflüchtlinge aus Europa erwartet. In den vergangenen Tagen seien bereits Buchungen über 125 000 Dollar storniert worden, berichtete Davidson dem Lokalblatt „Fort Myers News-Press“. Ob er sich Sorgen macht? „Unbedingt“, gestand der Hotelier.

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