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Uli Hoeneß im FR-Interview „Das darf doch nicht wahr sein“

Uli Hoeneß spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Vegetarier, Intoleranz und Geiz, Angela Merkel, Stuttgart 21 und die Lage der Nation. Und verrät schon mal wer Deutscher Meister wird.

01.11.2010 11:30
Uli Hoeneß, Wurstfabrikant und Präsident des FC Bayern München. Foto: Thorsten Jochim

In Diskussionen mit ihm das letzte Wort zu haben, ist bekanntermaßen schwierig. In Interviews mit ihm das erste Wort zu haben, offenbar auch. Wir sind zu Gast in seinem Haus am Tegernsee und wollen mit ihm über Deutschland reden. Doch Uli Hoeneß, ganz Wurstfabrikant, legt eine Packung seiner Würste auf den Tisch – und legt gleich mal in eigener Sache los:

Haben Sie schon einmal einen gut gelaunten Vegetarier kennen gelernt?

Uns fällt gerade überhaupt kein Vegetarier ein. Moment, war nicht Adolf Hitler Vegetarier? Aber ob der so richtig glücklich war?

Ich werde Ihnen ein Beispiel geben: Eine unserer Mitarbeiterinnen beim FC Bayern war Veganerin. Die musste sechs oder acht Wochen vor der Niederkunft ins Krankenhaus, weil sie dem Kind nicht genug Kraft gegeben hat, nicht genug Leben. Die Ärzte haben gesagt: „Wir bekommen das Kind nicht durch, wenn Sie jetzt nicht etwas Vernünftiges essen.

Gut, Herr Hoeneß, dann lassen sie uns, bevor wir über das große Ganze reden, über Ernährung reden.

Ich kann das nicht verstehen, wenn gewisse Menschen immer behaupten, das mit den Lebensmitteln sei so schlimm wie noch nie. Ich behaupte, dass die Lebensmittel früher meist schlechter waren als heute. Ich stamme aus einer Metzgerei. Ich weiß, wie früher Wurst gemacht wurde, und wie wir sie heute in Nürnberg machen. Wir sind ständig unter Kontrolle. Und das ist ja auch gut so. Die Leute, die tatsächlich schlechtes Fleisch verkaufen, müssen an den Pranger gestellt und bestraft werden. Das steht außer Frage. Aber eins ist klar: Wenn Sie ein Kilo Käse für drei Euro kaufen wollen, dann können Sie nicht die Qualität erwarten, die ein Kilo Käse für 9,80 Euro hat. Und wir in Deutschland, wir sind ja auch verrückt, wir wollen alles immer billiger haben. Wir sind in Bezug auf Lebensmittel das billigste Land in Westeuropa.

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Ist das nicht allzu menschlich, so wenig wie möglich ausgeben zu wollen?

Vor kurzem habe ich mit einem hohen Mann aus dem Lebensmittelhandel gesprochen. Der sagt, dass er jederzeit mehr Geld für Milch bezahlen würde, sogar 40 Cent pro Liter, wenn sich alle Milchbauern einig wären. Aber das sind sie nicht. So nimmt er das Angebot einer Milchdynastie aus Schleswig-Holstein wahr und kauft den Liter für 32 Cent. Das verstehe, wer will.

Vier Namen, Herr Hoeneß, der Ihre, Franz Josef Strauß, Stefan Raab und Joschka Fischer. Wo liegt die Gemeinsamkeit?

Möglicherweise in der Metzgerei.

Stimmt. Das sind alles Metzgersöhne. Das lässt doch einen freundlichen Blick auf Deutschland zu, nämlich, dass sich alle vier auf ihre Art und Weise nach oben arbeiten konnten.

Wenn Sie die Geschichten dieser vier Männer mal genauer anschauen, dann gibt es sicherlich eine gemeinsame Basis: die Bereitschaft für das „Ich will nach oben“.

Aber die Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren schon verbessert.

Das mag sein. Aber viele Menschen wollen heutzutage viel zu schnell zu viel erreichen, und wenn ihnen das nicht gelingt, dann geben sie sehr schnell wieder auf. Übrigens hatte und habe ich bezeichnenderweise zu den soeben Genannten, mal abgesehen von Stefan Raab, den ich kaum kenne, ein sehr gutes Verhältnis. Mit Fischer habe ich mich immer prima verstanden. Und der Franz Josef hat auf meiner Hochzeit die Damenrede gehalten. Uneingeladen.

