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Thilo Sarrazin stellt sein Buch vor Der Tag des Provokateurs

Bundesbankdirektor Thilo Sarrazin stellt in Berlin sein umstrittenes Buch vor – und mimt angesichts der Kritik an seinen eindeutigen Thesen den Unverstandenen.

Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buches. Foto: ddp

Jeder Zirkus braucht einen Clown, und man könnte an diesem Montagmittag in Berlin auf die Idee kommen, dass Thilo Sarrazin gerade diesen Clown gibt. Einen Clown mit unbewegter Miene, der sich durch ein Knäuel von über 200 Journalisten schiebt, der eine Phalanx von 20 oder mehr Fernsehkameras überwindet, um sich ihnen dann gelassen zuzuwenden.

Nach Tagen hitziger Debatten über Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, nach Vorabdrucken mit provokanten Zitaten und einer noch mehr Aufmerksamkeit heischenden Interviewrunde durch die deutschen Leitmedien präsentiert sich der Bundesbankdirektor nun den Journalisten der Hauptstadt.

Viele hier hadern mit sich selbst, jeder sieht ja, welchen Anteil die Medien an diesem Zirkus haben, den der Autor still, aber doch unübersehbar genießt. Ist er der Rassist, gar Antisemit, als der er vielen doch erscheint – wie kann man ihm dann ein solches Forum verschaffen? Bei Phoenix haben sie noch am Morgen darüber diskutiert und sich dann entschieden, die Pressekonferenz live im Fernsehen zu übertragen.

Sarrazin richtet sich indes am Tisch gegenüber dem dicht gedrängt sitzenden und stehenden Publikum ein. Hinter ihm hängen zwei große Plakate mit seinem Buchtitel, Alarmrot auf beruhigendem Blau, das macht einen guten Eindruck.

Er sitzt aufrecht, vor ihm auf dem Tisch liegt eine schmale Mappe mit einigen Blättern, seine Hände liegen ruhig gefaltet darauf. Dunkelgrauer Anzug, hellblaues Hemd, ein grau-silbern gestreifter Binder, ein sorgfältig durch das graumelierte Haar gezogener Scheitel strahlen all die Seriosität aus, die einem gestandenen Politiker und Bundesbanker eigen ist.

Allein eine leichte Rötung seines Gesichts lässt darauf schließen, dass angesichts dieses Rummels und vielleicht auch der Bedeutung dieses Auftritts sein Puls schneller als normal schlägt. Aber noch ist er nicht an der Reihe, zu sprechen.

Kostenlose Werbung

Jeder Zirkus hat einen Direktor, und diese Rolle übernimmt der Vertreter der Deutschen Verlagsanstalt. Der Verlag ist für die Vorabdrucke mit den so heftig diskutierten Zitaten über die Integrationsunfähigkeit der Moslems und ihre tendenzielle Dummheit verantwortlich. So etwas dient der Vermarktung eines Buches, da geht es weniger um Inhalte als um Verkaufszahlen. Diese Kampagne ist dem Verlag glänzend gelungen. Selten ist in Deutschland ein Buch so gekonnt eingeführt worden, hat so viel kostenlose Werbung durch eine flächendeckende Medienbeachtung erhalten wie dieses.

Es ist bigott, wenn der Verlagsmann nun sagt, man sei überrascht gewesen über die heftige öffentliche Diskussion. Und dass man daran interessiert sei, sie zu versachlichen, nun, wo endlich jedermann das ganze Buch und nicht nur Zitate lesen könne.

Zur Werbestrategie gehört auch, dass das Buch von Necla Kelek vorgestellt wird, einer türkischstämmigen Islamkritikerin. Sie ist eigentlich der lebende Gegenbeweis zu Sarrazins These über die bildungsfernen Türken, aber gerade darin liegt der Reiz, das gehört zum Zirkusprogramm. Kelek liefert eine von jeglicher Distanz und Kritik freie Präsentation des Buchs, mit kuriosen Belegen für die Richtigkeit seiner Thesen. „Jeder Einwanderer kann mit dem Handy telefonieren“, sagt sie, aber nicht die Technik dahinter verstehen. Dazu bedürfe es eben des in 500 Jahren kumulierten europäischen Wissens. Sie weist den Vorwurf des Rassismus gegen Sarrazin entschieden zurück: „Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich um Deutschland einen Kopf gemacht“, sagt sie. „Um diesen Kopf soll Thilo Sarrazin offensichtlich jetzt kürzer gemacht werden.“

