Lade Inhalte...

Trash TV Neuer Tiefpunkt im Privatfernsehen

Nackt, hemmungslos, verzweifelt: Die Dating-Shows im deutschen Fernsehen sind kaum noch zu unterbieten - oder doch?

„Undressed“
Bei „Undressed“ konzentriert man sich aufs Wesentliche: Die Kandidaten treffen sich zum ersten Date gleich im Bett. Foto: RTL II

Moderatorin Milka Fernandes führt Jenny an einer Reihe Penissen vorbei. „Und, gefällt dir beschnitten?“, fragt Fernandes und bleibt mit ihrer Kandidatin vor einem Exemplar stehen. „Ach, das ist mir eigentlich egal“, sagt die gönnerhaft. Und sonst so? Zu groß, zu krumm, zu haarig – ein Penis wird im Verlauf der Runde dran glauben müssen.

Im Mai dieses Jahres ging RTL II mit seinem neuen Format „Naked Attraction“ an den Start. Das Konzept ist denkbar einfach: Im Wechsel steht entweder ein weiblicher oder ein männlicher Single vor sechs großen Milchglaskästen mit jeweils einem Single des anderen Geschlechts darin. In jeder von sechs Runden öffnet sich die Kastenvorderseite zwecks knallhartem Ausschlussverfahrens ein Stückchen mehr: Gefallen mir die Geschlechtsteile? Wie finde ich den Po? Guter Oberkörper? Kann ich mit dem Gesicht was anfangen? Sagt mir die Stimme zu? Lange Rede, gar kein Sinn: Am Ende bleibt der Single mit dem hübschesten Penis und der schönsten Stimme übrig und darf Jenny – der Fairness halber mittlerweile auch nackt – auf ein Date ausführen.

„Die ehrlichste Dating-Show Deutschlands“, nannte das die Moderatorin mit dem Schokoladennamen gleich mehrfach in der ersten Folge. Schließlich kauft keiner der Kandidaten die Geschlechtsorgane im Sack. Als Zuschauer glaubte man mit heruntergeklappter Kinnlade den neuen Tiefpunkt des deutschen Privatfernsehens erreicht. Doch wenn du denkst tiefer geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein neues Format daher. Wobei „von irgendwo“ gar nicht stimmt, auch die nächste Entertainment-Tiefmarke kommt natürlich aus der Trash-Schmiede von RTL II.

Ab morgen können Singles bei dem Privatsender gleich auf das gesamte lästige Kennenlern-Vorspiel verzichten und landen praktischerweise sofort im Bett. 30 Minuten steht den Turteltauben dann zur Verfügung, das Format „Undressed“ ist also eher was für flottere Kandidaten. Was während dieses halbstündigen Unterhaltungs-Schnellschusses dann genau passiert, ist noch nicht ganz klar. Auf sich allein gestellt sind die Hoffentlich-bald-Verliebten jedenfalls nicht: Via Bildschirm bekommen sie Aufgaben. Als erstes natürlich – so gebietet es ja schon der Serienname – ausziehen.

In Großbritannien läuft das Format schon seit gut einem Jahr, deswegen kann man sich in Youtube-Videos vortasten, was auch die deutschen Kandidaten so erwarten wird: Redet über dieses intime Geheimnis, stellt jene Stellung nach, küsst euch. Am Ende entscheiden dann beide ob das Gegenüber in 30 Minuten überzeugen konnte, stimmen beide mit „Ja“ gibt es ein Wiedersehen ohne Kamera – ob im Bett oder einer Bar dürfen die Singles dann auch selbst entscheiden.

Effekthascherische Geschmacklosigkeiten

„Undressed“ bildet somit das vorläufige Lowlight einer mittellangen Tradition an Dating-Shows, in die etwa auch das RTL-Format „Adam sucht Eva“ fällt, in dem sich Singles splitterfasernackt auf einer einsamen Insel kennen lernen, „Kiss Bang Love“ auf Pro Sieben, wo durch Augenbinden spontan erblindete Singles ausschließlich nach der Qualität eines schmatzenden Zungenkusses über Hop oder Top entscheiden und eben die Penis-Parade von RTL II.

Man könnte diese niveautechnische Abwärtsspirale jetzt als effekthascherische Geschmacklosigkeit quotengeiler Fernsehmacher abtun – wenn sie nicht auch exemplarisch für die Veränderung der reellen Singlebörse stehen würde. Da tragen einsame Herzen ja längst schon vorrangig ihr Fleisch zu Markte und bequeme Schnelligkeit wird zum wichtigsten Kriterium eines erfolgreichen Kennenlernens. Das zeigt seit Ende der 1990er schon die „Speed Dating“-Methode, bei der sich willige Alleinstehende in drei Minuten zwischen zwei Gongs kennenlernen sollen: Gerade genug Zeit für die elementaren Fragen nach Beruf, Wohnort, Alter.

Anbaggern und Abhaken

Die Dating-App „Tinder“ macht es Singles seit 2012 so einfach wie möglich: Oberkörperfrei-Bilder können bei Nichtinteresse mit dem Finger zur Seite gewischt und bei Gefallen mit einem Herzchen versehen werden. Und auf Sex-Date-Webseiten geht’s noch präziser zu: Vagina-Fotos und Schniepel-Schnappschüsse werden mit detaillierten Informationen zu Sexvorlieben, etwaigen Fetischen und absoluten No-Gos untermauert. So findet jeder Topf ganz flott sein Deckelchen, zumindest für eine gewisse Stunde. Wenn’s besonders gut läuft, vielleicht sogar für zwei. Insofern bebildern die Nackedei-Formate nur, was sich in der Gesellschaft eh schon manifestiert hat: Zeig mir deins und ich zeig dir meins, anbaggern und abhaken, „Liebe auf den ersten Fick“.

Zurück zu Jenny und den Penissen. Die hat sich damals im Mai für Michi entschieden. An Michi stimmt einfach alles: Nicht zu groß, nicht zu krumm, nicht zu haarig. Beste Voraussetzungen für die ganz große Liebe. Fehlt eigentlich nur noch die Show, in der so schnell wie möglich geheiratet wird. Aber Moment mal – die gibt’s natürlich auch schon längst! Bereits drei Staffeln „Hochzeit auf den ersten Blick“ liefen auf Sat 1, die letzte erst 2016.

Psycho- und Sexualtherapeuten stellen nach mehreren Castings Paare zusammen, die sie für ideal halten. Beim ersten Zusammentreffen müssen sie dann eine rechtsgültige Ehe in einem Standesamt eingehen. Nach der von Kameras begleiteten Hochzeitsreise und ersten Wochen des Zusammenlebens darf das Paar dann selbst entscheiden, ob es erst vom Tode geschieden werden oder doch lieber sofort getrennte Wege gehen will.

Beim ersten Paar der Show hat’s leider nicht geklappt: Lehrerin Jana (36) forderte nach vier Wochen die Scheidung von Industriekletterer Rico (35). Könnte am Penis gelegen haben. Oder an der Tatsache, dass sich die Liebe von findigen Fernsehproduzenten nicht erzwingen lässt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum