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Transsexualität in Indien Bunte Kostüme und tiefe Dunkelheit

Sie zahlen einen hohen Preis, ihre Freier einen niedrigen: Indiens „Hijras“ ertragen ein Leben am Rand der Gesellschaft, in Armut und voller Gewalt, um als Frauen leben zu können.

Indien
Priya präsentiert sich auf dem Hotelflur den Freiern. Foto: Nagender Chhikara

Es ist zwölf Uhr am Mittag. In der südindischen Kleinstadt Villupuram brennt die Sonne auf den Asphalt. Priya ist schon auf dem Weg zur Arbeit. Wie immer hat sie sich für ihre Freier zurecht gemacht, trägt Minirock, Lippenstift und Highheels. Priya ist transsexuell und gehört zu den indischen „Hijras“. Auf ihrem kurzen Fußweg zu einer Bar wird sie von den Menschen auf der Straße angestarrt. Eine Mutter verdeckt ihrem Kind die Augen als sie Priya sieht. Ein Tuk Tuk-Fahrer spuckt ihr vor die Füße. Priya versucht ihn nicht zu beachten, stolziert weiter, Blick geradeaus. Sie weiß, dass viele Menschen sie verachten. Seit ihrer Verwandlung vom Mann zur Frau lebt sie mit Anfeindungen und Gewalt.

Sie erreicht die Bar, rückt ihr rotes Glitzertop zurecht, streicht sich durch ihre langen braunen Haare und tritt hinein in die Dunkelheit. Es ist heiß, Ventilatoren mischen die Gerüche von Alkohol, Zigaretten und Sex. In einer Nische sitzt ein Freier, sein Kopf lehnt an der Holzwand, vor ihm kniet eine Hijra. Die Bar ist voller Männer und Transsexueller, nicht eine geborene Frau wagt sich hier hinein.

Hijras arbeiten häufig als Prostituierte. Ausgestoßen aus der Gesellschaft finden sie sich in Kommunen zusammen. Eine Anführerin verwaltet die Einnahmen ihrer „Töchter“, sorgt für deren Lebensunterhalt und bietet Schutz. Ähnlich wie ein Zuhälter, nur, dass sie „Mutter“ genannt wird. Eine Hijra gehört erst dann zur Kommune, wenn sie sich kastrieren lässt. Priya ist 25 Jahre alt, seit drei Jahren gehört sie dazu.

Eigentlich ist Priya wegen eines hinduistischen Festes nach Villupuram gekommen und hat sich auf ein paar unbeschwerte Tage gefreut. Alle 22 Hijras ihrer Kommune sind zusammen mit dem Bus aus Chennai gekommen. Doch gleich nach der Ankunft hat die Anführerin Priya zum Anschaffen geschickt.

Als Priya nach ein paar Stunden zurück ins Hotel kommt, haben ihre Schwestern bereits alle fünf Zimmer des dritten Stocks bezogen. Das Hotel ist schäbig. An den Wänden bröckelt der Putz, der Boden ist übersät von Flecken aus Spucke und Kautabak. Doch die Hijras haben die Absteige mit Farbe gefüllt. Aus ihren offenen Taschen quillen bunte Kleider. Auf den Pritschen liegen pinkfarbene BHs, grüne Schlüpfer und Nachthemden aus rosa Tüll. Auf Wäscheleinen hängen Röcke und glitzernde Stoffbahnen, aus denen sie Saris, traditionelle indische Gewänder, wickeln. In der Kommune herrscht Feierlaune. Der Gang des Stockwerks wird zu ihrem Laufsteg, jede will sich in einem sexy Outfit präsentieren. Sie kichern, kreischen, trinken Bier. „Super strong“ steht auf dem Etikett.

Wie hungrige Hyänen hocken Freier auf den Treppen und begaffen das Spektakel. Armreifen rasseln und Latschen klatschen auf dem Steinboden. Auch Priya hat sich umgezogen. Sie hat sich in ein rotes Minikleid gehüllt, ihren türkisfarbenen BH mit Socken ausgestopft und ihren Po mit einer gepolsterten Hose betont. Mit kreisenden Hüften läuft sie über den Flur und wirft ihren Verehrern Küsse zu. Die Männer gröhlen. Einer grabscht nach ihrem Po. Priya schlägt seine Hand weg, schnauzt ihn an, nimmt ihm seine Bierflasche aus der Hand und trinkt.

