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T.C. Boyle Ein Freund der Autos

(Gespräch: Martin Scholz, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 6. September 2003)

12.02.2009 11:02

(Gespräch: Martin Scholz, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 6. September 2003)

Die Sonne ist nicht sein Freund, so viel steht fest. In seinen Romanen brennt sie durch die Bäume "wie eine Feuersbrunst" (Grün ist die Hoffnung). Sie strahlt erbarmungslos, "als wäre sie frisch erschaffen und probiere nun ihre Muskeln aus, sie hämmert das erste Glied einer Kette von Megatonnen aus Nuklearenergie los, braust auf mit dem ganzen Selbstvertrauen der Jugend und der erhebenden Aussicht auf das eigene, nie verlöschende Feuer" (Wassermusik). Oder sie brennt, wie in seinem neuen Buch Drop City "Statements in den Staub und zeigt den Nebengebäuden und den Bäumen zehn oder halb elf an".

An diesem Morgen zeigt sie erst halb zehn an, und dem Autor ist noch nicht nach neuen Metaphern zumute. T.C. Boyle steht vor seinen fünf Autos auf seinem Anwesen im kalifornischen Montecito und ist ernsthaft besorgt, dass ihm die Sonne während der Cabrio-Fahrt die Haut verbrennen könnte. Der Schriftsteller hat sich zentimeterdick mit Sun Blocker eingeschmiert - eine Kriegsbemalung, die ihn noch blasser wirken lässt.

Aber seine Sonnen-Paranoia hat einen Grund: Der große, dünne Mann mit den hochtoupierten Haaren zupft sein T-Shirt aus der Jeans und zeigt auf eine Narbe an seiner Hüfte. "Sehen Sie? Da haben sie mir ein Stück Haut herausgeschnitten und hier oben" - er deutet auf sein linkes Ohr - "wieder eingesetzt: Hautkrebs." Er lacht, als habe er einen Witz erzählt. Ein typischer Anflug der ihm eigenen bösen Heiterkeit, die vor nichts zurückschreckt - auch nicht vor ihm selbst. Es ist dieser rabenschwarze Humor, der seine von Pessimismus durchtränkten Geschichten erst erträglich macht.

Wären wir Personen seines letzten Romans, müssten wir jetzt zu seinen Autos schwimmen. Denn in dem Öko-Thriller Ein Freund der Erde hatte er den Platz, auf dem wir gerade stehen, unter Wasser gesetzt. Im Kalifornien nach der Klima-Katastrophe sind die Highways überflutet, die Autos vom sauren Regen verätzt. Boyle zieht über Umweltsünder her, aber auch über jene verbiesterten Öko-Apostel, die so verrückt geworden sind wie die kaputte Welt um sie herum. In seinem Roman Drop City beschreibt er, wie der naturverbundene Lebensstil der Hippies in den 70ern den Bach runter geht. Als immer mehr nach freier Liebe gierende Freaks das Gelände einer Kommune mit ihren Fäkalien verseuchen, bekommen sie Ärger mit der Polizei und müssen nach Alaska flüchten. Boyle weiß, wovon er redet.

Er war selbst ein Freak, der den Sex ’n’-Drugs and Rock’n’Roll-Lifestyle bis zum Exzess durchlebt hat. Heute sagt er: "Meine Generation hat im Prinzip nichts erreicht - unser Vermächtnis sind Waffen, Gangs und Familien, in denen niemand mehr die Verantwortung übernimmt." Für ihn zumindest stimmt das so nicht. Seit sich der Uni-Dozent und Gelegenheitsmusiker Anfang der 80er mit seinem prallen Abenteuerschmöker Wassermusik in die Liga der Top Belletristen schrieb, konnte er sich ein von dem Star-Architekten Frank-Lloyd Wright entworfenes Haus leisten - und eben seine fünf Autos. Hier ist der harsche Kritiker der amerikanischen Zügellosigkeit nicht anders als seine Landsleute, für die es naturgegeben ist, viele Autos zu besitzen.

