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Tiger in Indien „Sehr wild und sehr schlau“

Nordindiens Bauern in Angst: Ein Tigerweibchen hat schon 13 Menschen getötet.

Tiger in Indien
Nein, das ist nicht die Tigerdame T1. Aber wütend ist das Kätzchen auch. Foto: afp

Die Halskette aus verrosteten Schrottteilen zieren scharf gewetzte Metalldornen, die drohend und abweisend über den schmächtigen Schultern des Kuhhirten Shankar Atram schweben. Um den Oberkörper hat der hagere 48-Jährige eine Art Ritterrüstung aus rostigem Blech gelegt. Sie wird von Lederbändern und kleinen Ketten samt abgeschlossenem Vorhängeschloss zusammengehalten.

Atram wirkt wie die dürre Version von Sancho Panza, dem Knecht des Ritters der traurigen Gestalt Don Quijote. Der Kuhhirte riskiert Kopf und Kragen freilich nicht beim Kampf gegen Windmühlenflügel. Sein Feind ist die Menschenfresserin T 1, eine fünfjährige Tigermutter von zwei Jungtieren, die auch schon am Rande des Dorfs Borati im Yavatmal-Distrikt an der Südgrenze des indischen Bundesstaats Maharashtra gesichtet worden war.

Während der vergangenen zwei Jahre tötete sie mindestens 13 Menschen in der bettelarmen Region rund um das Tipeshwar-Wildreservat. Mal riss sie einer Frau zwei Beine ab. Den toten Kuhhirten Sonabai Bhosale fanden seine Dorfnachbarn mit zermalmten Rücken, hervorstehenden Wirbeln und tiefen Krallenspuren. „Ich habe vor ein paar Wochen einen Tiger im Wald gesehen“, erklärt Kuhhirte Atram den Grund für seine seltsam anzusehende Blechrüstung, „Er war fast so groß wie eine Kuh. Es gibt nur einen Weg, einen Tigerangriff zu überleben. Man muss hellwach sein.“

150 Rupien verdient der 48-jährige Hirte pro Monat pro bewachter Kuh. Die umgerechnet zwei Euro pro Rindvieh machen den Mann nicht reich. Aber sie ernähren den Hirten und so zieht er Tag für Tag unter dem Geklapper seiner blechernen Rüstung in die Wälder der Umgebung und trotzt der unheimlichen und meist unsichtbaren Tigermutter T 1.

„In Yavatmal kommt die Nacht, bevor das Tageslicht verschwindet“, beschrieb die Tageszeitung Hindustan Times den Lebensrhythmus der Dorfbewohner angesichts des Tigerterrors. Schon ein bis zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit verlassen sie ihre Baumwollfelder und suchen Schutz in ihren Hütten. Nachts ziehen Männer und Jugendliche mit Speeren und Knüppeln bewaffnet rund um die Dörfer und versuchen mit viel Lärm, T 1 zu vertreiben. Morgens werden rund um die Felder erst einmal Knallkörper gezündet. Schlafmangel, Furcht und Sorge um Leib und Leben führten gar dazu, dass zornige Dorfbewohner das Wildhüterbüro des Distrikts stürmten.

KM Abharna, die zuständige Beamtin der lokalen Waldbehörde, hat durchaus Verständnis für die Dorfbewohner. Sie gibt auch sofort zu, dass T 1 bislang gerissener ist als die hiesigen Wildhüter, und selbst erfahrene Wildkatzenjäger hat sie schon vorgeführt: „Jeder Tiger kehrt dorthin zurück, wo er Beute gemacht hat. Aber T 1 lässt sich nicht blicken, sobald etwas ihren Argwohn erregt. Sie ist sehr wild – und sie ist sehr schlau.“

Vier Mal hätten die Jäger sie um ein Haar erwischt. Einmal entpuppte sich die gefangene Wildkatze als Vater der beiden Jungtiere. Er wurde wieder freigelassen. Ein eigens herbeigerufener, staatlich geprüfter Tigerjäger musste kapitulieren. Er gelangte nicht ein einziges Mal auf 15 bis 20 Meter, das ist die Schussweite von Narkosegewehren , an T 1 heran. 
Wildhüter hocken auf Hochsitzen und beobachten die Umgebung – ohne Fernglas. Nun soll – wie einst zu Maharadscha-Zeiten – mit vier speziell ausgebildeten Elefanten eine Treibjagd gegen die Menschenfresserin gestartet werden.

Denn die fünfjährige Tigerin mag ihre Jäger eins um andere Mal foppen. an ihrer Täterschaft gibt es keinen Zweifel. Der Grund: Die Behörden konnten T 1 anhand von DNA-Proben, Haarbüscheln und Aufnahmen von rund 60 versteckten Kameras im Waldgebiet überführen. 

Das Tigerweibchen machte in seinem fünfjährigen Leben allerdings auch nicht die besten Erfahrungen mit Menschen: Ihre Mutter starb an einem Stromschlag, als sie sich in einem der Elektrozäune verfing, mit denen Bauern ihre Felder vor Wildschweinen schützen. T 1 lebte außerdem nie in einem Tigerreservat. Wie 30 Prozent aller Tiger Indiens versteckte sie sich in einem der zunehmend kleiner werdenden Waldgebiete des Landes.

„Die Lage unserer Tiger ist kein Erfolg, sondern ein Desaster“, behauptet Valmik Thapar, eine von Indiens bekanntesten Tigerexperten. Andererseits: Während noch im Jahr 2006 nur rund 1400 Tiger gezählt worden waren, leben heute rund 2500 der gestreiften Wildkatzen in Indien. Das ist mehr als die Hälfte der weltweit noch lebenden 4500 Tiger. Doch die Tigerreservate in Indien sind kleine Inseln ohne Verbindung. Indiens Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Entwicklung schränkt den Lebensraum der Wildkatzen zunehmend ein.

Selbst Indiens hindu-nationalistische Regierungspartei „Bharatiya Janata Party“ (BJP) und ihre militanten Anhänger verschlimmerten ungewollt das Tigerproblem. Ihre Kampagne gegen das Schlachten der Kühe, die von ihnen als heilig verehrt werden, führte zu einer Explosion der Rindviehzahlen in Indien. 

„Rund um die Wälder gibt es deshalb heutzutage mehr Beute für Tiger als in ihrem ursprünglichen Lebensraum“, sagt ein Experte und fügt hinzu: Die Tiger blieben heute in der Nähe ihrer reichhaltigen Nahrungsquellen „und schon gibt es das Problem“. 

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