Lade Inhalte...

Tierärztin Margrit Herbst Vor BSE-Verdacht gewarnt und gefeuert

Vor 20 Jahren stößt die schleswig-holsteinische Tierärztin Margrit Herbst auf erste Verdachtsfälle von Rinderwahnsinn. Sie warnt davor - und wird von ihrem Arbeitgeber gefeuert. Immer noch kämpft die Frau um ihre Rehabilitation.

Die Tierärztin Margrit Herbst hatte 1990 bei der Untersuchung von angelieferten Schlachtrindern mehrere BSE-Verdachtsfälle entdeckt. Foto: dpa

Die Meldung der Nachrichtenagentur war kurz: Die Tierärztin Margrit Herbst bekommt keine Entschädigung, sie wird nicht rehabilitiert. Das haben die Abgeordneten des Kreistages Segeberg in Schleswig-Holstein am Donnerstagabend so entschieden.

Hinter der knappen Notiz verbergen sich ein Behördenskandal und das persönliche Drama einer Tierärztin, die nach jahrzehntelangem Kampf um eine finanzielle Wiedergutmachung endgültig gescheitert sein dürfte. Die heute 74-jährige Frau hatte vor 20 Jahren öffentlich auf mögliche BSE-Verdachtsfälle im Schlachthof Bad Bramstedt hingewiesen – und war entlassen worden. Heute lebt sie von einer schmalen Rente.

Endlich Gerechtigkeit für eine Whistleblowerin und couragierte BSE-Warnerin – mit dieser Forderung waren Piraten, Linke und Grüne im Segeberger Kreistag am Donnerstag angetreten, um die Ehre der Tierärztin wiederherzustellen. Aber die Mehrheit aus SPD, CDU und FDP verhinderte eine Rehabilitation. Auch die Vergabe eines Preises für Zivilcourage wurde abgelehnt.

Tierärztin Herbst, die für den Kreis Segeberg als Fleischhygienetierärztin in einem Schlachthof arbeitete, hatte ab 1990 bei der Untersuchung von angelieferten Schlachtrindern mehrere BSE-Verdachtsfälle entdeckt. Vorgesetzte von ihr sollen sich damals dagegen entschieden haben, von ihr vorläufig beanstandete Schlachttiere gründlicher zu untersuchen. Gegen den Willen der Tierärztin seien sie zur Schlachtung freigegeben worden. Als sie 1994 schließlich insgesamt auf 21 Verdachtsfälle gestoßen war, reichte es ihr: Sie gab ein Fernsehinterview und machte den Skandal öffentlich.

Für die Tierärztin hatte das harte Konsequenzen: Im Dezember 1994 wurde sie fristlos entlassen mit der Begründung, sie habe ihre Verschwiegenheitspflicht verletzt. Der Fall löste eine Welle der Empörung aus, schließlich hatte die Frau Recht: Damals tauchten die ersten BSE-Erkrankungen an Rindern in Deutschland auf, nur war die Erkrankung damals noch nicht einfach nachweisbar.

Aber sie sollte ihre Stelle als Tierärztin für Fleischhygiene nicht wiederbekommen. Sie zog mehrfach vor Arbeitsgerichte, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. In einem Urteil des Landesarbeitsgerichts von 1997 wurde dem Kreis zwar empfohlen, Margrit Herbst wieder einzustellen, aber das passierte nicht.

Von Vorgesetzten unter Druck gesetzt

Auch eine Schadenersatzklage des Schlachtshofbetreibers gegen Herbst, sie solle den Vorwurf zurücknehmen, BSE-verdächtige Tiere seien in den Handel gelangt, wurde abgewiesen. In einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Schleswig-Holstein von 1997 hieß es, der Verdacht konnte sich aufdrängen, dass „staatlichen Stellen durchaus im Einklang mit den fleischerzeugenden und -verarbeitenden Betrieben sehr daran gelegen war, einen amtlichen BSE-Nachweis wenn irgend möglich zu verhindern".

Doch im Kreistag Segeberg sehen einige Abgeordnete das heute noch anders. Die Tierärztin hätte sich damals einfach gegen ihre Vorgesetzten durchsetzen müssen, werfen ihr einige Abgeordnete vor. Falls ein Mensch das infizierte Fleisch konsumiert habe und an der Krankheit sterbe, sei das ihre Schuld. Margrit Herbst kennt den Vorwurf, er ist so alt wie der Skandal selbst: Sie sei von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden, entgegnete sie stets darauf. „Meiner Mutter wurde gedroht: Sie müsse aufpassen, dass sie, falls sie stolpere, nicht auf einmal ein Messer im Rücken habe", sagt ihre Tochter Susanne Herbst-Richter, die sich die Kreistagssitzung am Donnerstagabend ansah.

Margrit Herbst nahm nicht teil. Es sei viel zu viel Stress, so ihre Tochter. Margrit Herbst hat mehrere Auszeichnungen für Zivilcourage bekommen. Auch den renommierten Whistleblower-Preis, der zuletzt an Edward Snowden ging. Schleswig-Holstein war 2002 sogar bereit, der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an sie zuzustimmen, Bedingung: Sie verzichte auf Ansprüche gegen Land und Kreis. Herbst lehnte entschieden ab.

Ninon Colneric, ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof, meinte kürzlich: „Margrit Herbst hat nicht gegen das Gesetz verstoßen." Ein bemerkenswerter Satz, denn die Arbeitsrechtsexpertin hat den Fall selbst verhandelt als sie noch als Arbeitsrichterin in Schleswig-Holstein tätig war. Colneric gehörte zu den Richtern, die eine Wiederaufnahmeklage Herbsts abwiesen. Aber nur deshalb, weil die vorangegangenen Urteile rechtskräftig und die formalen Bedingungen für eine Wiederaufnahme nicht erfüllt waren. Dem Hamburger Abendblatt sagte die Juristin: „Hätte ich die Möglichkeit dazu gehabt, hätte ich die Kündigung für unwirksam erklärt."

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum