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Talentierte Schauspielerin Die unbekannte Große

Die Schauspielerin Bernadette Heerwagen ist angenehm leise zum Star geworden. Obwohl sie zweifache Grimme-Preisträgerin ist und in über 40 Filmen mitspielte, verbindet kaum jemand ihren Namen mit ihrem Gesicht.

05.11.2010 17:34
Moritz Baumstieger
Bernadette Heerwagen. Foto: dpa

Die Schauspielerin Bernadette Heerwagen ist angenehm leise zum Star geworden. Obwohl sie zweifache Grimme-Preisträgerin ist und in über 40 Filmen mitspielte, verbindet kaum jemand ihren Namen mit ihrem Gesicht.

Dass Bernadette Heerwagen ihre Rolle in der Öffentlichkeit erst finden musste, davon zeugen Strichmännchen. Kritzeleien, entstanden im Jahr 2009, auf für sie langweiligen Pressekonferenzen. Heerwagen dreht damals den Film ihres Lebens, Hauptrolle in einer großen Produktion mit Starbesetzung. August Diehl und Daniel Brühl sitzen neben ihr. Sie sind gerade mit Tarantinos „Inglourious Basterds“ in den Kinos, außerdem Johanna Wokalek, deren „Die Päpstin“ bald anlaufen wird – die Reporter wollen nicht viel von Heerwagen wissen. So hört die Schauspielerin nur zu – und bemalt still die Servietten, die vor ihr liegen.

„Mich kannte halt keiner“, sagt Heerwagen ein Jahr später, der Film von damals, das Drama „Die kommenden Tage“ hatte gerade Premiere. Inzwischen richten die Journalisten ihre Fragen auch an sie, meist diese: „Frau Heerwagen, Sie haben zweimal den Grimme-Preis gewonnen und einmal den Bayerischen Fernsehpreis, Sie haben in über 40 Fernsehfilmen mitgespielt – warum sind Sie nicht bekannter?“ Bernadette Heerwagen seufzt dann und ruft mit leicht erhöhter Stimme: „Ich weiß es nicht!“

Es ist ja auch rätselhaft. Da wird eine vom SZ-Magazin zu den „besten Schauspielerinnen des Landes“ gezählt, die FAZ findet, dass „ihr Auftauchen in der Besetzungsliste eines Filmes genügt, ihn anschauen zu wollen“. Die Frankfurter Rundschau nannte sie schon 2002 „eine junge Hauptdarstellerin, die imstande ist, selbst krudesten Dialogen eine trockene Wahrhaftigkeit abzutrotzen“ – trotzdem verbindet kaum einer Heerwagens Namen mit einem Gesicht.

Der Film, der das endgültig ändern wird, ist 130 Minuten lang. In diesen 130 Minuten bricht nicht nur die Familie der von Heerwagen gespielten Studentin Laura Kuper auseinander, sondern auch die Welt um sie herum zusammen – Regisseur und Autor Lars Kraume zeichnet in „Die kommenden Tage“ ein düsteres Zukunftsbild.

Als Kraume das Buch schrieb, sprach keiner von einer Bankenkrise, so mancher vom Krieg in Afghanistan, aber der Film geht noch viel weiter: Südeuropa kapituliert vor dem Ansturm afrikanischer Flüchtlinge, die Rest-EU schottet sich mit einer Mauer ab. Deutsche Soldaten kämpfen in einem vierten Golfkrieg, und im Berlin des Jahres 2020 ist jede Grünfläche mit den Zelten Obdachloser belegt.

Am Prenzlauer Berg wohnt Bernadette Heerwagen – und angesichts der Dichte an Bioläden und iPhone-Besitzern mit Kinderwagen scheint so eine Vision weit weg. Als es Anfang des Jahrtausends eine ganze Generation aus ihren Heimatstädten fort zog, kam Heerwagen hier an. Sie probierte sich aus, entschloss sich irgendwann zu bleiben. Und wenn sie in den Supermarkt oder ins Café geht, fällt sie nicht groß auf. Jeder macht etwas – Musik, Partys, Fotos; die Bernadette macht halt Filme. Großes Aufhebens gab es darum nie, und das fand die Schauspielerin ganz angenehm.

Also spielte sie ihre Rolle im Filmgeschäft ähnlich wie bei sich im Viertel: „Ich habe in Ruhe meine Filme gemacht, ganz ohne Rummel.“ Der bringe zwar größere Kinorollen, andererseits müsse man sich dann in die Klatschspalten begeben. Sie hat also doch eine Antwort auf die Frage nach dem Ruhm: „Ich bin immer eher um den roten Teppich herumgelaufen als auf dem roten Teppich.“

Am Anfang der Karriere rieten ihr Casting-Agenten, sich Lippen aufspritzen und Brüste aufpolstern zu lassen oder sich einen Nebenjob zu suchen. Weil es sonst schwierig würde, wenn sie einmal 30 Jahre alt sei. Heerwagen ist jetzt 33 und findet, dass die Rollenangebote besser werden. Und glaubt, endlich eine Lösung für das Dilemma mit der Bekanntheit gefunden zu haben. Hier bringt Heerwagen Thomas Müller ins Spiel, die Fußballentdeckung des Jahres 2010: „Den hat letztes Jahr auch niemand gekannt.“ Jetzt sei das anders, „weil er gut spielt – und nicht, weil er mit dicken Autos vor dem P1 vorfuhr“.

Abonniert auf Drama

Das Spiel von Heerwagen in „Die kommenden Tage“ ist ruhig angelegt. Hauptrolle Laura ist ein bodenständiger Charakter, während Konstantin (August Diehl) aus politischer Überzeugung tötet, Cecilia (Johanna Wokalek) sich aus enttäuschter Liebe in die Luft jagt und Hans (Daniel Brühl) zusehen muss, wie seine Untergangsfantasien wahr werden.

Seit Regisseur Miguel Alexandre sie 1995 in München entdeckte, war Heerwagen auf Drama abonniert: „In den Filmen war ich bisher fast immer todkrank, schwanger, blind, stumm oder alles zusammen“, lacht sie. „Jemand ,Normalen‘ zu spielen, ist schwerer. Man muss sich trauen, das Einfache zuzulassen. Extreme Figuren fallen von sich aus auf.“

Als jüngst die Werbemaschine für „Die kommenden Tage“ anlief, hat sich Heerwagen rar gemacht, Pressekonferenzen und TV-Interviews abgesagt. Man könnte meinen, die Schauspielerin sei dem roten Teppich wieder einmal ausgewichen – der Grund ist banaler: Sie hatte sich ein Außenband gerissen, als sie am ersten Drehtag für einen ARD-Film aus dem Garderobenwagen gestiegen war. Nun musste sie verschobene Szenen nachdrehen. Trotzdem wird man einiges von ihr hören, die kommenden Tage.

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