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Thomas Gottschalk wird 60 Alter Junge

Wie kein Zweiter ist Thomas Gottschalk seit 35 Jahren derselbe geblieben: der Saloppe, der Unverfrorene, der Junge. Dieser Junge wird am Dienstag 60 Jahre alt. Unglaublich, aber wahr. Von Thomas Stillbauer

Thomas Gottschalk sendet am Sonntag aus Mallorca. Foto: ddp

Am Sonntag kommt der Gottschalk. Aus Mallorca. "Wetten, dass..." am Sonntag? Hat er schon so viel Angst um die Quote, dass er vor dem Champions-League-Finale am Samstag flieht? Der Entertainer-Champion? Der Tommy? Iwo, kontert Mainz, das ZDF kapituliere keineswegs vor dem Fußball. Montag ist Feiertag - da erleichtert die Anstalt offiziell nur ihren Zuschauern vor Ort die An- und Abreise mit dem Sonntagstermin. Man wird ja auch als Publikum nicht jünger.

Es ist Thomas Gottschalks erste große Show als 60-Jähriger. Sechzig. Wie sich das anhört - bei so einem Berufsjugendlichen. Vielleicht wird er am Sonntag als Stierkämpfer verkleidet auftreten, vielleicht trägt er auch mal wieder einen Minirock. Möglich, dass er auf einem Esel in die Arena reitet.

Kann sein, dass er wieder aus Versehen eine mallorquinische Fliege erschlägt wie vor drei Jahren auf dem weißen Hosenbein von Roberto Blanco. Oder er tanzt Ballett. Egal. Es wird sein wie immer: Sieben Promis sitzen auf dem Sofa im Halbkreis, während ein Wettkandidat versucht, sich mit einem Airbus die Augenbrauen zu zupfen. Die Leute werden lachen, sie werden klatschen, sie werden ihren Showmaster frech finden, sie werden ihn lieben und sagen: Wie jung er wieder ist. Aber vom morgigen Dienstag an muss er mit diesem Zusatz hinterm Gedankenstrich leben: Isser nicht erfrischend - für einen 60-Jährigen.

"Do you know the phone you play on stage?"

Wie kein Zweiter ist Thomas Gottschalk seit 35 Jahren derselbe geblieben: der Saloppe, der Unverfrorene, der (wie-macht-er-das-bloß) langhaarige Blonde. Der, der Heidi Klum vor Millionen auf den Mund küssen darf. Der schon mal einem Wettkandidaten - hoppla - in die Schnauze haut beim Versuch zu prüfen, ob die Augenbinde dicht ist. Der, dem man das nicht übel nimmt, weil er vor allem immer noch und immer wieder eines ist: der Junge.

Natürlich, er ist reifer und versierter geworden in all den Jahren. Seine Interviews. Er würde vermutlich heute nicht mehr die Mitglieder der Schock-Rockband Kiss fragen: "Do you know the phone you play on stage?", wenn er wissen will, ob den schrillen Typen klar ist, wie laut sie eigentlich sind. So war das 1976 in der ARD-Musikreihe "Szene" am Nachmittag, mit der Gottschalk die Jugend im Land eroberte, schalen Scherzen zum Trotz. Da witzelte er mit dem Kollegen Anthony Powell und machte aus den Bay City Rollers, hohoho, mal eben die Bay Südtirolers.

Legendär auch das 1985er Interview mit Klaus Kinski in Gottschalks Show "Na sowas" - Kinski, der sein Gegenüber sechs Minuten lang quasi in Einzelteile zerlegt, der jede Frage des tapfer lächelnden und weiterhaspelnden Showmasters so lang wiederholt und seziert, bis sie zur doofsten und peinlichsten wird, die je im Fernsehen gestellt wurde: "Ich verstehe die Frage nicht. Ich kann Ihnen nicht folgen. Sie fragen ja auch nicht jemanden, der Al Capone gespielt und 200 Leute erschossen hat: Machen Sie das im Leben auch?"

Das war damals. Der erwachsene Thomas Gottschalk von heute glänzt, wenn er etwa bei Beckmann mit Kirchenkritiker Hans Küng über Gott und die Welt diskutiert und dafür hohes Lob einstreicht ("ein kleines Wunder", faz.net). Oder wenn er gar die deutsche TV-Unterhaltung rettet, jedenfalls ein bisschen: im Versöhnungsgespräch mit Marcel Reich-Ranicki nach dem Eklat 2008 um die gescheiterte Verleihung des Fernsehpreises. Da warf sich Gottschalk geschickt dem Kritiker in die Parade, der dabei war, den ganzen Glotzkastenkitsch in Stücke zu hauen. Das war eine würdige Rolle für einen verdienten Entertainer. Der reife Gottschalk genoss sie sichtlich. Um dann in seiner nächsten Wett-Sendung zum britischen Küchen-Popstar Jamie Oliver sagen: "Normalerweise müffeln Köche immer. Du riechst sehr angenehm."

Vertrag bis 2012

Für immer jung. Aber sechzig. Was macht er jetzt? Gibt er "Wetten, dass..." ab und lässt einen (noch) Jüngeren ran? Beim ZDF weiß man davon nichts. Da hat er einen Vertrag bis 2012. Wenn es nach Spiegel online geht, kann der "begnadete Fernsehschaffende Thomas Gottschalk" sowieso die Füße hochlegen. Dann ist die Februar-Show 2010 in Erfurt nicht mehr zu toppen. Super Sprüche, tolle Gäste, klasse Wetten: "Nach dieser Sendung ist es überflüssig geworden, überhaupt noch Fernsehen zu machen", urteilte Autor Stefan Kuzmany: "Es wäre völlig ausreichend, dieses Meisterstück Thomas Gottschalks als Dauerschleife einzuspeisen und immer wieder auszustrahlen." Na gut, das hat er ironisch gemeint.

Ausgerechnet die Erfurter Sendung hatte übrigens die niedrigste Zuschauerzahl in der "Wetten-dass"-Geschichte: 7,8 Millionen. Und der Begnadete hatte es zwei Jahre zuvor geahnt: "Wenn ich aus dem Himmel der Zweistelligkeit falle, und das wird passieren, werde ich mir das wahrscheinlich auch wieder schönreden" (Zeit-Magazin).

Hilft nichts. Beim jungen Publikum ist der alte Junge kein Thema mehr - jedenfalls bei der Sorte junges Publikum, die nach Fernsehsendungen Chart-relevante Songs aus dem Internet herunterlädt. Deshalb tritt so manch angesagte Band inzwischen lieber bei Stefan Raab auf. Da gucken zwar weniger Leute zu, aber dafür mehr aus der Zielgruppe.

Eines muss man Thomas Gottschalk immerhin lassen: Die besten Sprüche macht er über sich selbst, wie den hier, in der Welt, über seinen Start bei "Wetten, dass..." anno 1987: "Ich war bescheuert angezogen und hatte eine dämliche Frisur. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So was nennt man Kontinuität."

Happy Birthday, Tommy. Und Dank im Namen einer ungefähr knapp zweistelligen Millionenzahl, die sich am Wochenende nicht zwischen Fußball in Madrid und Show auf Mallorca entscheiden muss. Ein Sieg der Bayern gegen Inter Mailand ist eh wahrscheinlicher als ein Quotenerfolg gegen "Wetten, dass...". Die Sendung hat sie am Samstagabend bisher noch alle geputzt.

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