Das war nicht untypisch.

Der hat aus dem Stegreif eine Rede gehalten, da haben die Leute unter dem Tisch gelegen. So war der Franz Josef. Ich glaube, den würden all diese Dinge ganz schön nerven.

Welche Dinge?

Dieses Rauchverbot beispielsweise. Was wir in Bayern damit wieder angestellt haben, das darf doch nicht wahr sein. Das sage ich, obwohl ich selbst nur alle vier bis sechs Wochen mal eine Zigarre rauche. Diese Intoleranz, dieses Entweder-ganz-oder gar-nicht – das gefällt mir gar nicht. Franz Josef würde sagen: Ihr habt sie doch nicht mehr alle.

Apropos Intoleranz: Wie bewerten Sie den Fall Sarrazin?

Zunächst einmal Folgendes: Ich halte es für ein Unding, dass ein Vorstand der Bundesbank so ein Buch schreibt und damit Geld verdient. Ich unterstelle ihm nämlich, dass es ihm gar nicht darum ging, die Welt zu verbessern, nein, er wollte damit Geld verdienen. Wenn dieses Buch ihm so wichtig war, hätte er zuvor als Bundesbankvorstand zurücktreten müssen. Oder er hätte von vornherein sagen müssen: Alles, was ich damit verdiene, spende ich für einen guten Zweck. Und dann kann ich einfach nicht diese Aufgeregtheit verstehen. Diese Wertigkeit ist doch total übertrieben, das ganze Land, über Wochen und Monate hinweg. Da sieht man mal wieder, wie schizophren viele Dinge geworden sind. Der Franz Josef hätte gesagt: Ja mei, dann soll er halt.

"Es gibt nur eine Chance: Die Führung muss stark genug sein, um Gelassenheit zu demonstrieren"

Warum reagiert niemand mehr wie Franz Josef Strauß?

Es ist gibt keine Gelassenheit mehr.

Warum nicht?

Vieles liegt am Internet.

Das Internet ist schuld?

Nein, aber ist es nicht so, wie es immer heißt: The world is overnewsed but underinformed. Die Leute lesen doch keine Bücher, keine Zeitung mehr. Alles ist nur noch Mainstream, und jeder redet mit, ob er das Buch gelesen hat oder nicht, ob er das alles verstanden hat oder nicht.

Wie soll denn das klappen mit mehr Gelassenheit?

Es gibt nur eine Chance: Die Führung muss stark genug sein, um Gelassenheit zu demonstrieren.

Aber das ist sie offensichtlich nicht.

Wann immer ich mit jemandem aus der Politik spreche, sage ich: Ihr müsst eine Einheit bilden! Die Regierung muss wie eine Wand sein. Nur so können die Probleme dieses Landes, die so vielschichtig sind, gelöst werden. Ob die Regierung sich nun aus Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün oder Schwarz-Rot zusammensetzt. Wenn der eine sagt, er sei für die Gesundheitsreform, und der andere, er sei völlig dagegen, dann kann diese Stimme aus der Opposition kommen, aber doch nie aus den eigenen Reihen. Ich sage immer: Die Gegner sitzen da draußen, aber sie dürfen nicht im eigenen Nest sein. Konflikte, die du im eigenen Haus lösen musst, kosten doch viel mehr Kraft und Energie als Konflikte mit Menschen, die einem nicht so nahe stehen. Wenn ich mit meiner Frau streite, nervt mich das viel mehr, als wenn ich mit Herrn Daum streite.

Sie deuten also eine Führungsschwäche unserer Kanzlerin an?

Nein, ich glaube, dass Frau Merkel das Problem längst erkannt und die Führung wieder übernommen hat. Sicher, sie hat für meinen Geschmack viel zu lange gewartet, hat versucht, rauszuhören, was die Leute so wollen. Und sie hat Entscheidungen akzeptiert, die ich nicht verstehe. Es kann doch zum Beispiel nicht sein, dass man nach einer dreitägigen Sitzung beschließt, den von Hartz IV betroffenen Menschen gerade mal fünf Euro mehr zu geben. Entweder man gibt ihnen gar nichts oder so viel, dass sie etwas spüren. Und dass man auch noch gleichzeitig den ermäßigten Mehrwertsteuersatz der Hoteliers beibehält. Trotzdem muss ich sagen, dass Frau Merkel momentan regiert. Und das gefällt mir sehr.

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Und was ist mit der FDP?