Amerika ohne Autos wäre wie Afghanistan ohne den Dreck", grinst Boyle, pflanzt sein Baseball-Käppi auf seine Vogelnest-Frisur und besteigt den Wagen wie ein Pirat, der gerade ein Schiff entert. Die rechte Hand greift sofort zur Schaltung. Schalten! Ja Schalten ist ihm ganz wichtig. Da ist er dann doch ganz anders als die verweichlichten Landsleute, die alles der Automatik überlassen. Boyle will schalten, Schalten gibt ihm ein besseres Gefühl für den Wagen. Er fährt aus der Einfahrt hinaus, hinunter zum Shoreline Drive, der an dem kilometerlangen Strand von Santa Barbara entlang führt.

1. Gang

Wie würden Sie reagieren, wenn ein Öko-Fundi Sie von Ihrem konsumistischen Ballast befreite und all Ihre fünf Wagen beschlagnahmte?

Ich würde zuerst meinen Dozenten-Job an der Uni in Los Angeles schmeißen. Denn das ist der einzige Ort, zu dem ich wirklich nur im Auto gelangen kann. Und dann würde ich hier in Montecito nur noch zu Fuß gehen.

Sie sehen nicht wie ein Fußgänger aus.

Natürlich würde ich meine Wagen vermissen. Wie alle Amerikaner bin ich mit Autos auf die Welt gekommen. Ich fahre seit ich 16 bin. Das scheint mir die natürlichste Sache der Welt. Die Autos erscheinen wie eine Verlängerung unserer selbst und es würde mich schon quälen, nicht ab und zu auf dem Freeway die Reifen zum Glühen zu bringen.

Brauchen Sie für dieses Vergnügen gleich fünf Autos?

Nein, aber in meiner Familie sind wir zu fünft. Ein Auto für mich, eins für meine Frau und je eins für meine drei Kinder - die sind 22, 20 und 17 Jahre alt. Wenn die drei aus dem Haus gehen, werden sie ihre Wagen mitnehmen. Und wenn dann irgendwann meine Frau stirbt, werde ich auch ihren Wagen sofort weggeben - versprochen. Dann habe ich nur noch einen. Mein Fuhrpark zeigt: Ich bin kein schneller Konsument, sondern ein sehr treuer.

Aha.

Mein erster toller Wagen, der nicht wie all die anderen ständig drohte, unter meinem Hintern zu explodieren, war der BMW 320 S , Baujahr 1982. Ich habe ihn immer in die Werkstatt gebracht und so gut erhalten, dass ich ihn jetzt an meinen jüngsten Sohn Spencer weitergeben konnte. Zuvor hatten ihn meine beiden anderen Kinder gefahren.

Das klingt nach abgelegten Klamotten für den jüngeren Bruder. Ihr Sohn wird sich bedankt haben.

Zugegeben, der Wagen sah zum Schluss ziemlich mitgenommen aus. Also habe ich ihn eigens für meinen Sohn neu streichen lassen. Ein Freund von mir holte den Wagen aus der Werkstatt und übergab ihn meinem Sohn mit den Worten: "Junge, dein Vater liebt diesen Wagen sehr. Du musst ihn immer in Top-Zustand halten, um deinen Vater zu ehren."

Klingt sakral.

Diese religiöse Dimension hat mein Sohn aber nicht annehmen wollen. Er starrte uns nur fassungslos und fragte: "Hä, wovon redet ihr?"

Die Fahrt geht weiter am Shoreline Drive entlang. Im Osten flimmern die Santa Ynez Mountains hinter den Hitzeschliren, im Westen ziehen die Palmen und dahinter der Pazifik an uns vorbei. Es riecht nach Meerwasser. Am Ende des diesigen Horizontes erkennt man die Channel Islands, eine Gruppe von fünf Inseln. In dem Naturschutzgebiet treffen kalte und warme Meeresströmungen zusammen, was eine vielfältige Fauna entstehen lässt, die zahlreiche Seevögel und auch Seelöwen anlockt. Autofahrer müssen am Festland bleiben: Zugang haben nur unmotorisierte Naturfreunde. Der Fahrtwind lässt für Augenblicke vergessen, dass es bereits höllisch heiß ist. Landschaften von Palmen und Stränden im Süden verwandeln sich im weiteren Verlauf der Highway 1 auf dem Weg nach San Francisco in raue Steilküsten im Norden, wo sich die Sonne oft durch dicke Nebelschwaden brennen muss. Ein Traum für Leute, die gerne Auto fahren, um sich die Gegend anzusehen.

