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Tierschützerin Die Tigermutter

Eine Britin ermittelt undercover gegen Wildererbanden. Die 39-jährige Debbie Banks ist auf der ganzen Welt zum Schutz der Tiger unterwegs.

06.09.2010 16:17
Serge Debrebant
Tiger in freier Wildbahn sind selten geworden. Foto: dpa

Eine Britin ermittelt undercover gegen Wildererbanden. Die 39-jährige Debbie Banks ist auf der ganzen Welt zum Schutz der Tiger unterwegs.

Ein Informant hatte Debbie Banks den Tipp gegeben. Sie sollte sich in Nepal mit einem Händler treffen, der auch Drogen und Waffen verkaufte. Zusammen mit einem Kollegen besuchte Banks sein Geschäft in Kathmandu, gab sich als Käuferin aus Europa aus. Der Händler führte sie in ein abgelegenes Lagerhaus und zeigte ihnen mit Tierfellen verzierte Truhen aus Tibet.

Banks wusste, dass es illegal war, diese Truhen zu verkaufen. Sie fragte den Händler, ob er auch Tigerfelle anbiete. Der Händler verneinte – und begann mit seinem Wissen über den Fellhandel zu prahlen. Er erzählte, wie die Tiere in Indien getötet werden, wie ihre Haut gegerbt und anschließend nach Nepal geschmuggelt wird. Nach einer Weile hatten Banks und ihr Kollege genug gehört. Sie verabschiedeten sich hastig – wäre ihre Tarnung aufgeflogen, sie wären in Lebensgefahr.

„Ich mache diese Recherchen aus Leidenschaft für die Tiere, nicht weil ich Agentin spielen will“, sagt Banks und stützt sich mit den Unterarmen auf den Tisch. Die 39 Jahre alte Schottin hat lange, blonde Haare, wirkt quirlig und lebenslustig. Um sie herum stehen billige Schreibtische und eine abgewetzte Couch. Die Einrichtung ihres Büros erinnert eher an eine Studentenvertretung als an das Hauptquartier einer internationalen Umweltschutzgruppe. Und doch ist die Environmental Investigation Agency, kurz EIA, genau das. Seit 26 Jahren deckt die Londoner Organisation Verbrechen gegen die Umwelt auf. Mittlerweile hat sie 20 Angestellte, finanziert werden die durch Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Banks leitet die EIA-Recherchen zum illegalen Tigerhandel. „Ich war schon als Kind von Tigern fasziniert“, sagt sie. Nach ihrem Studium der Zoologie bereiste sie 1994 ein Jahr lang indische Naturschutzgebiete, lernte Wissenschaftler, Tierschützer und Parkhüter kennen. Am liebsten wäre sie dort geblieben, aber ausländische Tierschützer waren in Indien unerwünscht. Die Wissenschaftler vor Ort rieten ihr, zurück in die Heimat zu ziehen und sich von dort für die Raubkatze einzusetzen. Banks ging zur EIA.

Zwar ist der Handel mit freilebenden Tigern schon seit 1975 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen verboten. Bis in die 80er Jahre gelang es, den Bestand an wilden Tigern wieder zu erhöhen. Doch seit den 90ern wurden die Schutzprogramme immer häufiger umgangen. Ein wichtiger Grund: der Aufstieg Chinas und die damit steigende Nachfrage. In der chinesischen Kultur symbolisiert der Tiger Wohlstand und Macht.

2010 ist das Jahr des Tigers

Banks hat recherchiert, wer die Tigerknochen und -felle kauft. Eine Zeit lang kamen die Abnehmer vor allem aus der chinesischen Medizin. Dann tauchten immer mehr Felle auf tibetischen Pferdefesten auf. „In den letzten Jahren haben sich Tigerfelle in China zu einem Luxusgut gewandelt“, sagt Banks. Als Schmuck zieren sie die Villen der chinesischen Elite.

Um die Handelswege zu ergründen, besucht Banks seit Jahren Märkte in Tibet, Nepal und Westchina. Meistens arbeitet sie mit Umweltschützern vor Ort zusammen. Banks gibt sich als Touristin oder Händlerin aus Europa aus, die einheimischen Ermittler als Geschäftsleute, die Felle für Kunden aus Peking oder Schanghai kaufen wollen. Während die Ermittler einfacher Zugang zu Lagerhäusern und Hinterzimmern erhalten, kann Banks naiv fragen oder mal unverschämt sein. „Letztes Jahr bin ich mit einer Kollegin in das Hinterzimmer eines Händlers gegangen und habe dort das Licht angemacht, weil wir Felle filmen wollten“, sagt sie. „Als er uns entdeckte, ist er wütend geworden. Wir haben gelächelt, uns entschuldigt und sind verschwunden. Manchmal hilft die Sprachbarriere.“ Trotzdem geht sie vorsichtig vor, sagt Treffen im Zweifel lieber ab. Eine Kollegin, die indonesischen Holzdieben auf der Spur war, ist vor einigen Jahren entführt, geschlagen und mit einem Gewehr bedroht worden. Auch Tigerhändler tragen manchmal Waffen.

Durch ihre Recherchen fand die Tierschützerin heraus, dass hinter dem Handel ein arbeitsteilig organisiertes Netzwerk steckt. Indische Nomadenbanden töten die Tiger in den Nationalparks. Von dort gelangen sie zu Gerbern in Nordindien, die die Tierhäute verarbeiten. Schmuggler schaffen sie über Nepal und Tibet nach China. Der Preis eines Tigerfelles lag 2009 bei bis zu 22000 Dollar.

Banks’ Informationen gibt die EIA an Behörden und Medien weiter. Die Behörden bekommen ein Dossier mit Namen und Plätzen, um punktgenau gegen den Handel vorgehen zu können. Die Medien erhalten eine allgemeinere Version, die auf das Problem aufmerksam machen soll. Banks’ Rolle besteht darin, zu demonstrieren, wie einfach es wäre, die Schuldigen zu ermitteln. „Wenn wir mit vier Leuten Beweise sammeln können, dann müsste die Polizei das doch auch schaffen.“ Über die Gründe, warum das nicht geschieht, kann sie nur mutmaßen: zu wenig Geld für die Polizei, mangelnder politischer Wille, örtliche Korruption. Einige Händler haben Banks zum Beispiel verraten, dass Beamte sie vor Razzien warnen.

2010 ist für Banks ein wichtiges Jahr. Im chinesischen Kalender ist es das Jahr des Tigers. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin will sich daher mit Staatschefs treffen, um Schutzmaßnahmen zu beraten. Banks ist skeptisch, ob den Worten auch Taten folgen: „1998 war auch ein Tiger-Jahr. Damals ist es bei Absichtserklärungen geblieben.“ Tatsache ist: Putin hat den Gipfel mehrfach verschoben und der illegale Handel existiert nach wie vor. Debbie Banks wird wohl noch einige Male nach Asien reisen müssen.

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