Die Gelben nehme ich kaum wahr. Das ist die eigentliche Enttäuschung. Allerdings habe ich mir von Westerwelle auch nicht mehr erwartet. Die FDP ist ja die erste Partei, die den Leuten etwas versprochen hat, was sie gar nicht haben wollen: Steuersenkungen. So ein Schwachsinn! Kein Mensch will in dieser Zeit Steuergeschenke, weil jeder weiß, dass sie gar nicht zu finanzieren sind. Allerdings muss ich sagen, dass in letzter Zeit Herr Brüderle und Frau Leutheusser-Schnarrenberger einen super Job machen. Die Koalition sollte mal nach Bayern schauen, wo man sieht, dass eine schwarz-gelbe Koalition durchaus funktionieren kann.

Durch die Schwächen von Schwarz-Gelb erhalten die Grünen einen unerwarteten Zulauf. Ist für Sie Schwarz-Grün denkbar?

Vor zehn Jahren schon habe ich zu Edmund Stoiber gesagt, dass eines Tages Schwarz-Grün in Deutschland regieren wird. Er hat mich ausgelacht. Und bis vor kurzem war ich tatsächlich der Meinung, dass das die beste Lösung für unser Land sei. Allerdings haben mir die Grünen bis dato nur erklärt, was sie nicht machen wollen, nie, wie sie es stattdessen machen wollen. Ich habe neulich Claudia Roth, mit der ich gut auskomme, im Flugzeug getroffen. Ihre Argumente gegen die Atomkraft versuche ich in meine Überlegungen mit einzubeziehen; ich bin ja mittelfristig auch gegen Atomkraft, allerdings nur, wenn wir für einen Ausstieg die Alternativen geschaffen haben. Das gilt für ganz Europa. Wir schalten einfach ab, während in Frankreich, in Schweden und in Russland neue gebaut werden. Wie geht das zusammen? Vor allem, wenn ich daran denke, dass nur 400 Kilometer von München entfernt, in Temelin, eines der gefährlichsten Kernkraftwerke steht. Glauben die Grünen wirklich, dass die Wolke an der Grenze halt macht, wenn etwas passiert?

Aber die Umfragewerte sprechen eindeutig für die Grünen.

Ich glaube, dass sie mit diesen 25 bis 27 Prozent weit über ihr Potenzial hinausgestiegen sind. Für diese Menge an Stimmen fehlt es ihnen an Alternativen. Und ob sie mit Höhenluft zurechtkommen, wird sich ebenso zeigen wie bei Mainz 05.

Es mangelt den Grünen also an Kompetenz?

Sicher, auch bei den Grünen gab es gute Wirtschaftler, mit sehr guten Ideen, sehr kompetent. Wenn ich dann aber wieder andere sehe, wie Jürgen Trittin. Der gibt mir jedenfalls nicht das Gefühl, dass ich ihm eine Firma an die Hand geben könnte. Und die Claudia Roth ist halt die Claudia, bei der wüsste ich auch nicht, ob sie meine Bratwürste in Amerika verkaufen könnte. Diese wirtschafts- und sozialpolitische Kompetenz, die ich von einer regierenden Partei verlange, ist da meiner Ansicht nach nicht gegeben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die CSU Scheuklappen trägt und wer nächster Deutscher Meister wird.

Versteht die CSU das neue Bayern noch, ein Bayern mit ökologischem, sagen wir ruhig: mit einem grünen Bewusstsein?

Ich glaube schon. Die rennen doch nicht mit Scheuklappen rum. Nach den letzten Umfragen muss doch jedem klar sein, dass es so nicht weitergehen kann. Und ich bin ziemlich sicher, dass die CSU in Bayern den Tiefpunkt bereits hinter sich hat.

Noch einmal zurück zu Ihrer Bemerkung, eine Regierung müsse wie eine Wand sein. Sie werden doch immer einen finden, der sich aus der Wand herausbrechen lässt.

Wenn die handelnden Personen nicht loyal und kollegial zusammenarbeiten können, dann haben wir keine Chance. Dann müssen wir ein Wahlsystem wie in den USA einführen. Nur noch rechts oder links, nichts dazwischen.

Schwarz-Rot hat ja geradezu reibungslos funktioniert, obwohl es auch da reichlich Störfeuer von den Medien gab.

Aber es hat dazu geführt, dass es keine Gegensätze mehr gab, keinen Diskurs. Und die SPD hat natürlich gespürt, dass sie kaputtgeht, wenn sie so weitermacht. Am Ende hat sie ja niemand mehr wahrgenommen. Das wird auch unter Herrn Gabriel nicht besser werden.

