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Todesstrafe "Die Schreie bekomme ich nie aus dem Kopf"

Der US-Amerikaner Harold Wilson sollte als Mörder auf dem elektrischen Stuhl enden. Nach 16 Jahren in der Todeszelle kam er wegen erwiesener Unschuld frei.

23.08.2012 06:00
Hinnerk Berlekamp
Wie steht man sechzehn Jahre, sechzehn mal 365 Tage in der Todeszelle durch, ohne an der Welt zu verzweifeln? „Indem du dich in die eigene Spiritualität versenkst“, antwortet Harold Wilson. Foto: BERLINER ZEITUNG/Benjamin_Pritzkuleit

Harold Wilson, Jahrgang 1958, ledig, Vater von zwei Kindern, verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Elektriker, Bierverkäufer, Schuhputzer. Am 10.?April 1988 wurde er in seiner Heimatstadt Philadelphia festgenommen und zwei Jahre später wegen der Ermordung dreier Nachbarn dreimal zum Tode verurteilt. Zweimal unterschrieb der Gouverneur des US-Bundesstaates Pennsylvania bereits den Befehl zu seiner Hinrichtung, beide Male erwirkte Wilson Aufschub. Im November 2005, nach fast 16 Jahren in der Todeszelle, wurde er in einem Wiederaufnahmeverfahren von allen Vorwürfen freigesprochen: Ein DNA-Test hatte zweifelsfrei seine Unschuld erwiesen.

„Bevor es mich selber traf, hatte ich mir über die Todesstrafe nie Gedanken gemacht“, sagt Harold Wilson und sinnt seinen Worten einen Augenblick lang hinterher. Als Aktivist der Bewegung „Witness to Innocence“, Zeugen der Unschuld, ist er nach Berlin gekommen, um auf einer Kundgebung zu sprechen. Es ist ein kurzer Besuch, 48 Stunden später muss Wilson wieder in Virginia sein, mehr als einen freien Tag hat er seinem Arbeitgeber nicht abringen können. Doch er ist ohnehin nicht zu seinem Vergnügen hier. Er spürt eine Verpflichtung, und er bemüht sich, ihr gerecht zu werden.

Gemächlich, im breiten Slang, schildert Wilson seine Jugend im schwarzen Ghetto in Philadelphia. „Ich bin in einem durchaus politisch engagierten Milieu aufgewachsen“, sagt er. „Am Ende der Straße bei uns in ,South Phily‘ gab es ein Büro der Black Panther, und als die sich auflösten, machten wir unsere eigene Bewegung auf. Wir taten, was wir eben konnten: Wir haben die Kids zum YMCA geführt, damit sie Sport treiben, statt auf der Straße rumzuhängen; wir haben die älteren Leute versorgt …“

Eine fremde Sprache

Als er auf seine Zeit in den Händen der Justiz zu sprechen kommt, ändert sich seine Diktion. Immer wieder bricht er mitten im Satz ab, schiebt ein seufzendes „ye?know“, du weißt schon, ein – und weiß doch, dass kein Anderer weiß, kein Anderer wissen kann, was man fühlt, wenn man unschuldig dazu verurteilt worden ist, sein Leben auf dem elektrischen Stuhl zu beenden.

Überrascht sei er nicht gewesen über seine Verurteilung, sagt Wilson. „Wenn ich reich gewesen wäre, wäre ich gegen Kaution rausgekommen, hätte Hilfe in der Gemeinde finden können. Diese Chance hatte ich nie.“ Von dem Pflichtverteidiger, den ihm das Gericht zuwies, spricht er mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid. „Der Mann hatte nie zuvor mit einer Anklage wegen Kapitalverbrechen zu tun. Als ich ihn zum ersten Mal am Telefon hörte und er mir sagte: Jaja, wir werden tun, was wir können, da wurde mir klar: der rührt keinen Finger, der hat gleichzeitig 40 andere Fälle an der Backe?… Er hat es inzwischen übrigens zum Richter in Philadelphia gebracht“, ergänzt Wilson. Was er sonst noch zu sagen hätte über diesen Mann, behält er für sich.

Entscheidendes Beweisstück im Prozess gegen Wilson war eine Jacke mit Blutflecken, die in der Nähe des Tatortes gefunden worden war. Dass ihr Besitzer nur ein viel kleinerer und schmächtigerer Mann sein konnte als der 1,85?Meter große und 100 Kilo schwere Wilson, wäre sofort klar geworden, hätte der Angeklagte das Kleidungsstück einmal anprobieren dürfen. Die Verteidigung aber nahm es hin, dass der Richter einen entsprechenden Antrag ablehnte, und sie unterließ auch sonst alles, was nötig gewesen wäre, die Unschuld ihres Mandanten nachzuweisen. Wollte Wilson die drohende Hinrichtung abwenden, war er auf sich allein gestellt.