Geboren wurde Priya als Junge, ihre Eltern nannten ihn Raju. Heimlich zog Raju schon als Kind die Saris seiner Mutter und die Röcke seiner Schwester an. Er war neidisch auf seine Schwester, wollte so sein und so behandelt werden wie sie. „Ich habe mich immer versteckt“, erinnert sich Priya. Eines Tages erwischte der Vater Raju in Frauenkleidern. „Er hat mich geschlagen und mich angeschrien, dass ich es nie wieder tun darf“, sagt Priya. Mit zwölf Jahren verführten zwei ältere Schulkameraden Raju und er hatte Sex mit ihnen. Danach war er verwirrt, hatte große Angst. „Ich konnte doch nicht schwul sein, nicht ich.“ Erst als Raju zum ersten Mal Kontakt mit Transsexuellen hatte, wurde ihm klar, wo er hingehörte. „Ich sah die Hijras, wie sie waren und was sie anhatten und ich wusste, dass ich so sein wollte“, sagt Priya. Sie zog in die Nähe der Kommune und begann mit ihrer Verwandlung. „Meine ersten Kunden bekam ich, als ich meine Handynummer an die Wand der Bahnhofstoilette schrieb.“

Auf Probe durfte Priya drei Monate lang in einer Kommune leben. In dieser Zeit erfuhr sie, was es heißt, eine Hijra zu sein. Sie wurde beschimpft, bespuckt und geschlagen. „Nur weil die Menschen nicht ertragen können, wer ich wirklich bin“, sagt sie. Manchmal hatte sie Freier, die sie nach dem Sex schlugen, nicht bezahlten, sondern ihre Einnahmen klauten. Besonders vor Polizisten lernte Priya sich in Acht zu nehmen. Sie forderten Schutzgeld oder kostenlosen Sex. Wenn sie nicht einwilligte, wurde sie von mehreren Männern vergewaltigt.

Trotz allem fühlte sich Priya in dieser Zeit zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich wohl. Sie lebte unter anderen, denen es genauso ging, wie ihr. „Ich fühlte mich geborgen und angenommen“, sagt sie. Priya wollte ganz zur Kommune gehören und ihr Äußeres dem Inneren anpassen.

In vielen Gegenden in Indien kastrieren sich Hijras gegenseitig – ein lebensgefährlicher und grausamer Akt. Mit einem Messer und kochendem Wasser, ohne Betäubung, werden die männlichen Genitalien entfernt. Wer die Kastration überlebt, leidet häufig unter schweren gesundheitlichen Schäden. Viele Hijras, die auf diese Art kastriert wurden, können nicht mehr richtig urinieren und sterben früh an Nierenschäden. Priya hatte Glück. In den vergangenen Jahren hat sich viel geändert in Südindien. Tamil Nadu, der Bundestaat, in dem sie lebt, ist der erste des Subkontinents, der Transsexuellen eine medizinische Geschlechtsumwandlung samt Operation finanziert. Vor drei Jahren war es soweit. Nach einer langwierigen Hormontherapie ließ Priya sich operieren. „Seitdem bin ich ganz Priya“, sagt sie.

Während Priya erzählt, öffnet sich am Ende des Korridors das Zimmer mit der Nummer 208, das einzige mit Klimaanlage. Im rosafarbenen Nachthemd tritt die Anführerin, Sudha, heraus. Ihr Körper aus über hundert Kilo Selbstbewusstsein wiegt sich in den Hüften. Sudha spreizt ihre Finger und klatscht ihre Handflächen aufeinander, ein Zeichen der Hijras in ganz Indien. Es symbolisiert das Aufeinanderschlagen zweier Körper beim Sex, erklärt Sudha. „Hello Mommy“, hauchen die Hijras und bilden eine Gasse. Mommy Sudha schaut missgelaunt, lässt sich eine Mentholzigarette reichen und setzt sich im Schneidersitz auf eine Pritsche. „Wie laufen die Geschäfte meine Lieben“, fragt sie. Ihre Stimme klingt wie ein drohender Bass. „Meine Töchter sind mein Leben und ich beschütze sie und kümmere mich um all ihre Probleme“, sagt die Anführerin. Ihre Kommune hat sie reich gemacht. Sudha kassiert alles, was ihre 22 „Töchter“ auf dem Strich verdienen.

Viele Kunden von Transsexuellen in Indien sind arme Männer, Rikschafahrer oder Straßenfeger, die sich eine Prostituierte, die als Frau geboren wurde, nicht leisten können. Für eine Nummer mit einer Hijra müssen sie weniger hinlegen. Umgerechnet zwischen drei und neun Euro kostet sie der Sex. Je weiblicher die Hijra, desto teurer.

Als die Nacht hereinbricht, verziehen sich Sudha und ihre Töchter in ihre Zimmer. Die Freier auf der Treppe werden unruhiger. Jetzt ist ihre Zeit, nach und nach verschwinden auch sie hinter einer der Zimmertüren im dritten Stock.

Am nächsten Morgen stehen alle Türen wieder offen. Auf den Pritschen liegen fleckige Laken, die wie ein Protokoll von der vergangenen Nacht erzählen. Im Flur herrscht reges Treiben. Zähne putzen, BHs ausstopfen, Saris wickeln, Haare kämmen. Die Hijras machen sich zurecht. Im Rahmen des hinduistischen Festes in Villupuram findet eine Modenschau für Transsexuelle statt. Die Hilfsorganisation Indian Community Wellfare Organisation (ICWO) setzt sich für die Emanzipierung und Rechte der Transsexuellen in Tamil Nadu ein und organisiert unter anderem diese Modenschau. Dabei geht es nicht nur darum, die Schönste zu sein. Die Teilnehmerinnen müssen auch Fragen zu Themen wie Aidsprävention und Geschlechtskrankheiten beantworten. So will die ICWO zur Aufklärung der Hijras beitragen. Priya ist Titelverteidigerin. Im vergangenen Jahr gewann sie den Titel „Miss Villupuram“. In diesem Jahr will sie unbedingt ihren Triumph wiederholen.

Wenig später ist es soweit. Im Bürgerhaus von Villupuram hat Priya ihren großen Auftritt. Die kleine Halle ist überfüllt. Hunderte Zuschauer stehen Nase an Nacken, kaum einer hat Sicht auf die Bühne. Selbst die Jury versinkt hinter der Mauer aus übermotivierten Pressefotografen. Priya trägt ein grünes Kleid, Plastik-Juwelen und Riemchensandalen in Größe 44. Mit gesenktem Kinn und offenem Mund flaniert sie über den Laufsteg. Ihre Schwestern kreischen ihren Namen. Priyas Antworten auf die Fragen zu Aids gehen im Lärm unter.

Sie wird Vierte von insgesamt 50 Konkurrentinnen. Wütend über das Ergebnis verschwindet Priya aus dem Bürgerhaus. Im Hotel ertränkt sie ihren Frust in Alkohol.

Am späten Abend schwankt sie betrunken und gekrönt mit einem Diadem aus Plastik vor dem Hotel herum. Ein Mann auf einem Motorrad hält an und beschimpft sie. „Du dreckige Hure“, schreit er, „verschwinde von der Straße“. Priya reißt sich ihr Oberteil herunter, entblößt ihre Brust, zieht eine Fratze und lacht. Dann schlägt sie die Handflächen aufeinander und der Mann auf dem Motorrad fährt weiter.

Als Priya am nächsten Tag aufsteht, ist es fast Mittag. Ihre Augenringe und ihr Gesichtsausdruck verraten ihren Kater. Im Flur lässt sie sich auf den Boden sinken. „Ich wünsche mir einen Mann, der mich liebt“, sagt sie plötzlich. Einmal war sie bereits verliebt. Sie trafen sich, redeten, tranken Kaffee zusammen. Er schenkte ihr viel Aufmerksamkeit. „Als er herausfand, dass ich einmal ein Mann war, hat er sich geekelt und mich sofort verlassen“, sagt sie und lässt ihren Kopf hängen. „Wenn ich einem Mann ein Kind schenken könnte, dann würde ich bestimmt geliebt werden.“

Anführerin Sudha kommt auf Priya zu. „Wir lieben dich doch“, sagt sie und, „es wird Zeit für dich zu arbeiten“. Geknickt steht Priya auf, zieht ihre Highheels an, trägt Lippenstift auf und geht wieder zu Fuß zur Bar. Sie weiß nicht, wen sie heute trifft. Ob der Kunde, zu dem sie später ins Auto steigt, sie ausrauben will, oder sie zum Spaß verprügelt. Oder ob heute mal wieder die Polizei in die Bar zum Abkassieren kommt. Vor der Tür rückt Priya noch einmal ihr Top zurecht und fährt sich durch die Haare. Sie verschwindet in der Dunkelheit.

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