Den Eindruck, kurz vor dem Geköpftwerden zu stehen, macht der Mann im gut geschnittenen Anzug wahrlich nicht, der nun endlich an das Redepult geht und selber das Wort zu seinem Werk ergreift. Er spricht mit ruhiger, fast sanfter Stimme. So lange er sich an sein Manuskript hält, fällt kaum auf, dass ein Sprachfehler seinen Redefluss hemmt.

Thilo Sarrazin ist wahrlich kein besonders eloquenter Mensch. Aber das Spiel mit dem Populismus, mit den Emotionen der öffentlichen Meinung, mit dem Erzeugen größtmöglicher Aufmerksamkeit und, in diesem Fall, auch größtmöglicher Auflage für sein Buch, dieses Spiel versteht er meisterhaft.

Am Wochenende hat er die Aufregung über sein Buch noch einmal weiter angefacht, indem er sich über die Gene der Juden verbreitet hat, wohl bewusst und kühl kalkulierend, dass allein die Erwähnung des Opfervolks des Holocaust im Zusammenhang dieser Debatte in Deutschland Alarmglocken schrillen lässt.

"Das war der Fehler, aber der einzige"

Scheinheilig ist nun sein Versuch, dies zu vertuschen. Er habe sich auf wissenschaftliche Untersuchungen über gemeinsame genetische Wurzeln aller Juden bezogen, und diese Erkenntnis, „ein Faktum“, berge weder eine positive noch eine negative Wertung. Er habe das völlig unbefangen gesagt – „das war der Fehler, aber der einzige“. Unbefangen? Später verbreitet sein Verlag noch eine schriftliche Erklärung Sarrazins, in der er bedauert, mit seiner Äußerung für Irritationen und Missverständnisse gesorgt zu haben. Aber: „Um eine rassistische Äußerung handelt es sich nicht.“

Die Methode ist klar: Mit zugespitzten Zitaten und zweideutigen Anspielungen hat Sarrazin das Interesse an seinem Buch hochgepeitscht. Nun gibt er den seriösen, abgewogenen Autor, der nichts tut, als auf bekannte, wenn auch unangenehme und deshalb gern beschwiegene Fakten hinzuweisen.

Dass ihn das in die Nähe jener Rechtspopulisten bringt, die in anderen europäischen Ländern ihr Unwesen treiben, ist das etwa seine Schuld? „Wenn Sie einer verabscheuungswürdigen Person begegnen, die behauptet: ,Die Erde ist rund‘, bleibt Ihnen nichts übrig als zu antworten: ,Du hast Recht, aber Du bist trotzdem ein Arschloch.‘“

Das Kraftwort aus dem Munde des praktizierenden Bildungsbürgers überrascht ein wenig, aber der Sinn ist klar: Seine Thesen sind so unbestreitbar wie die Form der Erde, werden aber meist von den falschen Leuten vertreten. Mit dem holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders etwa will er nichts zu tun haben. „Ich bewundere an Geert Wilders seine blonden Haare und sonst nichts“, sagt Sarrazin.

Alle Spekulationen über einen Parteiwechsel oder die Gründung einer neuen Partei weist der Sozialdemokrat von sich. „Ich bin in einer Volkspartei, ich werde in dieser Volkspartei bleiben“, bekräftigt er, während zeitgleich das SPD-Präsidium beschließt, ein Ausschlussverfahren gegen ihn einzuleiten. Sarrazin ist sich sicher, dass er solche Attacken leicht übersteht, schließlich ist schon einmal ein Ausschluss gescheitert.

Und so sieht er auch seine Zukunft im Vorstand der Bundesbank gänzlich gelassen. Auf die Frage, ob er wohl in einem Jahr noch auf diesem Posten arbeiten werde, antwortet er spöttisch: „Wenn ich einen tödlichen Herzinfarkt erleide, weil mich Ihre Fragen jetzt so aufregen, dann nicht.“ Im Übrigen: „Ich kenne meinen Dienstvertrag.“ Auch ein Vorstandsmitglied der Bundesbank habe das Recht auf freie Meinungsäußerung, solange dies nicht dienstliche Obliegenheiten betreffe. „Ich sehe mich gedeckt.“ Wenn er sich da mal nicht täuscht. In einer scharfen Erklärung distanzierte sich Stunden nach der Pressekonferenz „der Vorstand“ der Bundesbank von seinem Mitglied Sarrazin. Er schade mit seinen diskriminierenden Äußerungen dem Ansehen der Bank, heißt es. Das aber ist der Pfad, der direkt zu seiner Entlassung führt, denn im Verhaltenskodex werden die Vorstandsmitglieder angehalten, das Ansehen der Bank zu erhalten und zu fördern.

Die nächste Stufe des Erregungsprojekts

In Sarrazins Erklärung, er fühle sich vom Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt, steckt schon die nächste Volte, die Vorbereitung der nächsten Stufe des Erregungsprojekts. Sollte er zum Rückzug aus dem Bankvorstand gezwungen werden, stünde für ihn und die interessierte Öffentlichkeit die Rolle des Märtyrers bereit: Der Tabubrecher, dem der Mund verboten werden soll, der wegen seiner Meinung verfolgt und gedeckelt wird.

Mit feinem Spott kontert er die Kritik aus dem Munde Angela Merkels. Zu Äußerungen einer Kanzlerin solle man sich zurückhalten, sagt er. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr Zeitbudget ausreicht, dass sie schon die 464 Seiten meines Buches gelesen hat.“

Sarrazin sieht sich ständig und in lästiger Weise mit Leuten konfrontiert, die ihm intellektuell nicht gewachsen sind. Ihm sei es in seinem ganzen bewussten Leben immer um die beiden Pole Verstehen und Gestalten gegangen, sagt der 65 Jahre alte Arztsohn und studierte Volkswirt. Er habe immer die größeren Zusammenhänge gesehen, weshalb er schon als junger Beamter von seinen Vorgesetzten als Grundsatzdenker und Redenschreiber geschätzt worden sei. Er habe dabei oft als schwierig gegolten und sei gemieden worden – „das habe ich mit Gelassenheit ertragen“. Andere mussten unter seiner Überheblichkeit und seinem Sendungsbewusstsein leiden und konnten das weniger gelassen ertragen. Wie jene Grundschullehrerin seiner Söhne in Bonn, die er mit der ständigen Forderung nach mehr Leistung und Disziplin zur Verzweiflung trieb. Seine Karriere als Elternvertreter endete schnell, nachdem die anderen Eltern sein Auftreten und seine Allüren auch nicht mehr ertragen konnten. Vielleicht ist es ein Glücksfall für die deutsche Gesellschaft, dass Thilo Sarrazin eine so wenig einnehmende Persönlichkeit ist. Er mag populistische Thesen vertreten, populär wird er als Person aber nie sein, der rattenfängerische Charme eines Jörg Haider oder Geert Wilders ist ihm nicht gegeben.

Vor dem Gebäude der Bundespressekonferenz haben sich einige Dutzend Demonstranten versammelt, die dennoch genau das befürchten: dass Sarrazin die Leitfigur einer neuen rechten Sammlungsbewegung werden könnte. Die roten Fahnen von Verdi und der Linken sind Farbtupfer im grauen Licht des trüben Vormittags. Es sind weniger gekommen, als man angesichts der breiten Erregung über Sarrazin hätte erwarten können. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen.

Manche sagen, das beste Mittel gegen sein Auftreten sei, ihn ins Leere laufen zu lassen, den Zirkus nicht mitzumachen. Das allerbeste Mittel aber ist noch immer, dem Fadenscheinigen, Dumpfen mit Geist und Humor zu begegnen. Einige junge Leute zeigen, wie es geht: Sie tragen Jacken mit dem Aufkleber: „Wir verteilen Intelligenzgene, gesponsert von Dr. Sarrazin.“ Aus Glasgefäßen bieten sie bunte Smarties an.

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