Boyle nickt. Früher ist er die Strecke bis San Francisco öfter gefahren. Aber er ist kein Mann, der beim Fahren von der Landschaft schwärmt, er sucht immer nach dem Haar in der Suppe. "Auf den kurvenreichen Straßen im Norden klebst du ständig einem Camper an der Stoßstange. Ich fahre heute nicht mehr aus Spaß durch die Gegend, sondern nur, um schnell anzukommen." Boyle hat seine eigene Sicht auf die kalifornische Idylle. Aus dem offenen Fenster zeigt er aufs Meer, wo ein paar Schiffe ankern. "Das ist Fool’s Anchorage, der Platz, an dem die Idioten ankern", erzählt er. Die Anker-Plätze sind gratis, weil sie ungeschützt sind, jeder kann dort vor Anker gehen. "Einmal hat sich ein mächtiger Seelöwe auf eine der Yachten gewuchtet, ist dort durch das Glasdach gebrochen und im Inneren verendet. Als der Besitzer es Tage später entdeckte, stank es so bestialisch, dass er sein Schiff verbrennen musste." Für Boyle gibt es keine schöne Aussicht in dieser makellosen Gegend. Er sucht die dunklen Flecken auf der Sonne, die Abgründe hinter dem schönen Schein.

2. Gang

Mr. Boyle, lieben Sie Ihre Autos?

Ich hasse alle Maschinen, aber ich bin süchtig nach ihnen. Ich will, dass meine Autos funktionieren. Reparieren ist wie Kreuzworträtsel lösen, aber ich habe keine Lust, das Rätsel zu lösen. Es befriedigt mich nicht, stundenlang unter meinem Wagen zu liegen und ihn zu pflegen. Das bringt mir nichts. Ich kann einen Reifen und Öl wechseln, das war´s. Mir ist es lieber, meine freie Zeit damit zu verbringen, Löcher in meinen Garten zu buddeln, sie mit Wasser aufzufüllen und mich dann besinnungslos zu besaufen.

Kann es sein, dass Sie schlimmer sind, als all die verheuchelten Weltverbesserer aus Ihren Romanen?

Absolut. Gleiches Recht für alle. Ich bin ein Teil des Problems. Man muss heute nur Mitglied der westlichen Gesellschaft sein, um den Planeten zu ramponieren. Ich kann in meinem Leben nicht wirklich etwas dagegen machen - außer zu sterben. Was ich irgendwann zu tun gedenke.

Boyle möchte mehr Fahrtwind: Vom beschaulichen Shoreline Drive biegt er ab, auf den dreispurigen Highway 101, in den der Highway 1 zu Teilen übergeht. Wir fahren ein Stück hoch in den Norden, der Strand ist nicht mehr zu sehen, aber der Pazifik bleibt als blaues Band unterhalb des Horizonts immer im Blick. Der Verkehr hat sich verdichtet, eine Blechlawine wälzt sich in gleichförmigem Tempo durch die atemberaubende Küstenlandschaft. Die Leute überholen von rechts nach links und von links nach rechts. Boyle lenkt den Wagen ruckzuck auf die Überholspur. Der vollgestopfte Highway ist immer noch Sinnbild für die - trotz Finanzkrise und Schwarzenegger-Kandidatur- ungebrochene Faszination der Region. Im Begriffslexikon der Amerikaner ist der "Westen" von jeher Synonym für "unbegrenzte Möglichkeiten". Die Küste suggeriert dagegen Grenze.

