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Tschechien Der Preis der Würde

Jahrzehnte lang ließen Tschechiens Regierungen zu, dass auf dem Gelände des früheren Roma-KZ in Lety Schweine gemästet werden. Eigentlich sollte der Kauf der Anlage durch den Staat im September besiegelt sein. Doch seit den Wahlen ist das wieder ungewiss.

KZ
Hier stand früher das KZ von Lety. Foto: Nancy Waldmann

Cenek Ružicka steht am Denkmal, eine zerbrochene Steinkugel. Sein Nachname bedeutet Röslein und kommt am häufigsten in den Gefangenenlisten des KZ Lety vor. Aber nicht deswegen ist er eine Art Gastgeber der Gedenkveranstaltung, sondern weil er dem „Komitee für die Wiedergutmachung des Roma-Holokausts“ in Tschechien vorsteht. Geboren 1946 entstammt er jenen zehn Prozent der tschechischen Sinti und Roma, die überlebten. Botschaftsvertreter aus Prag legen Blumen nieder, Ružicka schüttelt am 13.Mai, dem Lety-Gedenktag, ihre Hände.
Ein Gestank liegt in der Luft und dagegen können auch die vielen Blumen nichts ausrichten. Hinter den Bäumen steht eine Schweinemastanlage – 13 Baracken mit 13 000 Schweinen, drei Ställe stehen direkt auf dem Gelände des einstigen Lagers.

Kulturminister Herman sagt in seiner Rede, nächstes Jahr werde die Schweinefarm hoffentlich nicht mehr stehen. Viele tschechische Regierungen vor ihm haben seit 24 Jahren dasselbe versichert – aber nie passierte etwas.

1308 Häftlinge, 326 Tote im Lager Lety. Harte Arbeit im Straßenbau und im Steinbruch, Hunger. Zwei Massentransporte mit etwa 500 Gefangenen gingen aus Lety, das 1942 auf Befehl der deutschen Besatzer zum „Zigeunerlager“ erklärt wurde, nach Auschwitz. Der letzte bei Schließung des Lagers im Mai 1943, nachdem sich eine Typhus-Epidemie ausgebreitet hatte, der Kommandant des Lagers entlassen worden war und zwei jüdische Ärzte sich monatelang um die Genesung der Todeskandidaten bemüht hatten. Die letzten Gefangenen mussten die hölzernen Baracken abbrennen.

Auch wenn noch nicht vollends erforscht ist, ob in Lety vorsätzlich gemordet wurde – Lety war ein Nebenschauplatz des Völkermords an den Sinti und Roma, dem rund eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. „Samudaripen“ nennen es die Roma.

Umzug der Arbeit wegen

Miroslav Brož und Jozef Miker, Gründer einer Roma-Graswurzelinitiative, legen keine Blumen an der Steinkugel ab. Sie wollen das 1995 eingeweihte „Fake-Denkmal“, wie Brož es nennt, nicht anerkennen. Weil es ein Feigenblatt sei, das die Entwürdigung des Ortes verbergen soll. Brož, ehemaliger Streetworker, bezeichnet sich als „Gadjo“, so nennen die Roma den Rest der Menschheit, doch für viele ist er einer von ihnen. Miker, ein Mann mit wachen Augen und einem von Krankheit gebeugtem Kreuz, ist ein ehemaliger Bergarbeiter aus Nordböhmen mit Invalidenrente. Wie die meisten Roma im heutigen Tschechien waren seine Eltern vor Jahrzehnten aus der Slowakei hergezogen – der Arbeit wegen. Zuhause in seiner größtenteils von Roma bewohnten Plattenbausiedlung in Krupka ist er eine Autorität, „Strejdo“ – Onkel nennen ihn die Kinder. Einige der älteren hat er nach Lety mitgebracht, damit sie etwas über ihre Geschichte lernen. In den Schulbüchern wird der Völkermord an den Roma mit einem Satz abgehakt.

