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Todesstrafe Ein Ex-Henker spricht über seine Arbeit

Jerry Givens hat 62 Menschen hingerichtet. Eines Tages wird er selbst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das ist für ihn ein Zeichen Gottes – er wechselt den Job.

29.07.2010 09:14
Serge Debrebant
Elektrischer Stuhl Foto: Getty

Jerry Givens hat 62 Menschen hingerichtet. Eines Tages wird er selbst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das ist für ihn ein Zeichen Gottes – er wechselt den Job.

Am Tag seiner Hinrichtung wirkte Frank Coppola gefasst und ruhig. Der ehemalige Polizist war 1978 zum Tode verurteilt worden, weil er eine Frau in ihrem Haus überfallen, ausgeraubt und erdrosselt hatte. Nachdem er sich auf den elektrischen Stuhl gesetzt hatte, banden die Vollzugsbeamten seine Arme und Beine fest, krempelten sein rechtes Hosenbein hoch und setzten ihm die elektrischen Kontakte und die Maske auf. Dann streckte Coppola die Daumen hoch: „Ich bin bereit.“ Jerry Givens drückte den Knopf. Rauch stieg auf. Es knisterte und stank nach verbranntem Fleisch.

28 Jahre ist das jetzt her. Trotzdem erinnert sich Jerry Givens an seine erste Hinrichtung am besten. „Man kriegt diesen Geruch nicht mehr aus der Nase – als ob man einen fettigen Schinken grillen würde“, sagt er am Küchentisch seines Bungalows in Richmond, Virginia. Die Vorhänge sind zugezogen, weil die Sonne draußen brennt. Seit elf Jahren arbeitet Givens nicht mehr als Henker. Trotzdem redet er von seiner früheren Arbeit, als würde er noch jeden Morgen ins Gefängnis fahren und sich auf die nächste Exekution vorbereiten. Von 1982 bis 1999 richtete er 62 Menschen hin. Es gab Zeiten, da war er einer der fleißigsten Henker in den USA.

Zwei von drei US-Amerikanern befürworten die Todesstrafe, aber über die, die sie ausführen, weiß man fast nichts. Nur wenige Henker haben über ihre Arbeit gesprochen. Bis heute umgibt sie eine Aura des Unheimlichen.

Vielleicht begrüßt Givens seine Gäste gerade deshalb mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter und bittet sie in sein Haus.. „Still, sei endlich still“, ruft er seinem Hund zu, der in einem Käfig hinter dem Sofa bellt, als Givens die Haustür öffnet. Im Halbschatten steht ein schwarzer, bulliger Mann, Mitte 50 mit Schnauzer und Glatze, der eine goldene Brille und eine goldene Armbanduhr trägt.

Ein gewisser Stolz

Givens gibt eine kurze Führung durchs Haus, das von einem einfachen, bodenständigen Leben zeugt. In der Küche hängt ein Kreuz – Givens geht jeden Sonntag in die Kirche und singt dort im Chor. Auf einer Kommode im Wohnzimmer stehen Pokale. Givens hat früher die American-Football-Mannschaft der benachbarten High School trainiert. Über der Kommode hängt ein Schwarzweiß-Bild aus den 70er Jahren. Es zeigt Givens, noch jung und schlank, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am Strand. Eine normale, glückliche Familie.

Givens ist in einer Sozialbausiedlung in Richmond aufgewachsen. Seine Herkunft hört man ihm heute noch an. Er macht Grammatikfehler, schleift Silben, kaut Vokale breit. Er spricht die Sprache der schwarzen Unterschicht. Für einen wie ihn muss es ein Aufstieg gewesen sein, als er 1974 eine Stelle als Gefängniswärter antrat. Obwohl er die Todesstrafe heute ablehnt, spricht er mit einem gewissen Stolz über seine frühere Arbeit. Schon im ersten Jahr bat der Gefängnisdirektor Givens ins Büro, schloss die Tür und fragte ihn, ob er als Henker arbeiten wolle.