Wobei sich die Wahrnehmung der Westküste verändert hat. Für die Mexikaner ist der Westen der Norden, für die Asiaten ist es der Osten. Die Völkerwanderungen haben Grenzen aufgezeigt, die Boyle zuletzt in seinem Roman America zum Thema gemacht hat. Da beschreibt er, wie rassistisch ein Durchschnittsamerikaner werden kann, wenn ein illegaler Einwanderer aus Mexiko seinen Wohlstand bedroht. Boyle zieht an einem Pickup vorbei, aus dem ein Surfbrett herausragt. Surfen, schwimmen - das wäre nichts für ihn. Er hat zwei Kajaks in der Garage stehen, die er aber nie benutzt . Zum einen würde das seine Haut noch mehr malträtieren - und dann hat er keine Lust, sich im Pazifik von einem Weißen Hai anbeißen zu lassen. "Die gibt es hier", versichert er. Noch so ein Fleck auf der kalifornischen Idylle, der einem Berufs-Pessimisten wie Boyle natürlich sofort auffällt.

Er, der 1978 aus Peekskill in New York an die Westküste übersiedelte, sieht sich als Zuwanderer. Ein Schriftsteller, der Kalifornien in seinen Romanen bis heute aus der Perspektive eines Fremden betrachtet, immer wieder neue Risse in einer saturierten Gesellschaft entdeckt und beschreibt. "Damals gab es eine Invasion innerhalb der USA an die Westküste, ich und viele andere sind von der schauerlichen Ostküste hierher gezogen", sagt er, "wir waren so viele, dass die eingesessenen Kalifornier den Zusatz ,native Californians" auf ihre Nummernschilder gehoben haben. Sie mochten uns nicht." Viele Kalifornier, denen es zu voll geworden ist, sind inzwischen weiter nördlich nach Seattle oder South Carolina gezogen. "Was auch lächerlich ist. Heute ist doch jeder auf der Welt Kalifornier, irgendwie"

3. Gang

Kalifornien ohne Autos...

...würde nicht funktionieren. Als ich hierher zog, hatte ich noch die naive Vorstellung, im Zug von Santa Barbara nach Los Angeles zur Arbeit fahren zu können. Es fährt auch einer - wunderschön an der Küste entlang. Das Dumme ist nur, dass er lediglich zweimal am Tag fährt. Die Autokultur in Kalifornien, diesem endlosen Megalopolis, trägt zum Zerfall der Umwelt entscheidend mit bei. Wenn ich den Highway 1 nach Los Angeles fahre, sind Millionen von Arschlöchern mit mir unterwegs.

Kein Wunder, 80 Prozent der 31 Millionen Kalifornier leben nur wenige Kilometer vom Ozean entfernt, da staut sich was zusammen.

Ist das nicht zum Kotzen? Könnten sie nicht zehn Minuten später als ich ihre Garagen verlassen und den Highway mir überlassen? Ich nehme ihnen das wirklich übel. Im Ernst: Ich bin froh, dass ich seit zehn Jahren im ruhigen Montecito lebe und nicht mehr in L.A. Der Verkehr, die Umweltverschmutzung, der Krach und die vielen Menschen dort haben mich in die Flucht getrieben.

Die Küstenstraße Highway 1 führt durch eine der schönsten Landschaften der Welt, aber an vielen Stellen kann man die Natur nur aus dem Auto heraus erleben. Ist das nicht grotesk?

Ja, und es ist sehr amerikanisch. Du fährst, stoppst an den Aussichtspunkten, steigst aus, fährst weiter. Die meisten Menschen wollen nicht wandern, sie wollen in ihrem klimatisierten Wagen sitzen und die Aussichtspunkte ansteuern. Wenn der Highway 1 direkt entlang der Küste führt, ist nur wenig Platz für etwas anderes als Autos. Auf der einen Seite die Berge, auf der anderen die zum Ozean abfallende Steilküste. Du müsstest verrückt sein, um dich an dieser engen Stelle zwischen Carmel und Hearst Castle mit einem Fahrrad an all den Wagen vorbeizudrücken.

Kurz bevor der Highway 101 bei Gaviota für mehrere Kilometer ins Landesinnere abbiegt, machen wir eine Kehrtwende, fahren in die andere Richtung: Santa Barbara und dann ein Stück weiter nach Los Angeles. "Die Sonne im Rücken, das ist angenehmer", sagt Boyle. Mit schlafwandlerischer Leichtigkeit findet er die Lücken in dem zähen Verkehr. "In L. A. ist es noch grässlicher - da kann kein Science-Fiction-Film mithalten, nicht mal Blade Runner".

