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Tierschutz Tiger auf dem Schwarzmarkt

In Thailand gibt es 950 Tigerfarmen. Dort werden Tiger als Touristenattraktion oder für den Schwarzmarkthandel gehalten. Zwar steigt auch die Zahl der in Freiheit lebenden Tiger an, doch ihr Bestand ist nicht gesichert.

In freier Wildbahn sind nur noch einige wenige Tiger anzutreffen. Foto: REUTERS

Die stumpfen Augen geradeaus gerichtet, liegt der ausgewachsene Tiger bewegungslos an einer schweren Kette im Schatten eines Baumes. Nur die ein paar Schritte entfernt angebundenen jungen Tiere lassen noch Spuren des Raubtierinstinkt erkennen, der die Wildkatze in der Natur zum König der Wälder macht. Die kurzen Ohren aufgestellt folgen die bernsteinfarbenen Augen jeder Bewegung in ihrer Nähe. Dicke Ketten reißen die jungen Tiger zurück, wenn sie ihrer Neugier folgen wollen.

Hunderte von Touristen drängen sich seit Jahren vor dem Eingangstor zum Wat Pa Luangta Bua Yannasampanno, einem früheren Waldkloster von buddhistischen Mönchen nahe der Stadt Kanchanaburi im Westen von Thailand. Sie kommen für ein Foto, das sie auf Tuchfühlung mit den gestreiften Raubtieren zeigt. Es kommt selten vor, dass es einem Tiger zu bunt wird und er mit einer mächtigen Tatze zuschlägt.

7000 Tiger werden weltweit auf so genannten „Tigerfarmen“ gehalten. Die meisten befinden sich in China. Thailand liegt mit 950 an zweiter Stelle. Der Tigertempel von Kanchanaburi hält mit 170 Tieren fast so viele Tiger an der Kette, wie es Raubkatzen gibt, die in dem südostasiatischen Königreich in freier Wildbahn leben. Es ist ein lukratives Geschäft. Tausende von Touristen strömen jährlich zu den Tigern im Schatten einer Pagode, obwohl die Tiger-Mönche längst in Verruf gerieten. Ihnen wird vorgeworfen, Tiger zu schlachten. Knochen, das gestreifte Fell, Zähne und verschiedene Organe werden anschließend auf dem Schwarzmarkt verhökert. In der Volksrepublik China und bei der chinesisch-stämmigen Bevölkerung in Südostasien werden den Resten der Tiger magische Kräfte zu geschrieben. Manche Kunden legen viel Geld für kleine Flaschen von „Tigerknochenwein“ auf den Tisch.

China, der größte Markt, verbietet den Handel, erlaubt aber Tigerfelle für Dekorationszwecke zu verkaufen. „Wie können wir hoffen, dass Kampagnen gegen den Konsum von Tigerprodukten funktionieren, wenn China gleichzeitig seinen Bürgern erklärt, der Kauf von Tigerfellen sei in Ordnung“, klagen 20 Tigerschutzorganisationen in einer gemeinsamen Resolution, in der sie von den 13 Tiger Range Countries (TRC) – den Ländern mit Tigerbestand – ein Verbot aller Tigerfarmen verlangen.

Vertreter von Bangladesch, Bhutan, Kambodscha, China, Indien, Indonesien, Laos, Malaysia, Nepal, Russland, Myanmar, Thailand und Vietnams feiern während einer am heutigen Donnerstag zu Ende gehenden Konferenz in Delhi lieber einen seltenen Erfolg. Erstmals seit 100 Jahren, als es weltweit noch 100 000 frei lebende Tiger gab, stieg die Zahl der Raubkatzen. Während der vergangenen sechs Jahre kletterte sie vor allem in Russland, Nepal, Bhutan und Indien von weltweit 3200 auf 3900. Außerdem wird ein ehrgeiziges Ziel diskutiert. Bis zum Jahr 2020 soll es wieder 6000 Tiger in freier Wildnis geben.

Aber just die Staaten Asiens, in denen es die meisten Tiger – in den berüchtigten Farmen – gibt, stellen auch die größte Gefahr dar. „Es ist klar, dass sie mit ihrem Schwarzmarkt die Wilderei nach frei lebenden Tigern befeuern“, sagen die Schutzorganisationen. Nirmal Ghosh von der indischen „Corbett Foundation“ warnt vor übertriebener Zuversicht: „Die Zahlen stimmen zwar. Aber in Indien mit seinen 2226 Tigern wurde in mehr Regionen als früher gezählt. Es wäre korrekter zu sagen, dass Indien mehr Tiger hat als bisher bekannt. Aber die Entwicklung zeigt, dass die Bemühungen zur Rettung der Tiger funktionieren.“

Gleichzeitig verschwinden in den Sundabans nahe der Stadt Kalkutta und in einem Gebiet namens Buxa weiter Tiger. Das Problem der Wilderei wurde nicht gestoppt. Im Bundesstaat Madhya Pradesh wird ein Staudamm den Lebensraum der Raubtiere zerstören – initiiert von der Regierung von Premierminister Narendra Modi, der sich bei der Konferenz als engagierter Schützer der Raubkatzen gerierte:„Tigerschutz ist keine Wahl, sondern eine Pflicht.“

Die Wildkatzen gehören trotz der positiven Nachrichten laut der „International Union for Conservation of Nature and Natural Ghosh (IUCN) weiter auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten, weil trotz aller Rettungsbemühungen bislang eine verheerende Entwicklung nicht umgekehrt wurde. Tiger gibt es heute nur noch in sechs Prozent der Regionen, in denen sie einst lebten. Seit 2006 schrumpfte ihr Lebensraum erneut um 42 Prozent.

Laos hat laut Zählungen noch zwei Tiger. Ob sie sich noch einmal vermehren, ist mehr als ungewiss. Dem Land droht damit die gleiche Entwicklung, die Kambodscha bereits hinter sich hat. „Es gibt in Kambodscha keine Fortpflanzung mehr unter Tigern. Sie sind damit so gut wie ausgerottet“, sagt der „World Wildlife Fund“ (WWF). Die letzte Raubkatze wurde 2007 gesichtet.

Der WWF präsentierte kurz vor der Konferenz in Delhi einen Plan, der unter Tierschützern für Aufruhr sorgt. Mit einem Kostenaufwand von 20 bis 50 Millionen US-Dollar und gemeinsam mit der Regierung des autoritären Herrschers Hun Sen will der WWF in vier Jahren im Rahmen eines „Tigeraktionsplans“ wieder wilde Tiger im Mondulkiri Protected Forest ansiedeln- Dort wurde 2007 die letzte Raubkatze gesehen. „Wir verhandeln mit Indien, Thailand und Malaysia, ob sie uns sieben oder acht wilde Tiger übergeben, die dort leben und sich vermehren können“, sagt ein kambodschanischer Regierungsvertreter.

Tigerschützer wie Nirmal Ghosh von der Corbett Foundation reagieren mit Skepsis auf solche Pläne. „Es macht wenig Sinn, ein paar der wenigen noch wild lebenden Wildkatzen für solche Experimente zu riskieren“, sagt er, „schließlich gibt es Gründe für das Verschwinden der Tiger in Kambodscha.“ Das Land gilt als eine der korruptesten Nationen Asiens. Polizei und Sicherheitskräfte vertrieben während der vergangenen Jahre immer wieder Landsleute, wenn chinesische Firmen dort Großprojekte umsetzen wollten. Die Urwälder des Landes werden ökonomischen Interessen geopfert.

Mit dem kambodschanischen Tigeraktionsplan läuft der WWF deshalb Gefahr, Indiens kostbare Tiger in Opferlämmer von Delhis Diplomatie zu verwandeln. So wie China Panda-Bären für die Anknüpfung von zwischenstaatlichen Freundschaften nutzt, könnte Indien seine Tiger im regionalen Wettstreit um Einfluss einsetzen. Kambodscha erhält seit Jahren massive Finanzhilfe aus China und tritt deshalb als zuverlässiger regionaler Verbündete im Streit um Ansprüche im Südchinesischen Meer auf. Indien sucht schon lange einen Weg, seine Präsenz in Phnom Penh zu stärken.

Anderseits zeigt die wundersame Vermehrung der Tiger in Nepal, Bhutan oder Russland, dass Tiger sich schnell erholen, wenn sie geschützt werden. „Wir brauchen aber einen starken Aktionsplan für die kommenden sechs Jahre“, sagt Michael Baltzer vom WWF, „es gibt immer noch keinen sicheren Platz für Tiger. Vor allem Südostasien riskiert, seine letzten Tiger zu verlieren, wenn Regierungen dort nicht sofort handeln.“

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