Was ist denn für Sie die ideale Regierungskombination?

Die Koalition hat noch drei Jahre vor sich. Und wenn ich einen Rat geben darf, soll sie alles tun, nur nicht vorzeitig aufgeben. Ich bin ganz sicher, dass sie zumindest eine gute Chance hat, wiedergewählt zu werden – wenn sie klug ist. Die Frage ist, ob sie überhaupt noch die Wahl hat, und ob nicht bereits am 27. März Feierabend ist.

Warum?

Frau Merkel hat den Fehler gemacht, anzudeuten, dass die Wahl in Baden-Württemberg eine Volksabstimmung über Schwarz-Gelb nicht nur in Stuttgart, sondern in Berlin sein wird.

Sehen Sie denn einen Lösungsweg für Stuttgart 21?

Im Moment nicht. Aber so schlimm das für Stuttgart sein mag – ich bin auch froh darüber, dass das jetzt eruptiert ist, dass man zur offenen Diskussion gezwungen ist, dass man auch zur Politik gezwungen ist. Die Opposition muss sich nun auch erklären, denn man kann ja nicht immer nur gegen alles sein. Ich gebe ihnen mal ein Beispiel.

Bitte!

Vor 175 Jahren sollte die Eisenbahn nicht gebaut werden, weil es ein Gerücht gab, wonach Frauen durchs Bahnfahren unfruchtbar werden. Das sagt doch alles. Eine Führung muss Visionen haben und diese Visionen auch mal gewissermaßen gegen alle Bedenken umsetzen. Aber sicherlich muss man sich auch mit diesen Bedenken, mit der Meinung der Bürger auseinandersetzen.

Haben Sie Deutschland seit dem Mauerfall schon mal so aufgeregt erlebt wie in diesen Tagen?

Was mir zu schaffen macht, ist diese Diskrepanz zwischen der Stimmung im Land und der Situation dieses Landes. Da meistern wir die Krise wie kein anderes europäisches Land, haben bald Vollbeschäftigung beziehungsweise Facharbeitermangel, und dann ist dieses Land so unruhig wie schon lange nicht mehr. Und die Politik tut sich mit dieser Situation sehr schwer, weil viele Politiker nicht mehr wahrnehmen, was die Menschen draußen so bewegt.

Viele Politiker nehmen sich sogar aus der Verantwortung, gehen in die freie Marktwirtschaft.

Ja, weil sie zu wenig verdienen. Es kann nicht sein, dass Frau Merkel ein Drittel von dem verdient, was bei uns ein 18-jähriger Fußballspieler bekommt. Undenkbar.

Müssen die Wirtschaftsmacher wieder politischer werden?

Ein Unternehmer muss der größte Gewerkschaftler sein. Er muss Patriarch sein, muss wie eine Glucke sein, mit dem Unternehmensziel, dass er nicht in erster Linie die Aktionäre, sondern erst einmal die Arbeitnehmer glücklich macht. Der Bürger muss das Gefühl haben, dass die oben sich um ihn kümmern. Auch die Politiker müssen wieder lernen, dem Volke zu dienen. Sie müssen sich mit dem Problem auseinandersetzen, das insbesondere die Finanzwirtschaftler provoziert haben, ein Problem, das unsere Kinder belasten wird. Ich vermisse da ein Gesamtkonzept.

Kann man dem Kapitalismus einen sozialen Geist einhauchen?

Was ist die Alternative? Wenn das nicht funktioniert, bekommen wir eine neue Weltordnung. Und die kann nicht besser sein als die, die wir jetzt haben.

Wenn uns die Typen und die Konzepte fehlen, was bleibt uns dann für den Moment?

Ich glaube, es gibt nur eine Chance: Die handelnden Personen müssen sich auf ein Konzept verständigen, das sie auch in aller Konsequenz durchsetzen. Und in drei Jahren, nicht früher, soll darüber ein Urteil gefällt werden. Das mag für den Moment sehr schmerzhaft sein, aber nur so ergibt das Sinn.

Wer wird Herbstmeister?

Dortmund oder Mainz.

Und Meister?

Wenn der FC Bayern bis zur Winterpause den Abstand auf sechs oder sieben Punkte verringern kann, dann der FC Bayern.

Interview: Christian Bommarius und Markus Lotter

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