„Ich versuchte also, die Sprache des Gesetzes zu lernen, eine ganz eigene, fremde Sprache für mich. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang saß ich in der Gefängnis-Bibliothek“, erzählt er. „Eigentlich muss man in einer Bücherei doch herumstöbern können. Ich aber saß da in einem Käfig, bestellte meine Bände und wartete, bis die Wärter sie mir brachte. So lernte ich allmählich, meine eigenen Anträge ans Gericht zu formulieren.“

Wie steht man sechzehn Jahre, sechzehn mal 365 Tage in der Todeszelle durch, ohne an der Welt zu verzweifeln? „Indem du dich in die eigene Spiritualität versenkst“, antwortet Wilson. „Die meisten anderen Häftlinge hatten ,Friedensstifter‘ in ihren Zellen: Radios, Fernseher. Ich nicht. Ich habe mich ganz darauf konzentriert, wer ich bin.“ Dass die Mutter seiner beiden Kinder schon nach kurzer Zeit einen Neuen hatte, muss ihn hart getroffen haben, sollte man denken. Doch weit gefehlt: „Ich war überglücklich!“, sagt Wilson und strahlt. „Meine Kinder waren noch so klein, als ich ins Gefängnis kam; mein Sohn war zwei, meine Tochter ein Jahr alt. Sollten sie ganz ohne eine Vaterfigur aufwachsen?“

Körperliche Betätigung

Körperliche Betätigung sei ganz wichtig gewesen, um das Gefängnis zu überstehen, berichtet Wilson. „Ich habe sportliche Übungen gemacht und jeden Tag die mir zustehende Stunde auf dem eingemauerten Hof unter freiem Himmel verbracht, selbst wenn Schneesturm war, und wenn die Wärter sagten: heute fällt’s aus, habe ich sofort eine Beschwerde aufgesetzt?… Nicht umsonst haben sie mich immer wieder einen ,pain in the ass‘ genannt.“ Das Wörterbuch bietet für diesen Begriff die höfliche Übersetzung Nervensäge an.

Von den Härten des Gefängnisalltags berichtet Wilson mit eindringlicher Ruhe. Von den Kakerlaken. Von vergammelten Toiletten und zerschlagenen Zellenfenstern, „die wenigstens ein Gutes hatten: man konnte die Vögel hören“. Von rassistischen weißen Wärtern, die ihn, den Schwarzen, ihre Macht fühlen ließen. Von den Gängen durch die Haftanstalt – „kein Schritt ohne Handschellen“. Vom völligen Verlust von Intimität in der vier mal sieben Fuß großen Zelle, die zum Gang hin nur mit Gitterstäben abgetrennt war. „Gegenüber waren eine Zeit lang geisteskranke Häftlinge untergebracht. Manchmal kriegten sie ihre Medikamente nicht und flippten aus. Einen nannten wir den ,brüllenden Tiger‘. Seine Schreie bekomme ich mein Lebtag nicht aus meinem Kopf.“

Hilfe und Beistand fand Harold Wilson bei einem Mithäftling, dessen Name mittlerweile weltweit ein Begriff ist: Mumia Abu Jamal, Journalist, Politaktivist, zum Tode verurteilt, weil er einen Polizisten ermordet haben soll. „Mumia hatte früher in unserer Straße Frühstück ausgegeben an die Kids, das war so eine Black-Panther-Sache. Ich war zwar nie dabei, ich habe morgens immer stundenlang vor dem Spiegel gestanden und meinen Afro gekämmt, wenn meine Geschwister riefen: Wo bleibst du denn. Aber als ich im Gefängnis die Stimme hörte, habe ich sie sofort wiedererkannt: Das war doch dieser Reporter, den ich von seinen Beiträgen im Radio kannte!“

Mumia habe ihm beigebracht, sich mit den Mitteln des Gesetzes gegen das im Namen des Gesetzes begangene Unrecht zu wehren, sagt Wilson: „Er zeigte mir, wie man mit einem Stift kämpft. Er half mir zu sehen, wie eine wahre Demokratie ohne institutionalisierten Rassismus aussehen könnte.“ Nicht zuletzt mit Mumias Hilfe erzwang er die Wiederaufnahme seines Verfahrens, nachdem ein Videomitschnitt den für seinen Fall zuständigen Staatsanwalt als bekennenden Rassisten überführt hatte. Im neuen Prozess brauchten die Geschworenen nur zehn Minuten Bedenkzeit, um einstimmig auf Freispruch zu befinden.

Für Wilson steht außer Frage, dass Mumia genauso unschuldig ist wie er selbst, und er steht mit dieser Ansicht nicht allein. Persönlichkeiten wie Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, Günter Grass und Danielle Mitterrand haben sich für Mumia eingesetzt, die Stadt Paris hat ihn sogar zu ihrem Ehrenbürger ernannt. Mumia zur Freiheit zu verhelfen, wie der ihm selbst half, ist für Wilson ein Bedürfnis, dem er alles andere unterordnet.

Nichts gegen Obama

Dass die Justizbehörden von Pennsylvania im Dezember das Todesurteil gegen Mumia in lebenslange Haft ohne Möglichkeit der Begnadigung umwandelten, ist für Wilson nur ein Ansporn, seinen Einsatz zu vergrößern. „Hätten sie ihn aus der Zelle holen, an einen Baum binden und niederschießen können – sie hätten es getan. Doch sie konnten es nicht. Weil sie die öffentliche Meinung nicht ignorieren können. Die Leute, von denen sie gewählt werden wollen: als Abgeordnete, als Richter. People’s Power!“, sagt Wilson mit plötzlich ausbrechender Leidenschaft.

Und trotzdem werden die US-Bürger im November wieder einen Befürworter der Todesstrafe zum Präsidenten wählen: Nicht nur der Rechte Mitt Romney, auch der erklärte Liberale Barack Obama hat gegen das staatlich sanktionierte Töten grundsätzlich nichts einzuwenden, oder? Harold Wilson zuckt zusammen. „Ich kenne mich da nicht aus, was der Präsident tun könnte, um Mumia freizubekommen. Er hat so viel auf seiner Agenda“, sagt er, und es wird klar: Auf den Schwarzen Obama will der Schwarze Wilson nichts kommen lassen. So viele Hoffnungsträger gibt es nicht für ihn auf der politischen Bühne der USA.

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