Zwei Jahre früher war ein Moratorium zur Todesstrafe in Kraft getreten. Der Oberste Gerichtshof hatte entschieden, dass alle Vollstreckungen ausgesetzt werden sollten bis die Bundesstaaten eindeutigere Gesetze zur Todesstrafe erarbeitet hatten. Aber die Gefängnisse bereiteten sich bereits auf die Wiedereinführung der Vollstreckung vor. Obwohl Givens keine Gehaltserhöhung erhielt, sagte er zu. „Ich wollte etwas für die Gesellschaft tun und habe geglaubt, dass die Todesstrafe abschreckend wirkt“, sagt er. Dass zahlreiche Untersuchungen dieses Argument widerlegen, weiß er inzwischen selbst.

Jerry Givens, der ehemalige Henker. Bild: S. Debrebant

Als er sich zum ersten Mal mit seinen neuen Kollegen traf, vereinbarten sie, dass nichts von dem, was sie besprachen, nach außen dringen würde. Seiner Familie erzählte Givens nichts von seiner neuen Tätigkeit. Er war sich nicht sicher, wie sie reagieren würde. Zwar wussten seine Frau und seine Kinder, dass er auf Dienstreise verschwand, wenn eine Hinrichtung angesetzt war. Aber was er genau tat, verriet er ihnen nicht, und sie fragten ihn auch nicht danach. Erst vor elf Jahren gestand er seiner Frau die Wahrheit, als er festgenommen wurde und seine Stelle verlor.

Selbst im Gefängnis gelten Henker als Außenseiter. Andere Wärter meiden sie. Gleichzeitig steht das Hinrichtungsteam im Ruf, eine Art Elite-Einheit zu sein, in die nur die Besten und Diszipliniertesten aufgenommen werden. Givens hat es 17 Jahre lang geleitet: neun Leute, die das Schweigen zusammen schweißte. Der einzige Ort, an dem sie über ihre Arbeit sprachen, war ein Aufenthaltsraum mit Küche und Betten im Death House, dem Hinrichtungstrakt. Zwei Wochen vor der Exekution wurden die Todeskandidaten hierher verlegt. Von da an war Givens für sie verantwortlich.

Robert Johnson, Professor für Recht und Gesellschaft an der American University in Washington, D.C., hat Givens interviewt. In seiner Studie „Death Work“ – Todesarbeit – zeigt Johnson, wie widersprüchlich die Rolle des modernen Henkers ist. Zwischen ihm und dem Todeskandidaten entsteht eine intime Nähe, die dem Gefangenen hilft, die Stunden vor der Hinrichtung durchzustehen, ihn aber gleichzeitig auch gefügig macht. Das Hinrichtungsteam bewacht ihn rund um die Uhr, um zu verhindern, dass er Selbstmord begeht. Es hält ihn am Leben, um ihn umzubringen.

"Er hat nicht verstanden, dass er sterben wird"

Givens hat sich mit Häftlingen zwar nie angefreundet. „Das hätte mich zu sehr belastet“, sagt er. Aber er hat ihnen die letzten Tage so angenehm wie möglich gemacht. Mit Frank Coppola unterhielt er sich über dessen Kinder. Mit Morris Mason, der eine alte Frau vergewaltigt und ermordet hatte, redete er über Basketball, Baseball und Golf. „Mason“, sagt Givens, „war geistig zurückgeblieben, aber er hat sich jedes Ergebnis gemerkt.“

Am Tag der Hinrichtung durfte jeder Todeskandidat noch einmal Besucher empfangen. Wenn sie ihn verlassen hatten, nahm der Verurteilte die letzte Mahlzeit ein. Givens setzte sich zu ihm und aß eine Portion mit. Manche Gefangene waren ruhig und in sich gekehrt. Andere traf plötzlich die Erkenntnis, dass sie sterben würden. Sie fragten Givens, ob sie Schmerzen spüren würden. Er redete ihnen gut zu und versicherte ihnen, dass die Hinrichtung schnell vorbei sein würde. Morris Mason, der Sport-Fan, erkundigte sich, ob er seine Eiscreme von McDonald’s in den Kühlschrank stellen und später essen könne. „Er hat nicht verstanden, dass er sterben wird“, sagt Givens. „Er war noch nicht bereit für seinen Tod.“

Für den elektrischen Stuhl schor Givens dem Todeskandidaten den Schädel und das rechte Bein, weil dort die elektrischen Kontakte ansetzten. Dann brachte er ihn ins Bad, wo sich der Gefangene duschte und umzog. Einige Gefangene baten ihn, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. „Ich habe ihnen erklärt, dass das nicht möglich ist, weil ich ja der bin, der sie hinrichten wird“, sagt er.

Die Exekution selbst gehorchte einem strengem Protokoll. Jeder Beamte beschränkte sich auf wenige Handgriffe. Die Arbeitsteilung stellte nicht nur sicher, dass die Hinrichtung reibungslos ablief – sie gab den Beamten auch das Gefühl, nicht alleine für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein. Einer band das linke, ein anderer das rechte Bein fest, der dritte die linke und der vierte die rechte Hand. Bei einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl klemmten die Henker einen mit Salzwasser getränkten Schwamm zwischen die elektrischen Kontakte und die Haut. Beim Tod durch die Giftspritze setzten sie eine Nadel in die Armbeuge. Den Knopf, der den Mechanismus in Gang brachte, drückte aber nur einer – und das war Givens.

Er zieht ein Foto aus einer Sammelmappe, auf dem er in Uniform vor einem Schrank mit Glühbirnen steht. „Damit haben wir getestet, ob genug Strom durch die Anlage fließt.“ Leuchtete eine der 24 Glühbirnen nicht auf, musste die Anlage gewartet werden. Die Stromschläge konnten 3000 Volt erreichen, aber Givens passte ihre Stärke und Dauer mit Drehreglern an die Größe und das Gewicht des Todeskandidaten an. „Ich wollte ihn ja nicht kochen“, sagt er.

In den 80er und 90er Jahren geriet der elektrische Stuhl nach einer Reihe von Unfällen in Verruf. Die Giftspritze setzte sich in den meisten Staaten durch. Bevor Virginia 1995 umstieg, reiste Givens nach Texas, um das Verfahren zu erlernen, bei dem der Henker dem Verurteilten drei Mittel spritzt: eines gegen Schmerzen, eines, das die Muskeln lähmt, und eines, das zu Herzversagen führt. Bei der Hinrichtung, die Givens in Texas beobachtete, stimmte der Verurteilte das Kirchenlied „Amazing Grace“ an, als der Henker begann, ihm das Betäubungsmittel zu spritzen. Bevor er einnickte, hatte er alle sechs Strophen gesungen. „Das hat mir zu lange gedauert – beim elektrischen Stuhl ging das so“, sagt Givens und schnippst mit den Fingern.

Robert Johnson hat moderne Henker als „Meister der Verleugnung“ bezeichnet. Idealerweise blendet der Henker alle Gefühle aus und handelt als Werkzeug des Gesetzes: präzise und wirkungsvoll. „Der Ablauf einer modernen Hinrichtung“, schreibt Johnson, „ist unverwechselbar bürokratisch, mechanisch und entmenschlichend.“

Der Tonfall, in dem Givens über die Technik des Todes spricht, erinnert an diese Beschreibung. Manchmal klingt er wie ein Elektroinstallateur. Im Laufe des Gesprächs sammeln sich in seinen Augenwinkeln aber Tränen. In früheren Interviews hat er offen geweint. An jeden einzelnen Gefangenen, sagt er, erinnere er sich. Jedem habe er angeboten, mit ihm zu beten. Wenn sie sein Angebot ablehnten, betete er allein für sie und versuchte, sie mit der Hand zu berühren und zu segnen, wenn er sie zur letzten Dusche führte oder ihnen den Kopf schor.

