Lade Inhalte...

Umweltaktivisten Eskalation im Hambacher Forst

Nachdem über Wochen friedlich gegen den Braunkohle-Tagebau protestiert wurde, hat sich die Situation in den vergangenen Tagen zugespitzt. Die Polizei greift durch.

Hambacher Forst
Nicht geräumt, aber durchsucht: Hütten und Zelte, die außerhalb des privaten Grundstücks errichtet worden waren, wurden allerdings abgerissen. Foto: dpa

Wochenlang haben sich die Hundertschaften lediglich in Sichtweite des Camps aufgehalten. Abgesehen von einzelnen Kontrollen auf Waldwegen ging es der Polizei wohl vor allem um optische Präsenz. Darum, zu zeigen: Hier ist alles unter Kontrolle, hier, nahe dem neuen Hort des Widerstands, zu dem einzelne Vertreter von Politik und Polizei den Hambacher Forst nun, nach den jüngsten gewalttätigen Eskalationen am Wochenende , erklärt hatten. Doch bis dahin gab es nur hin und wieder Zurechtweisungen via Megafon. Hin und wieder auch kleine Provokationen. So berichteten Augenzeugen, an manchem Abend sei der Hambacher Forst mit dem „Ritt der Walküren“ oder Kettensägengeräuschen beschallt worden. Doch am Dienstagmorgen schließlich kommt die Polizei ganz nah ran: Die Einsatzkräfte durchkämmen zunächst die Wiese am Waldrand, auf der die Aktivisten, die gegen den geplanten Braunkohle-Tagebau auf diesem Areal protestieren wollen, ihre Hütten und Zelte aufgestellt haben.

Im Oktober will der Energieriese RWE mit der Rodung eines rund 100 Hektar großen Areals im Forst beginnen, um den Braunkohle-Tagebau in der Gegend weiter auszubauen. Bis vor ein paar Tagen hieß es noch, das Camp würde am Dienstag geräumt. Ganz so weit kam es aber doch nicht. Zunächst genügte wohl die Durchsuchung der provisorischen Hütten, der mit Graffiti überzogenen Wohnwagen und den dazwischen aufgeschlagenen Zelten.

Den Meldungen zufolge hatte das Amtsgericht Aachen die Durchsuchung am Dienstag bewilligt. „Es geht um Beweise für kürzlich begangene Straftaten“, erklärte die Pressestelle der Polizei in Nordrhein-Westfalen gestern die Hintergründe des Einsatzes. Außerdem sei „nach Gegenständen gesucht worden, die zur Vorbereitung oder Durchführung einer Straftat benutzt werden könnten“. Erst am Wochenende waren einige gewaltbereite Aktivisten mit Steinen und Molotow-Cocktails auf Polizisten losgegangen.

Die friedlichen Kohlegegner, die auch im Camp im Forst die absolute Mehrheit stellen, werfen RWE und der Polizei „unnötige Eskalation“ vor. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, der die Aktivisten gestern besuchte, forderte eine Friedenspflicht wie bei Tarifverhandlungen: So lange in Berlin die Kohlekommision tage, dürften hier im Forst keine Fakten geschaffen werden.

Doch moderate, gar versöhnliche Stimmen gehen im Rauschen unter, die Rhetorik im Streit um den Forst und die darunter liegenden Bodenschätze ist von Anfang an eher offensiv. Es war Ende November 2017, als die CDU-Abgeordnete Romina Plonsker den NRW-Grünen im Landtag vorwarf, „Terroristen“ zu unterstützen. Anderthalb Wochen vor dem Jahrestag des Breitscheidplatz-Attentats in Berlin meinte sie damit aber nicht etwa islamistische Attentäter, sondern die Klima-Aktivisten im Hambacher Forst – und lieferte damit ein besonders prägnantes Beispiel für die zunächst verbale, inzwischen auch reale Eskalation um das symbolträchtige Waldstück, das für die Gewinnung eines fossilen Brennstoffs gerodet werden soll.

Schon seit 2012 hält eine Schar von Unentwegten den ökologisch wertvollen Wald besetzt, um die Abholzung durch RWE zu verhindern. Aber auch, um einer auf immensen Ressourcenverbrauch basierenden Lebensweise in den industriellen Ländern die Botschaft zu senden: So kann, so darf es nicht weitergehen! Doch, was die einen Helden und Vorbilder nennen, sehen andere eben als Gewalttäter – und da die Waldbewohner dezentral strukturiert sind, keinen Aktionskonsens haben und tatsächlich nicht alle von ihnen pazifistisch agieren, ist jede Pauschalisierung problematisch.

Nachdem die Polizei am vergangenen Wochenende mehrfach attackiert worden war, kritisierte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Sonntag die Aktionen der gewaltbereiten Waldbesetzer: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung“, sagte Schulze und forderte „die Braunkohle-Gegner und mögliche Sympathisanten“ dazu auf, „auf jegliche Angriffe zu verzichten und ihren Protest friedlich auszudrücken“. Wie viele Aktivisten sich im Hambacher Forst aufhalten, weiß niemand genau. Die Polizei scannt das Areal mit Wärmebildkameras, gibt aber keine Zahlen bekannt. Und die Aktivisten hüten sich, ihre genaue Zahl zu nennen. Eine Frau sagt: „Die wirklich gewaltbereiten Protestler, das sind nur zwei, drei Hände voll.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Hambacher Forst

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen