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Thomas Quick Der falsche Mörder

Ein Mann belügt in Schweden jahrelang die Polizei und sorgt für einen großen Justizskandal. Thomas Quick, der sich heute Sture Bergwall nennt, ist Hauptfigur des wohl übelsten Skandals der schwedischen Kriminalgeschichte.

Thomas Quick genoss es, dass Ärzte ihn für eine wichtige Person hielten. Foto: dpa

Vor 24 Jahren wurde der israelische Tourist Yenon Levi ermordet. Der Fall wurde in Schweden geklärt und längst zu den Akten gelegt. Doch jetzt muss die Polizei in der Provinz Dalarna den Fall wieder aufrollen. Sie lässt die Kleidung des Opfers auf eventuelle DNA-Spuren untersuchen, die dessen Kampf mit dem Mörder hinterlassen haben könnte, sie analysiert Zigarettenstummel vom Tatort und eine eigentümliche Brille, die wohl einem Mann gehört, den man schon 1988 verdächtigte. Warum die Polizei jetzt wieder auf Spurensuche geht? Weil damals ein anderer die Schuld an dem Verbrechen auf sich lud und verurteilt wurde, obwohl er keine Ahnung hatte, was am Tatort in der Waldlichtung in Rörshyttan geschah.

Dieser andere ist der inzwischen 62-jährige Thomas Quick, der sich heute Sture Bergwall nennt. Ob Quick oder Bergwall: Er ist Hauptfigur des wohl übelsten Skandals der schwedischen Kriminalgeschichte, ein psychopathischer Lustlügner, der wegen acht Morden verurteilt wurde, von denen er vermutlich keinen begangen hat. Was nicht nur heißt, dass Schwedens Justiz einen Unschuldigen bestraft hat, sondern auch, dass die acht Täter, die die Morde tatsächlich begangen haben, unbehelligt blieben, und dass die Polizei vor einem Scherbenhaufen steht.

Widersprüche im Verhör

Denn die Ermittler, die Staatsanwälte, die Richter, sie alle glaubten den Lügengespinsten des Thomas Quick, der vorgab, er sei einer wie Hannibal Lecter und genüsslich erzählte, wie er seine Opfer folterte, tötete, zerstückelte und verzehrte. 33 Morde gestand der wegen Bankraubs und Sexualvergehen in der Psychiatrie verwahrte Patient und niemand wurde stutzig. Auch nicht, als er einen Mord schilderte, den er gar nicht begangen haben konnte, weil er zur Tatzeit in einer Kirche saß und konfirmiert wurde.

Wenn Quick während seiner Haftzeit Ausgang hatte, ging er in Bibliotheken und schmökerte in alten Zeitungsbänden. In den Verhören erzählte er dann, was er sich gemerkt hatte. Die Verhörprotokolle belegen, wie oft ihn die Beamten korrigieren mussten, bis er endlich die richtige Antwort wusste. Ob es um das Aussehen und die Kleidung der Opfer ging, um Tötungsmethoden und besondere Merkmale der Leichen, alles war ein großes Ratespiel. Auch bei den Rekonstruktionen machte er Fehler über Fehler, wie sich der ehemalige Kriminalkommissar Jan Olsson erinnert, der aus Protest gegen die Ermittlungsmethoden vorzeitig seinen Abschied nahm.

Quick behauptete, er habe die Leichen vergraben, und wenn er die Stellen nicht wiederfand, behauptete der Mann, er habe sie verbrannt. Einmal fand man tatsächlich verkohlte Überreste, die als Menschenknochen gedeutet wurden, bis eine genauere Untersuchung ergab, dass es sich lediglich um ein geleimtes Holzstück handelte.

Dem Gericht präsentierten die Ankläger die Ungereimtheiten als Beweis dafür, wie ungern sich der Täter an seine Taten erinnere, und der Verteidiger opponierte nicht: Sein Klient wollte ja verurteilt werden. Noch 2006 bezeichnete Schwedens höchster Justizbeamter die Urteile als hieb- und stichfest.

Dass die Missstände bekannt wurden, ist dem Journalisten Hannes Råstam zu verdanken, der kürzlich an Krebs verstarb, wenige Tage, nachdem er das akribisch recherchierte Manuskript für sein Buch „Wie man einen Serienmörder macht“ fertiggestellt hatte. Darin weist er nach, dass Quick unter schwerem Drogeneinfluss stand, als er verhört wurde, und dass er als Belohnung für seine Geständnisse all die Medizin bekommen konnte, die er haben wollte.

„Dünn wie Wasser“

Råstam war es auch, der Jahre nach den Schuldsprüchen einem inzwischen entgifteten und in Bergwall umbenannten Psychiatriepatienten gegenübersaß, der ihn nach langen Gesprächen fragte: „Und was ist, wenn ich das alles nicht getan habe?“ Er habe gestanden, weil er genoss, im Blickpunkt zu stehen, behauptete Bergwall: „Ich wurde jemand. Eine wichtige Person für die Ärzte und für die anderen Insassen.“ Mit einem neuen Anwalt an seiner Seite forderte er eine Revision der Urteile, die allesamt hauptsächlich auf seinen Geständnissen beruhten. Drei der Schuldsprüche sind inzwischen aufgehoben, in den fünf anderen Fällen ist der Prozess in Gang. Nur der einstige Chefankläger Christer van der Kwast hält störrisch daran fest, dass er den richtigen Täter vor die Richter brachte, und dass die Revisionsbegehren „dünn wie Wasser“ seien.

Die Familien der Hinterbliebenen fordern nun öffentlich, dass jemand die Verantwortung für die Skandale übernimmt. „Polizei und Gericht haben mit verwerflichen Methoden manipuliert, um zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen“, sagt Björn Asplund, der nie daran glaubte, dass es Quick war, der vor 32 Jahren seinen neunjährigen Sohn Johan ermordete.

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