Miker, Brož und einige Unterstützer beten und stecken Rosen in den Zaun der Mastanlage, da, wo sich das Lager befand. Dann laufen sie rasch das Feld hinunter, vorbei am Tor der Mastanlage zu dem kleinen See, in den sie Blumen werfen – darin sollen Dutzende Kinder vom Wachpersonal des KZ ertränkt worden sein. Der Onkel von seiner Frau habe das als Gefangener mit ansehen müssen, sagt Miker.

Seit Jahren kämpfen sie gegen den Mastbetrieb, Brož mit der Attitüde des Fassungslosen, Miker mit der des Ungebrochenen. Sie haben die Einfahrt zur Mastanlage blockiert, zumindest symbolisch, Briefe geschrieben an Prager Politiker, ihr Banner „Reißt die Schweinefarm nieder!“ aufgerollt – in Lety, in Prag, am Brandenburger Tor in Berlin. Die deutsche Regierung will sich nicht einmischen.

Gespräche zwischen der tschechischen Regierung und dem Mastbetreiber AGPI scheiterten schon mehrmals am Preis, den die Firma für die Anlage verlangte. Geld für die „Zigeuner“ ausgeben, das finden die meisten Tschechen nutzlos. Die Aktivisten haben es satt.


Vor dem Zaun der Schweinemast haben Miker und Brož an einem Juni-Samstag eine Bühne mit Lautsprechern aufgebaut. Busse mit ungarischen, moldawischen oder holländischen Kennzeichen fahren vor. Mehr als 200 Roma-Aktivisten aus 16 Ländern haben sie nach Südböhmen gelotst. Eine polnische Abgeordnete ist dabei und eine EU-Parlamentarierin aus Manchester. Die Vertreter der Gruppen fordern in ihren Reden, die Würde der Opfer an diesem Ort herzustellen, manche wütend, manche nachdenklich. „Opre Roma!“ – erhebt Euch Roma! – ruft das Publikum nach jeder Rede lauter. So viele Menschen kamen wegen Lety seit langem nicht zusammen. Im Gras vor der Bühne sitzt Justizminister Robert Pelikán und hört sich den Unmut über die Politiker an. „Wir werden die Mast kaufen, auch gegen den Willen der Mehrheit.“

Die Aktivisten dürfen auf die Wiese

Aus dem 260 Einwohner-Ort Lety ist niemand gekommen – symptomatisch für die Haltung im ganzen Land. Die Bürgermeisterin erklärt, dass im Krieg schließlich alle gelitten hätten und dass die Gemeinde das Denkmal im Auftrag des Staates pflege. Zumindest durften die Aktivisten auf der Wiese kampieren. Von den Dorfbewohnern auf der Straße hört man: „Es war ein Lager für Leute, die nicht arbeiten wollten. Für Kriminelle. Kein Konzentrationslager“. Dass die Menschen nach Auschwitz gebracht wurden, ist ihnen bekannt. Trotzdem ist Konsens: Eine Tragödie, die Gefangenen starben an Hunger und Typhus. Diese Tragödie wurde erst 1995 anerkannt. Die Worte des damaligen Präsidenten Václav Havels verhallten. Er hatte Lety als rassistisches Verbrechen bezeichnet, das von vielen Tschechen gutgeheißen wurde, weit über das Kriegsende hinaus.

Ein Gesetz zur Errichtung von Arbeitslagern für als „asozial“ erklärte Personen ließ die letzte tschechische Regierung einrichten, kurz bevor die Deutschen im März 1939 einmarschierten und den Staat komplett zerschlugen. Ab August 1942 begann die gezielte Vernichtung. Die tschechische Gendarmerie, die den deutschen Statthaltern unterworfen war, brachte Sinti und Roma nach Lety. Die Protektoratsführung griff dabei auf das „Landfahrer“-Register zurück, das die Kriminalpolizei der demokratisch regierten Tschechoslowakei kraft Gesetz seit 1927 erstellt hatte. Erfasst wurden nicht nur „fahrende“ Personen, sondern alle, die damals als Roma oder Sinti galten. Das ermöglichte den Deutschen später eine reibungslose Umsetzung der Genozid-Planung. Nirgendwo anders war der Völkermord an den Roma so perfekt organisiert.

