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Türkei Emine Erdogan lobt den Harem

Türkische Familienwerte vertragen sich gut mit dem Leben im Harem - das sagte die First Lady der Türkei ausgerechnet kurz nach dem internationalen Frauentag. Viele Türkinnen fühlen sich provoziert.

In der Öffentlichkeit tritt die türkische First Lady stets mit Kopftuch auf. Foto: rtr

Türkische Familienwerte vertragen sich gut mit dem Leben im Harem. Diese Meinung vertrat die First Lady der Türkei, Emine Erdogan – und hat damit einen Proteststurm in den sozialen Medien ausgelöst. Kurz nach dem internationalen Frauentag erklärte die Frau des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, dass die Haremsdamen im Osmanischen Reich alles in allem komfortabel lebten. „Der Harem war eine Schule für Mitglieder der osmanischen Dynastie und eine Lehreinrichtung, in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden“, sagte die 61-Jährige nach Angaben von Fernsehsendern am Mittwoch in Ankara.

In den sozialen Netzwerken sorgten die Äußerungen der First Lady für wütende Kommentare. „Sie will, dass Frauen zweitklassige Dienerinnen der Männer sind!“, schrieb eine Nutzerin auf Twitter. Eine andere notierte: „Die Haremsfrauen wurden entführt und vergewaltigt und selbst kleine Kinder entkamen der Tortur nicht!“ Im Harem gab es während der osmanischen Herrschaft zwar genaue Vorschriften für die Auswahl und Ausbildung der Mädchen, die zeitweise auch in Literatur, Musik oder Fremdsprachen geschult wurden. Doch letztlich waren die Haremsdamen Sexsklavinnen des Herrschers, der absolute Gewalt über sie hatte. Deshalb mussten die Worte der First Lady für viele türkische Frauen, die am 8. März trotz Verboten landesweit gegen die grassierende Gewalt gegen Frauen demonstriert hatten, wie Hohn klingen.

Frauen: "In erster Linie Mütter"

Vielleicht wollte Emine Erdogan damit die Äußerungen ihres Ehemanns ergänzen, der zum Frauentag seine bekannten patriarchalischen Ansichten wiederholt und gesagt hatte, dass eine Frau für ihn „in erster Linie eine Mutter“ sei. Mindestens drei Kinder solle eine türkische Frau zur Welt bringen, lautet sein langjähriges Mantra.

Emine hat ihm vier Kinder geschenkt, zwei Jungen und zwei Mädchen. Der streng gläubige Ehemann und seine Gattin legen viel Wert auf die bürgerliche Ehegemeinschaft. Mit ihrer Erklärung hat sich Emine Erdogan für ihre Verhältnisse erstaunlich weit aus der Deckung gewagt. Sie zeigt sich zwar häufig bei öffentlichen Auftritten und Staatsbesuchen an der Seite ihres Gatten, stets züchtig im langen Mantel und mit Kopftuch, hält sich dabei aber im Hintergrund. Weil sie ihr Privatleben abschottet, ist relativ wenig bekannt über das jüngste von fünf Kindern einer arabischstämmigen Familie aus dem konservativen Istanbuler Stadtviertel Üsküdar.

Der türkischen Journalistin Gülay Atasoy erzählte Emine, dass sie das Kopftuch anfangs nicht freiwillig anlegte, sondern von ihrer Familie dazu gezwungen wurde. Sie besuchte eine Kunstakademie, brach die Ausbildung aber ab. Ihren Mann lernte sie mit 22 Jahren auf einer politischen Veranstaltung kennen, als er Vorsitzender der Jugendorganisation der islamistischen „Nationalen Heilspartei“ war, die später verboten wurde. 1978 heirateten die beiden.

Im Fernsehen erscheint Emine Erdogan vor allem als Schirmherrin von Wohltätigkeitsveranstaltungen. Sie flankiert damit häufig die politischen Vorhaben ihres Mannes. Zuletzt fiel sie mehr durch seltsame Vermögensbeteiligungen und 2015 durch eine extravagante Shoppingtour im Brüsseler Luxustaschengeschäft Longchamp auf. Um sie hingegen als sparsame Hausfrau darzustellen, schilderte die regierungstreue Zeitung „Yeni Akit“, wie sie die Küche im Prunkpalast ihres Gatten führe. Sie versuche, Müll zu vermeiden, schrieb das Blatt, lege Wert auf Biokost und besonders auf Weißen Tee aus der Schwarzmeerprovinz Rize.

Das hätte sie besser nicht berichtet, denn ein Kilo dieser Teesorte kostet 1600 bis 1800 Euro. Das Durchschnittseinkommen in der Türkei liegt bei etwa 300 Euro, und die meisten Türken haben noch nie von der luxuriösen Teequalität gehört.

Auch Emine Erdogans Lobgesang auf den Harem kontrastiert stark mit dem Bild einer konservativen, aber modernen, weltläufigen Frau, das sie gern von sich zeichnet. 2011 hielt sie in Brüssel eine Dankesrede zur Verleihung eines Frauenpreises. „Die Türkei hat große Fortschritte bei den Frauenrechten gemacht“, sagte sie damals. Sie habe „den Anteil von Frauen im Parlament, in der Arbeitswelt und als Selbständige deutlich erhöht und die Vorbeugung häuslicher Gewalt verstärkt“. Aber das geschah, bevor ihr Ehemann zu jenem Autokraten wurde, den viele jetzt nur noch Sultan nennen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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