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Überleben im Urwald Streit am Rio Chagres

Das Volk der Emberá lebt am wichtigsten Zufluss des Panamakanals. Der Ausbau der zentralen Schifffahrtsstraße zwischen Atlantik und Pazifik bedroht ihr Überleben im Regenwald.

Aufrecht steht Melio im Heck des Einbaums und hält das Ruder. Er steuert ein Dorf am Ufer des Rio Chagres an, das die Touristen besuchen wollen. Er gehört wie die Dorfbewohner zum Volk der Emberá. Foto: O. Ristau

Das Volk der Emberá lebt am wichtigsten Zufluss des Panamakanals. Der Ausbau der zentralen Schifffahrtsstraße zwischen Atlantik und Pazifik bedroht ihr Überleben im Regenwald.

Blubbernd tuckert der Außenborder und lässt das Kanu sanft über den sandig-grünen Fluss gleiten. Auf den lehmigen Ufern links und rechts häufen sich weiße Baumstämme. Sie hat der Rio Chagres bei seinem letzten Hochwasser aus den Tiefen des Regenwaldes bis hierher transportiert. Aufrecht steht Melio im Heck des Einbaums und hält das Ruder. Hinter einer Biegung hebt der dunkelhäutige Bootsmann die Hand zum Gruß. Am Ufer antwortet der Chef eines benachbarten Dorfes, der gerade aus einem Baumstamm ein Kanu herausschält. Beide Männer gehören dem indigenen Volk der Emberá an, die in den Wäldern des Nationalparks Chagres im Herzen Panamas wohnen.

Keine Straße führt zu ihren Dörfern – nur der „große Fluss“, wie sie den Rio Chagres in ihrer Sprache nennen. Melio steuert eine Landzunge an. Einen Hafen hat sie nicht. Stattdessen lenkt er das Kanu auf den sanft ansteigenden Hügel, bis die Bootsspitze neben anderen Einbäumen im steinlosen Lehm stecken bleibt. Dann schaltet er den Motor aus. Wäre es still, könnte man das Rufen von Papageien hören, vielleicht einen Seeadler im Gleitflug bewundern. Doch im Dorf Tusipono herrscht Hochbetrieb. Barfüßige Emberá-Frauen eilen den Ankömmlingen entgegen – mit bunten Wickelröcken bekleidet, perlenbestickten Bikinioberteilen und Stirnbändern aus tropischen Blumen. Melio schnappt sich zwei Rasseln und stimmt mit anderen Männern ein Begrüßungslied an, dessen fröhliche Melodie von einer Querflöte getragen wird, die wie alle Instrumente aus hellem Holz besteht.

Tusipono heißt so etwas wie Blumenvogel. Die Übersetzung ins Spanische ist ungenau. Die Emberá haben mehr Begriffe für die Natur und ihre Lebewesen, als die Kolonialsprache wiederzugeben vermag.

Die Zeremonie ist immer gleich. Alle halbe Stunde kommen neue Boote mit Touristen an, für die der Besuch bei den Ureinwohnern ein Highlight ihrer Panamareise sein soll, wie das staatliche Fremdenverkehrsamt verspricht. Nur eine gute Autostunde von der quirligen Hauptstadt Panama-Stadt entfernt liegt die Anlegestelle im Alajuela-See, von wo aus die Fremden mit den Einbäumen über den Fluss gebracht werden – gerade so viele, dass das Dorf nicht darunter leidet.

Es fehlt das Geld

Auch Gemeinschaftschef Neldo Tocamo macht bei den Events mit. Er führt eine Gruppe in den Empfangssaal – ein großes Haus aus verschnürten Holzpfeilern und Balken, ohne Wände. Das Dach ist aus ausgedörrtem Pflanzenstroh geflochten. Das Licht darunter ist weich, als falle es durch rötlich gefärbtes Glas. Das kommt vom Lehmboden. Der sorgt neben der natürlichen Ventilation des Windes auch für die angenehme Kühle, mit der keine Klimaanlage mithalten kann. Während die Fremden mit frittiertem Chagres-Fisch und Kochbananen versorgt werden, zieht sich der Häuptling für einen Moment zurück.

Neldo Tocamo ist das Oberhaupt, der Kazike, von sechs kleinen Dorfgemeinschaften, in denen rund 100 Familien zu Hause sind. „Unsere Familien leben seit Generationen am Rio Chagres“, erzählt er. Jedes Wort spricht er mit Ruhe aus. Sein Spanisch ist für einen Fremden viel besser zu verstehen als das der meisten Panameños, die sich beim Sprechen schier überschlagen. „Doch seit das Flussgebiet vor Jahren zum Nationalpark erklärt wurde, dürfen wir keinen Baum mehr fällen, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Er zeigt auf die Holzlatte des Rohbaus, auf der er Platz genommen hat. Sie misst vielleicht drei Meter und ist ein paar Zentimeter dick. „Wir haben sie selbst geschnitten. Trotzdem kostet sie uns sechs Dollar.“ Für ein indianisches Haus kommen so schnell einige hundert Dollar zusammen. Fischen und jagen, ein bisschen Ackerbau für den Eigenbedarf, das war es. Doch die Emberá brauchen Geld für Kleidung, den Schulbus, das Bootsbenzin. Der Weg dazu führt über die Touristen-Show. „Alle Dinge haben zwei Seiten. Die Gute ist, dass wir uns über die Rituale wieder an die Traditionen erinnern, die viele schon vergessen haben“, sagt der Kazike. Über die andere Seite spricht er nicht.

Neldo Tocamo trägt wie alle Männer heute einen perlengeschmückten Rock, den er sich neben dem orangenen Lendenschurz um seine Hüften gelegt hat. Der traditionelle Schmuck, erzählt er, sei früher aus Baumsamen gewonnen worden. Heute seien es Perlen aus Plastik. Woher sie stammen? Neldo Tocamo überlegt. „Vielleicht aus Deutschland?“, fragt er zurück.

Existenzprobleme ohne den Fluss

Wenn die Touristen gegangen sind, tauscht er Lendenschurz und Schmuck gegen eine kurze Jeans. Sein Haus steht auf Stelzen wie alle Wohngebäude hier, um vor dem Fluss geschützt zu sein, wenn er über die Ufer tritt. Der Boden des einzigen Raumes, in dem er mit seiner Frau und den drei Kindern lebt, besteht aus dunklem Holz. An einer Kleiderstange hängen Hemden und Stoffhosen wie in einer Stadtwohnung. Das Einzige, was er von seinem Schmuck ständig trägt, ist die Kette mit dem Adlerkopf aus einer Art Speckstein. „Jeder von uns findet seine Entsprechung in der Natur“, sagt er. „Der Adler sieht alles, wenn er in der Höhe kreist. Das ist wichtig für einen Anführer.“

Ist die Natur nicht intakt, gibt es auch keine Adler mehr: „Erde, Wasser, Luft, Wald“, sagt Neldo Tocamo voller Respekt, „sind unsere Eltern, die wir lieben. Sie nähren uns und lehren uns zu leben.“

Ohne den Fluss könnten nicht nur die Emberá kaum existieren. Auch den Panamakanal versorgt der Rio Chagres wie eine Mutter ihr Kind mit Wasser – 60 Prozent des Volumens der zentralen Wasserstraße, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, kommen aus dem Fluss. Der 125 Kilometer lange Strom, der in den Tiefen des Regenwaldes entspringt, ergoss sich einst in weiten Schlingen bis in die Karibik. Seit 100 Jahren schon ist das nicht mehr der Fall. Denn für den Bau des Kanals wurde er zusammen mit einer Vielzahl seiner ehemaligen Nebenflüsse aufgestaut. Mit dem Lago Gatun entstand der damals größte künstliche See der Welt.

Nur einige Kilometer vom Dorf der Emberá entfernt kreuzen den See heute täglich dutzende Containerschiffe auf der Fahrt zwischen den Meeren. Weil aber die Verbindungen zum Atlantik und Pazifik zu schmal für die Riesenschiffe neuster Generation sind, baut Panama derzeit die Wasserwege aus. Der Gatunsee wird ausgebaggert und neue Kanäle neben den alten ausgehoben. 2014, zum 100-jährigen Bestehen des Kanals, sollen die Arbeiten fertig sein. „Wir fürchten, dass sie den Chagres noch einmal aufstauen werden, wenn das Wasser nicht mehr reicht“, sagt Neldo Tocamo ernst. Jetzt schaut er wie jemand, der sich auf eine Gefahr vorbereitet.

Der Kanal ist sehr durstig. Pro Passage benötigt ein Schiff gut 200 Millionen Liter, um dahingleiten zu können. Auf fünf Kanaldurchfahrten wird so viel Trinkwasser verbraucht, wie täglich die rund zwei Millionen Menschen, die im Großraum des Kanals leben, benötigen.

„Nein, es gibt keine Pläne zum Bau eines neuen Damms im Chagres“, versucht Daniel Muschett die Bedenken des Emberá-Kaziken zu zerstreuen. Der Umweltingenieur sitzt in einem schmucklosen Büro der staatlichen Kanalbehörde ACP in der Nähe der Miraflores-Schleuse am Pazifik. Gegen das gleißende Sonnenlicht sind die Rollos heruntergelassen. Manchmal dringt der dumpfe Klang einer Schiffssirene herein. Muschett ist verantwortlich für alles, was beim Ausbau des Kanals Natur und Umwelt betrifft. „Mit den neuen Schleusen können wir sogar Wasser sparen“, sagt er. Denn während das Süßwasser durch die alten Schleusen unwiederbringlich in Richtung Ozeane abfließt, erhalten es die neuen Auffangbecken. Zugleich soll sich aber der Gütertransport bis 2025 im Vergleich zu 2005 verdoppeln. „Dafür wird das Wasserangebot reichen“, versichert er. Dann macht er eine Pause und fügt wie aus heiterem Himmel hinzu: „Sollte der Schiffsverkehr stärker wachsen als geplant, müssen wir neues Wasser beschaffen.“

Frauenpower für die grüne Sache

Das ist das Problem, für das es in keinem offiziellen Papier eine Lösung gibt. Auch Muschett schweigt auf die Frage, woher das Wasser denn kommen soll. Es liegt nahe, dass sich der Rio Chagres dafür eignen würde. In Zeiten von Hochwasser und extremen Niederschlägen liefere er mehr Wasser, als der Kanal brauche, sagt Muschett und presst die Lippen aufeinander. Mit einer zusätzlichen Staustufe könnte das begehrte Wasser zur Verfügung gestellt werden. Die Folgen für die Emberá wären nicht abzusehen.

Drei Viertel des Waldes am Rio Chagres bestehen noch aus Urwäldern, die kaum jemand als die Emberá je betreten hat. Er ist ein Refugium für eine Vielzahl von Dschungeltieren wie den Ozelot oder das Faultier und beherbergt eine enorme Pflanzenvielfalt. „Der Wert medizinischer Pflanzen beträgt Millionen von US-Dollar“, ist Neldo Tocamo überzeugt. „Natürlich werden wir uns auch um eine weitere Aufforstung in der Kanalzone bemühen“, sagt Muschett.

„Nichts ist wichtiger für die Wasserspeicherung als die Wälder“, präzisiert Petra Kollmannsberger. Die 38-Jährige arbeitet für die deutsche Firma Forest Finance, die seit 1995 in Panama neue Wälder auf einer Fläche von umgerechnet mehr als 3000 Fußballfeldern aufgeforstet hat. „Sie heben den Grundwasserspiegel und provozieren selbst neue Regenfälle.“ Die immergrünen Organismen sind eine Wasserpumpe, die durch Verdunstung regelmäßig neuen Regen auslösen. Je mehr Bäume, desto mehr Wasser wird im Kreislauf gehalten. Doch obwohl das Phänomen für die Wasserversorgung des Kanals von zentraler Bedeutung ist, wurden selbst im Nationalpark Chagres die Wälder noch bis 1998 munter abgeholzt. Erst in jüngster Zeit erholen sie sich wieder. Für den Ausbau des Kanals müssten sie entlang der Strecke allerdings erneut dran glauben.

Petra Kollmannsberger teilt sich ihr Büro in einer alten US-Militärbasis am Rande von Panama-Stadt mit zwei Kolleginnen, die wie sie vor Jahren nach Mittelamerika ausgewandert sind.

Alternative Frauen-Power für die grüne Sache. Bilder von fröhlichen Emberá-Kindern und Wäldern, die ihre Firma aufgeforstet hat, hängen an den Wänden. Ein Stuhl aus dem dunkelgelbem Holz der einheimischen Sorte Amarillo und eigener Forstwirtschaft steht für Besucher bereit. Durch das geöffnete Fenster kreischt ein Vogel. Morgens hört man die Frösche quaken. Der Kanal und die Behörde sind nicht weit.

Einzige Erinnerung: die Kälte

„Wir hoffen, auch am Rio Chagres aufforsten zu können“, sagt die gebürtige Allgäuerin. Die Kanalbehörde ist verpflichtet, für jeden gerodeten Hektar Wald zwei neue Hektar anzulegen. Ein entsprechender Auftrag wäre nicht nur gut für das Geschäft. „Was den Wäldern in der Kanalzone am Rio Chagres nutzt, nutzt auch den Emberá.“ Seit Jahren ist die Geschäftsfrau mit Neldo Tocamo, dem Kaziken, befreundet. Sie hat ihn auf der Tourismusbörse in Berlin kennen gelernt. „Panamas Regierung hatte ihn und seine Frau als lebende Ausstellungsstücke auf die Messe geschickt“, erzählt sie fassungslos. „Dort musste er im Januar im Lendenschurz sitzen. Die beiden haben vor Kälte nur so gezittert.“ Neldo Tocamo bestätigt wenig amüsiert: Das Einzige, woran er sich an Deutschland noch erinnere, sei „el frio“ gewesen – die Kälte.

Es ist vor allem der touristisch nützliche Exotenstatus, der die Ureinwohner für die Regierung interessant macht. Doch wenn es um wirtschaftliche Interessen wie den Kanal geht, der das Gros der Wirtschaftleistung des kleinen Landes erbringt, stehen die Emberá auf verlorenem Posten. Für die Behörden sind die indigenen Ureinwohner dann nur eine Randnotiz. „Wir haben drei Mitarbeiter, die sich um ihre Angelegenheiten kümmern“, sagt Muschett. Gemessen an den 12?000 Jobs, die im Zuge des Kanalausbaus geschaffen wurden, ist das nicht viel. Neldo Tocamo kommentiert das so: „Mit uns redet niemand über den Kanalausbau. Ich habe von den Behörden hier noch niemanden gesehen.“

Dabei lohnt allein die Überfahrt im Einbaum auf dem Rio Chagres mit Bootsmann Melio, um die Fülle und Kraft des zentralen Flusses zu spüren – ihres Flusses, der Mutter, von der sie hoffen, dass sie sie in Zukunft noch ernähren kann.

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