Lade Inhalte...

Überraschungsei für Mädchen Das rosafarbene Mädchen-Inferno

Prinzessin Lillifee war erst der Anfang: Das neue Überraschungsei „nur für Mädchen“ entfacht eine hitzige Geschlechterdebatte. Tatsächlich furchterregend ist jedoch eine andere Farbkombination.

17.08.2012 17:54
Daniela Pogade
Kampf ums rosa Ei: die neue Kampagne zum "Überraschunsei für Mädchen" löst eine Geschlechterdebatte aus. Foto: imago

Prinzessin Lillifee war erst der Anfang: Das neue Überraschungsei „nur für Mädchen“ entfacht eine hitzige Geschlechterdebatte. Tatsächlich furchterregend ist jedoch eine andere Farbkombination.

Kinder sind nicht gerade die kritischsten Konsumenten. Darum birgt jedes Kinderzimmer seinen ganz eigenen Schrecken. Getigerte Diddlmäuse, neonfarbene Monster und Wecker mit Plüschbezug formieren sich zu Warenanhäufungen, die dem flüchtigen Besucher zuzurufen scheinen: Hier wohnt ein Wahnsinniger! Vielleicht ist es aber auch nur die Spielwarenindustrie, die wahnsinnig geworden ist.

Die Branche hat es heute nicht leicht, denn sie ist mit dem Fluch des Geburtenrückgangs geschlagen. Die Konsumenten wachsen nicht nach wie früher, aber die Umsätze sollen steigen. Der Markt ist eigentlich gesättigt. Und so müssen sich die Unternehmen immer wieder Neues ausdenken. Seit Jahren fällt ihnen vor allem ein, den Graben zwischen Mädchen und Jungen zu vergrößern, so scheint es.

Prinzessin Lillifee hat einst die Pforten zum rosafarbenen Mädchen-Inferno geöffnet, nun gibt es kein Halten mehr. Legokästen sind rosa geworden, Schultaschen sowieso, Bücher, Stifte, Fahrräder. Und neuerdings gibt es das pink verzierte Ferrero-Überraschungsei für Mädchen, das seit wenigen Tagen unter dem Motto „Ei love Rosa!“ angeboten wird. Eine Sprecherin in der Pressestelle der Firma Ferrero erklärt, weshalb: „Die kleinen Spielzeuge für Mädchen, Ringe oder Armbänder zum Beispiel, kann man nicht in das herkömmliche Ei geben. Das nehmen die Jungen nicht an.“

Vorbild Sex and the City

Eine interessante Feststellung, die Fragen aufwirft. Ist es für die Jungen psychologisch nicht zumutbar, ein rosafarbenes Accessoire im Ei vorzufinden? Oder ist für Ferrero genau das aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht zumutbar? Gab es vielleicht schleppende Umsatzzahlen im konventionellen Ei-Sektor? Darauf gibt die Pressestelle keine Antwort: „Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu Zahlen.“

Das neue Ei hat nun die Geduld mancher Zeitgenossen endgültig erschöpft. Anti-Sexismus-Initiativen wie „Pinkstinks“ fordern dazu auf, Ferrero mit Beschwerdebriefen zu überziehen. Denn die rosarote Warenwelt für Mädchen zementiere die traditionellen Geschlechterrollen. Es geht bei alledem nicht nur um Farben. Die Initiative engagiert sich auch gegen die neue „Lego Friends“-Welt, in der fünf Mädchen vor sich hin trödeln und träumen, im Café und im Schönheitssalon sitzen und im Übrigen ein grauenvolles Versprechen abzugeben scheinen: Wenn wir groß sind, werden wir sein wie unsere Vorbilder aus „Sex And The City“.

Star Wars für Jungs prägend

Der Münchener Marktforscher Axel Dammler sieht indessen die Dinge nüchtern. „Die Warenwelt hat schon immer stark zwischen den Geschlechtern unterschieden, das ist überhaupt nichts Neues“, sagt er. Heute aber lägen die Unterschiede vor allem im Design. Und dies sei eine Entwicklung, die sich zwingend aus dem Handel mit Lizenzen ergeben habe. Die „Star-Wars“-Serie habe zum Beispiel das Design für Jungen stark geprägt. Was die Mädchen betrifft, so werde natürlich keines mit einer Neigung zu Rosa geboren. „Aber Unternehmen gehen heute unter, wenn sie keine rosa Kleidung anbieten“, sagt Dammler.

Sicher ist, in den Sechziger- oder Siebzigerjahren gab es Barbies und Carrera-Bahnen, Bauklötze und Einkaufsläden. Heute gibt es das alles im Prinzip auch noch, allerdings in sehr vielen verschiedenen Erscheinungsformen. Der Zwang zur Diversifizierung führt dazu, dass in allen Märkten immer mehr Unterschiede immer stärker betont werden. Und dass alle Waren gellend nach Beachtung schreien.

Das mag noch keine Mutter trösten, deren Tochter weinend nach einem Prinzessinnenschloss mit Glitzersteinen verlangt. Andere Mütter aber, solche mit älteren Töchtern, werden bestätigen, dass Mädchen ihre rosa Phase durchaus überwinden und sehr ausgelassene und vielseitig interessierte Persönlichkeiten werden.

"Tussi on Tour"

Für die Zielgruppe der Erwachsenen gibt es allerdings eine pinkfarbene Welle, die tatsächlich furchterregend ist. Immer häufiger trifft man hier auf unverhohlene Gehässigkeit. So gibt es einen pinkfarbenen Werkzeugkoffer für Frauen, den das Label „Tussi on Tour“ anbietet. Alle Werkzeuge in diesem Koffer haben pinkfarbene Griffe, und sie sind schlecht verarbeitet. Für das bisschen Geschraube von Frauen ist nichts Hochwertiges erforderlich, das ist wohl die Annahme, die hinter solchen Angeboten steht. Interessant ist in diesem Zusammenhang die enttäuschte Amazon-Bewertung eines jungen Mannes. Hier sein Bericht: „Ich habe es gut gemeint und habe diesen Werkzeugkoffer meiner Freundin geschenkt. Seitdem bin ich wieder Single!“

Das ist keine schöne Erfahrung, aber vielleicht wird dem junge Mann nun durch die Möglichkeit zum Nachdenken ein Licht aufgehen. Denn anders als im Fall der kindlichen Warenwelten wird die Tussi-on-Tour-Konsumentin, wenn auch vermeintlich humorvoll, mit der Ware zusammen bewertet und herabgestuft. Das Plüschlenkrad ist beispielsweise mit „Rechts“ und „Links“ beschriftet, die Tussi-on-Tour-Fußmatte trägt die Aufschrift „Pumpsparkplatz“.

Derlei Produkte sind von der Art Witzigkeit, die sich wohl nur nach vielen Gläsern Bier erschließen mag. Und auch hier gibt es bereits besondere Angebote für Frauen: Eine Brauerei in Heidelberg hat seit Kurzem einen pinkfarbenen Bierkasten im Sortiment.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum