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"Tristesse Royale" Wenn Pop-Literaten altern

Vor zehn Jahren begeisterten fünf Schnösel-Schreiber das Land - viel blieb davon nicht übrig. Von Stephan Loichinger

15.10.2008 00:10
STEPHAN LOICHINGER
Fossil der Pop-Literatur: Benjamin von Stuckrad-Barre Foto: dpa

Der eine suchte die Öffentlichkeit. Alexander von Schönburg lud zur feudalen Präsentation seines neuen Buchs "Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten". Es kamen Journalisten und Angehörige des deutschen Hochadels, darunter seine Schwester Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, in den Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte.

Der andere war partout nicht zu erreichen, als sein Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" und meist lobende Kritiken in den großen Zeitungen erschienen. Christian Kracht weilte angeblich in Malawi.

Es ist kaum damit zu rechnen, dass Schönburgs aristokratische Plauderei auf ähnliche Resonanz stößt wie Krachts wundersame Erzählung vom ewigen Krieg. Vor neun Jahren, es kommt einem länger vor, wurden beide in einem Atemzug genannt. Sie gehörten dem "Popkulturellen Quintett" an.

Dieses Quintett traf sich im April 1999 für ein Wochenende im Berliner Hotel Adlon. Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre, allesamt Autoren zwischen 25 und 35, sprachen über linke Demonstranten, die Berliner Republik, gute Anzüge und Vorteile eines neuen Weltkriegs. Am Ende wollten sie "ein Sittenbild unserer Generation modelliert" haben. Das würde ihnen heute kaum noch jemand zuschreiben. In Erinnerung blieben ihr schnöseliger Ton und das Gruppenfoto auf der Rückseite ihres Buchs "Tristesse Royale": Die jungen Männer, das war an ihren Gesichtern abzulesen, waren der Zustände in diesem Land überdrüssig.

Oft schlau, immer laut

Daran dürfte sich wenig geändert haben. Doch die fünf sind dem Gedächtnis der Gesellschaft langsam entglitten. "Tristesse Royale" war Höhepunkt und wohl auch Schlusspunkt der so genannten Popliteratur in Deutschland. Die hatte ihren Anfang 1995 mit Krachts Debütroman "Faserland" genommen, der launischen Schilderung der Reise eines gelangweilten jungen Mannes durch Deutschland. Ihren Star hatte sie aber in Benjamin von Stuckrad-Barre.

Der Pastorensohn veröffentlichte zwischen 1998 und 2001 sechs Bücher. Sein Debüt "Soloalbum" mochte an Nick Hornbys "High Fidelity" erinnern und nicht gerade elegant geschrieben sein - es verkaufte sich wie wild. Er las in Konzertsälen. In TV-Talkshows war er oft schlau und immer laut. 2003 kam "Soloalbum" ins Kino. Zu dem Zeitpunkt war Stuckrad-Barre persönlich ganz unten. Er wolle über seine Kokainsucht, die "Zeit im Wahn", einen Roman schreiben, kündigte er an. Seitdem erschienen aber nur Sammlungen kürzerer Texte. Heute arbeitet er als Reporter für Welt und B.Z. "Die Zumutung, die die Wirklichkeit bedeutet, möglichst genau festzuhalten, darum geht es mir", sagt er.

2004 verglich die FAZ Stuckrad-Barre mit Christian Kracht, "zwei Extreme jener Literatur, die wie keine andere das Land gespiegelt hat in den letzten Jahren". Kracht habe nach dem Getöse um "Tristesse Royale" einen anderen Weg eingeschlagen: "die Versenkung als Gegenbewegung zur Verflüchtigung".

Krachts Roman "1979", in dem die von der eigenen Dekadenz gelangweilte Hauptfigur in einem chinesischen Arbeitslager mit sich ins Reine kommt, erschien 2001. Manche Kritiker sahen darin den Abschied von einer westlich dominierten Weltordnung prophezeit. Kracht selbst fand ihn "kitschig". "Interessant ist lediglich Übertreibung und Pathos. Alles andere ist langweilig, leider", bekundete er.

Man weiß nicht viel über Kracht, den ewig Reisenden. Mal lebte er in Kalkutta, mal in Bangkok, neuerdings in Buenos Aires. Auch in seinen Büchern orientierte sich der Sohn des früheren Generalbevollmächtigten des Verlegers Axel Springer zunehmend weg von Deutschland. Aufsehen erregte die von ihm von 2004 bis 2006 herausgegebene Zeitschrift Der Freund: ohne Fotos, mit Gedichten und Texten zu abseitigen Themen, Redaktionssitz Kathmandu.

Chefredakteur von Der Freund war Eckhart Nickel. Der promovierte über Thomas Bernhards Spätwerk, prägte den Begriff des "Geistes-Dandy" und schrieb zuletzt Stil-Kolumnen im SZ-Magazin. Seine eigenen Erzählungen im Band "Was ich davon halte" winkte die Kritik ebenso durch wie Joachim Bessings Roman "Wir-Maschine". Bessing schrieb darin über Werber und Medienschaffende, eine Szene, die schon in "Tristesse Royale" seziert worden war. Einige Jahre später stemmte er sich in "Rettet die Familie" gegen eine gesellschaftliche Realität, die Patchwork-Familie, und nannte das Buch im Untertitel "Eine Provokation". Heute ist Bessing Redakteur beim Kulturmagazin der Berliner Galerie 032c.

Auch Alexander von Schönburg hatte, bevor er für Bild zum "Adels-Insider" und Kolumnisten avancierte, noch einmal den Zustand der Gesellschaft kommentiert: In "Die Kunst des stilvollen Verarmens" verarbeitete der Graf seine Kündigung als FAZ-Redakteur und sanierte sich selbst - das Buch war 2005 ein Bestseller. Mit Stilkritik ist dieser Post-Pop-Republik nicht mehr beizukommen.

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