Givens beschreibt die Vorbereitung einer Exekution als bewusst herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung: „Als Wärter muss ich Leben bewahren. Als Henker muss ich Leben nehmen. Ich musste also aus dem Ich, das bewahrt, in ein Ich, das tötet, wechseln.“ Dazu zog er sich ins Gefängnis oder in ein Hotel zurück, dachte nach und baute eine Art Wut in sich auf – „aber nicht gegen den Gefangenen, sondern gegen die Tat“, sagt er. Nach der Hinrichtung suchte Givens wieder die Einsamkeit. Manchmal kämpfte er wochenlang mit seinen Erinnerungen, stritt sich mit seiner Frau und war gereizt und unausgeglichen.

Zeichen Gottes

Nicht alle Todeskandidaten hatten die Tat begangen, für die sie verurteilt worden waren. 1995 richtete Givens Dennis Stockton hin, einen Berufsverbrecher, der einen Auftragsmord begangen haben sollte. Ein Zeuge, der gegen ihn aussagte, gab später auf einer Party damit an, dass nicht Stockton, sondern er schuldig gewesen sei. Givens bedrückte die Vorstellung, dass er einen Unschuldigen ermordet hatte. Dann geschah etwas, das er heute als Zeichen Gottes versteht.

Es begann mit einer Belanglosigkeit. 1999 hatte Givens seiner Frau ein Auto mit Gangschaltung gekauft. Seine Frau aber wünschte sich eines mit Automatik. Givens wollte den Wagen umtauschen und fuhr zu einem Autohändler. Hier traf er einen alten Bekannten, der Givens’ Wagen übernahm und 5000 US-Dollar für ein neues Auto anzahlte, das Givens dort kaufte. Wie sich herausstellte, war der Bekannte ein Drogenhändler. Das Geld stammte aus dem Verkauf von Kokain.

Givens wurde wegen Geldwäsche angeklagt. Einige Tage vor der Verhandlung sprang sein Anwalt ab. Mehrere Drogenhändler sagten gegen ihn aus, während Givens schwieg. Er hatte in diesem Jahr 13 Menschen hingerichtet. Auf eine weitere Exekution bereitete er sich gerade innerlich vor. Teilnahmslos saß er im Gerichtssaal. Der Richter verurteilte ihn zu 57 Monaten Haft. Givens verzichtete darauf, Einspruch einzulegen. 2004 wurde er vorzeitig wegen guter Führung entlassen. Heute sagt er, dass er froh sei, dass ihm Gott diesen Ausweg geboten habe: „Ich wollte nicht mehr als Henker arbeiten, aber gekündigt hätte ich nie.“

Vor drei Jahren rief Givens Jon Sheldon an, einen Rechtsanwalt aus Arlington, Virginia, der sich auf die Verteidigung von Todeskandidaten spezialisiert hat. Sein Büro liegt in einem dreistöckigen Neubau mit historisierenden Fassaden und dünnen Wänden in der Nähe des örtlichen Gerichts. Sheldon hat ein schmales Gesicht und volle, graue Haare. „Ich habe mich mit Givens in einem McDonald’s in der Nähe der Autobahn getroffen“, sagt er. „Das Urteil war lächerlich, aber Jerry konnte es nicht mehr anfechten. Die Frist für die Berufung war abgelaufen.“

Heute tritt Givens gelegentlich im Fernsehen auf oder nimmt an Podiumsdiskussionen über die Todesstrafe teil. Im Februar sagte er vor einem Ausschuss des Senats von Virginia aus, der über einen Gesetzesentwurf zur Ausweitung der Todesstrafe abstimmte. Seine Aussage trug dazu bei, dass der Entwurf weitgehend abgelehnt wurde.
Sein Geld verdient er sich als Lastwagenfahrer. Seine Frau hat ihm verziehen, dass er ihr seinen Beruf so lange verschwiegen hat. „Sie war geschockt, als ich ihr zum ersten Mal davon erzählte“, sagt Givens, „aber sie ist bei mir geblieben.“ Jetzt will er ein Buch über seine Zeit als Henker schreiben. „Wenn der Richter die Verurteilten selbst hinrichten müsste, dann gäbe es keine Todesstrafe mehr“, sagt er. „Eigentlich habe ich doch nur die Drecksarbeit gemacht.“

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