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"Tannöd"-Autorin Freispruch für Schenkel

Zwei Fälle von Plagiatsvorwürfen haben die Feuilletons und auch die Gerichte in den vergangenen Jahren öffentlichkeitswirksam beschäftigt: Andrea Schenkel

15.01.2009 00:01
CHRISTOPH SCHRÖDER

Zwei Fälle von Plagiatsvorwürfen haben die Feuilletons und auch die Gerichte in den vergangenen Jahren öffentlichkeitswirksam beschäftigt: Andrea Schenkel veröffentlichte im Jahr 2006 in einem kleinen Hamburger Verlag ihren Kriminalroman "Tannöd", der überraschend zu einem Bestseller wurde und von dem mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft wurden.

Gut ein Jahr später erhob der Sachbuchautor Peter Leuschner den Vorwurf, Schenkel habe sich in unzulässiger Weise an seinem 1997 erschienenen Buch "Der Mordfall Hinterkaifeck" bedient, das eben jenem mysteriösen und bis heute ungeklärten sechsfachen Mord auf einem bayerischen Gehöft nachspürt, der auch die Grundlage von Schenkels Roman ist. Leuschner klagte und verlor den Prozess.

Das Landgericht München bewertete den sprachlichen Abstand beider Werke als ausreichend und sprach die Autorin frei.

Anders gelagert war der Fall des Schriftstellers Feridun Zaimoglu im Jahr 2006. In seinem Roman "Leyla", der vom Aufwachsen eines jungen Mädchens in der Türkei erzählt, entdeckte die Autorin Emine Sevgi Özdamar auffällige und zahlreiche Parallelen zu ihrem 14 Jahre zuvor publizierten autobiografischen Roman "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus". Den Plagiatsvorwurf vermied Özdamar allerdings ausdrücklich, wohl auch aus Furcht vor einer juristischen Auseinandersetzung. Zaimoglu erklärte, er habe für seinen Roman lange Gespräche mit Migrantinnen der ersten Generation (unter anderem seiner Mutter) geführt und sich deren Ton abgelauscht; der Verlag (der im Übrigen beide Autoren verlegt) sprach von "zirkulierendem kulturellen Kapital", das Eingang in beide Bücher gefunden habe. Allein diese Formulierung macht deutlich, in welcher Grauzone sich ein Schriftsteller nicht selten bewegt. So ungeschickt, wortwörtlich bei Kollegen abzuschreiben, ist letztlich wohl kein Autor.

Wie man es machen kann, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. "Ich hatte", so schrieb der Dichter einst, "weiter nichts zu tun als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesät hatten." Goethe sah die literarische Verwertung von Fremdmaterial offensichtlich nicht als problematisch an. Das Beispiel zeigt, dass Künstler ein unterschiedliches Veständnis haben könnnen. Die Grenzen sind fließend: Die Weiterverarbeitung bereits geschriebener Werke, sei es in Form einer Parodie oder auch eines literarischen Spiels, gehört zur künstlerischen Produktion. Hinzu kommt, dass ein Schriftsteller auf jenen Motivvorrat zurückgreifen kann, den die Welt ihm bietet - Liebe, Tod und Hass sind keine urheberrechtsgeschützten Themen.

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