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Todesurteil gegen Meriam Yehya Ibrahim Verurteilt für ihren Glauben

Die Sudanesin Meriam Yehya Ibrahim soll sterben, weil sie Christin ist. Nach weltweiten Protest gegen das Todesurteil soll sie freigelassen werden. Doch der Anwalt von Meriam Yehya Ibrahim bleibt skeptisch.

Das Hochzeitsbild zeigt die inhaftierte Meriam Yehya Ibrahim mit ihrem Mann, Daniel Wani. Foto: Facebook.com/Gabriel Wani

Daniel Wani hat noch zwei Jahre Zeit, um für das Leben seiner Frau zu kämpfen. Solange wollen die sudanesischen Scharia-Richter das Todesurteil gegen Meriam Yehya Ibrahim aussetzen, nachdem sie vor wenigen Tagen im Gefängnis von Omdurman ihrem zweiten Kind, einer Tochter, das Leben geschenkt hat. Die 27-jährige Ärztin und ihr 20 Monate alter Sohn sind seit Februar dieses Jahres im Kerker des Stadtteils der sudanesischen Hauptstadt Khartum eingesperrt: Nach Angaben ihres Mannes ist Ibrahim ständig in Fußketten gelegt, die ihr nicht einmal während der Geburt ihrer Tochter abgenommen wurden. Die eisernen Fesseln verursachten ihr ununterbrochen Schmerzen, beklagte sich die Mutter gegenüber ihren Anwälten.

Ibrahims Verbrechen: Sie sei vom muslimischen Glauben abgekommen, werfen ihr die Scharia-Richter vor – sie selbst sagt, dass sie ihr Leben lang Christin war. Wegen Unzucht – nämlich des Beischlafs mit ihrem Ehemann, den die Richter nicht als ihren Gatten anerkennen – soll sie außerdem mit einhundert Peitschenhieben bestraft werden: Ein Urteil, das in der ganzen Welt Entsetzen ausgelöst hat.

Am schlimmsten gehe es derzeit Martin, dem zwanzig Monate alten Sohn, berichtet Daniel Wani. Der Vater, der wegen Muskelschwunds im Rollstuhl sitzt, durfte am Tag nach der Geburt seiner Tochter die Familie im Gefängnis in Omdurman besuchen: „Martin hat sich total verändert“, erzählt Wani: „Er war so ein fröhlicher Junge. Aber dieses Mal hat er mich nur angeschaut. Nicht einmal ein Lächeln.“ Bei jedem Besuch frage ihn sein Sohn, ob er nicht mit ihm nach Hause kommen könne, fährt der Vater fort: Doch die sudanesischen Behörden verbieten das, weil sie Wani nicht als Vater anerkennen. Denn der Südsudanese ist Christ, und seine Frau sollte eigentlich Muslimin sein, weil ihr leiblicher Vater Muslim war. Und alleine das zählt bei den Scharia-Richtern.

Meriam Yehya Ibrahim kam vor 27 Jahren als Tochter einer christlichen Äthiopierin und eines muslimischen Sudanesen auf die Welt. Der Vater kümmerte sich nicht um das Kind, und die Mutter zog ihre Tochter nach ihrem, dem christlichen Glauben, auf. Meriam stellt sich als außergewöhnlich kluges Mädchen heraus, machte das Abitur mit Bravour und studierte Medizin. Als junge Ärztin lernt sie im Jahr 2011 einen Südsudanesen kennen, der in den USA lebt, und in Khartum nur auf Besuch ist: „Es war eine Liebesgeschichte wie aus dem Bilderbuch“, erzäht ihr Anwalt Elshareef Ali der BBC.

Heirat in Kathedrale von Khartum

Das Liebespaar heiratet in der christlichen Kathedrale von Khartum, und mehr als ein Jahr später schenkt Ibrahim ihrem ersten Kind, Martin, das Leben. Doch jemand aus der Familie ihres Vaters hat etwas gegen die Verbindung zwischen Meriam und Daniel einzuwenden: Jedenfalls wird die junge Ärztin im August des vergangenen Jahres angezeigt: Die Anklage lautet auf Unzucht, weil die Ehe zwischen einem Christen und der Tochter eines muslimischen Vaters nach den im Jahr 1983 eingeführten scharfen Scharia-Gesetzen des Sudans nicht anerkannt wird.

Bei der Gerichtsverhandlung im Februar dieses Jahres verteidigt sich Ibrahim mit dem Argument, dass sie selbst eine Christin sei, ihre Mutter habe sie im christlichen Glauben erzogen. Darauf setzen die Richter noch eine Anklage drauf: Ibrahim wird des Abfalls vom islamischen Glauben bezichtigt, worauf nach der sudanesischen Scharia-Interpretation die Todesstrafe steht. Die Mutter wird gemeinsam mit ihrem Sohn inhaftiert, denn für „Apostasie“ gibt es keine Freiheit auf Kaution. Beim Prozess Anfang Mai geben die Richter der Angeklagten drei Tage Zeit, um sich vom christlichen Glauben ab- und dem muslimischen zuzuwenden.

Doch nach Ablauf der Dreitagesfrist sagt Ibrahim offenbar in aller Ruhe zu den Richtern: „Ich bin Christin und bin deshalb von keinem Glauben abgefallen.“ Wütend verurteilt sie Richter Abbas Mohammed Al-Khalifa daraufhin zum Tode durch den Strang. Für die „Unzucht“ mit ihrem Ehemann soll sie außerdem auch noch einhundert Peitschenhiebe erhalten. Westliche Vertretungen in der sudanesischen Hauptstadt reagieren empört. „Ein barbarisches Urteil“, lässt die britische Regierung wissen, Washington zeigt sich „tief verstört“ und in Kanada ist man „schockiert und angewidert“.

Amnesty International ruft zu einer Unterschriftenkampagne auf: Schon in den ersten Tagen werden 700.000 Signaturen gesammelt. Der weltweite Druck auf die Regierung im Sudan, die von dem vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagten Präsidenten Omar al Baschir geführt wird, scheint inzwischen erste Folgen zu zeigen. Ibrahim werde möglicherweise bereits in den kommenden Tagen freigelassen, sagte der Staatssekretär im sudanesischen Außenministerium, Abdullahi Alazreg, am Samstag in London.

Ibrahims Anwalt traut der Ankündigung allerdings nicht. Die Regierung in Khartum behaupte das nur, um sich des internationalen Drucks zumindest vorübergehend zu erwehren, zeigt sich Elshareef Ali überzeugt: Wie anders sei es zu erklären, dass die angeblich bevorstehende Freilassung vom Außenministerium und nicht vom Berufungsgericht gemeldet wurde? „Wir glauben das erst“, so Anwalt Ali, „wenn Meriam mit ihren beiden Kindern aus dem Gefängnistor kommt.“

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