„Was im Lager passiert ist, geht auf das Konto Deutschlands, denn damals gab es keinen tschechischen Staat mehr“, sagt der Publizist Markus Pape. Der gebürtige Berliner lebt seit langer Zeit in Prag und veröffentlichte 1997 ein Buch zu Lety auf Tschechisch. Die Strategie der Nazis, Tschechen bei der Roma-Verfolgung zu Mittätern zu machen, sei aufgegangen. Wie nach dem Krieg damit umgegangen wurde, betrachtet Pape als das Problem in Tschechien. 1948 erhielt der Lagerkommandant Josef Janovsky in Prag im einzigen Lety-Prozess trotz glasklarer Beweislage den Freispruch. Die Gerichtsverhandlung eines Falls mit Hunderten von Toten dauerte drei Tage.
Anfang der 90er Jahre war es ein amerikanischer Schriftsteller, der Lety dem Schweigen entriss und als erster die Überlebenden aufsuchte und befragte. Von brutalsten Schlägen und Hinrichtungen des Wachpersonals berichteten sie. 1997 stellte Pape mit 20 Mitstreitern Strafanzeige wegen Völkermord gegen unbekannt und einen damals noch lebenden Wärter. Ein Jahr wird ermittelt – bis er starb. Europarat, Europäische Union und der UN-Menschenrechtsausschuss mahnen seit Langem tschechische Regierungen, die Schweinemast zu beseitigen.

Jetzt kommt der Stein ins Rollen: Ein Prager Institut begann, die Namen der Opfer des Roma-Holokausts zu dokumentieren. Archäologen der Universität Pilsen gruben auf der Wiese vor dem Zaun der Mast in geringer Tiefe erste Relikte des Lagers aus: Schmuck und Fundamente der Lagerkommandantur. Zudem erschien das bislang unveröffentlichte Zeugnis des Lety-Überlebenden und Roma-Partisanenkämpfers Josef Serinek. Dessen Bericht ist fundierter als die Zeitzeugeninterviews der 90er Jahre. 17 Todesopfer durch Gewalt der KZ-Wärter zählte Serinek allein in den sechs Wochen seiner Haft, bevor ihm die Flucht aus Lety gelang. Das untergräbt die Version von der Tragödie.


Cenek Ružicka weiß um die Macht dieser Erzählung. Von Kindheit an kannte er die Namen der KZs, die seine Eltern überlebt hatten. Nur von Lety erzählten sie ihm nicht. „Weil sie Angst hatten, dass ich mich an den damals noch lebenden Verantwortlichen vergreifen würde und dafür ins Gefängnis muss“, sagt er.

Vor den Wahlen sollte alles besiegelt sein

Am 7. August die Breaking News: „AGPI nimmt Angebot der Regierung zum Rückkauf der Schweinemast in Lety an“, verkünden der AGPI-Chef und Kulturminister Herman. Noch vor den Wahlen sollte alles besiegelt sein. Unterzeichnet wurde der Kaufvertrag trotz Ankündigungen bis zum Wahltag am 21. Oktober nicht. Stärkste Kraft wurde die rechtspopulistische Partei ANO – was unter der künftigen Regierung aus Lety wird ist fraglich. Nach den Wahlen gab Herman den Preis bekannt, der bis dahin geheimgehalten wurde: umgerechnet 17,5 Millionen Euro soll der tschechische Staat für das Gelände hinlegen.

Die alte Regierung kündigte bereits einen Fahrplan an: Abriss der Stallanlagen, Entgiftung des Bodens, Bau eines Denkmals. „Wir müssen Exhumierungen vornehmen, um Gewissheit über die Zahl der Opfer zu erlangen“, sagt Minister Pelikán. Ružicka lehnt dies ab – aus Respekt vor den Getöteten. „Was ändert es, ob es einige Opfer mehr oder weniger waren?“, sagt er. Er stelle sich einen schlichter Pfad mit Informationstafeln auf dem Gelände vor. Und ein Teil der Schweinefarm könne erhalten bleiben – als Zeugnis der Nachkriegsgeschichte.

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