Der Verkehr staut sich bereits auf der Höhe von Oxnard, etwa 50 Kilometer von Santa Barbara entfernt. Sicher, es ist nervtötender, im Gotthardtunnel festzusitzen als hier, mit dem Blick auf den Pazifik. Aber es ist kein Wölkchen in Sicht, das die Sonnenstrahlen irgendwie dämpfen könnte. Boyle trägt noch einmal Sun Blocker auf und entschließt sich zur Umkehr. Müsste er nicht 39 Mal im Jahr an der Uni in L.A. Studenten in die Kunst des kreativen Schreibens einweisen, würde er nur noch in Montecito spazieren gehen oder ab und zu mit seinem Four-Wheel-Drive in die Berge fahren.

4. Gang

Mr Boyle, was bringt Sie - abgesehen von der Verkehrsdichte - auf dem Highway zum Kochen?

Alle Hondafahrer! Die sollten erschossen werden. Immer, wenn jemand auf der Autobahn chaotisch fährt, ist es mit Sicherheit ein Hondafahrer. Vielleicht liegt es daran, dass es in den USA mehr Hondas als alles andere gibt. Das beste wäre, diese Autos im Meer zu versenken, dann könnten die Fische sie als Riff-Landschaften nutzen.

Haben Sie was gegen Japaner?

Ich beziehe mich ja auf die Fahrer. Generell haben die meisten Autofahrer keinen Schimmer davon, was es bedeutet, einen Wagen zu fahren. Wenn sie hinter dem Lenkrad sitzen, sieht es so aus, als würden sie gerade ein Bad nehmen. Sie essen Pizza oder - noch schlimmer - brabbeln ständig in ihre Handys. Ich habe schon mal darüber nachgedacht, den Schriftsteller-Job an den Nagel zu hängen und der kalifornischen Highway Patrol beizutreten. Dann würde ich all jene Typen verhaften, die ständig die linke Spur blockieren, weil sie mehr mit dem Handy beschäftigt sind. Ich würde in ihre Reifen schießen und dann ihre Wagen in Brand setzen.

Gut, dass Sie kein Polizist sind. Sie selbst telefonieren nie beim Fahren?

Nie. Ich habe als Beifahrer genug schlimme Erfahrungen gemacht. Beispielsweise, wenn ich mit meiner Lektorin durch die Gegend fahre. Sie lenkt, telefoniert und arrangiert Termine für mich. Der absolute Horror. Oft wird sie dabei immer langsamer, kriecht schließlich mit 20 Meilen über den Freeway, während alle anderen mit 80 an uns vorbeischießen.

Sind Sie ein guter Autofahrer?

Das sehen Sie doch: Ich bin perfekt. Ich bin der beste auf der Straße, ein Genie. Niemand kommt an mich heran.

Mr Boyle, bitte bleiben Sie ganz ruhig.

Sie haben recht. Ich bin extrem ungeduldig, deshalb fahre oft so schnell. Ich gestehe: Das ist mein großer Fehler.

Auf dem Rückweg zischt ein Polizeiwagen mit Blaulicht an uns vorbei. Boyle duckt sich weg. Normalerweise sind es hoch motorisierte Europäer, vorzugsweise deutsche, die den US-Polizisten in die Radarfallen tappen, weil sie sich nur schwer an das Tempo-Limit von 55 oder 65 Meilen pro Stunde gewöhnen können. Aber Boyle ist auch kein Unschuldslamm.

5. Gang

Sind Sie je von der Highway Patrol wegen zu hoher Geschwindigkeit erwischt worden?

Yep. Vor ein paar Jahren bin ich auf dem Highway 1 nach Los Angeles zu schnell gefahren. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, kaum Autos um mich herum, die die Straße verstopften. Die Landschaft flog an mir vorbei, ich sang zur Musik, habe nicht aufgepasst. 55 waren erlaubt, und ich fuhr 81.

Ein Raser also?

Radarfallen sind furchtbar. Wenn du da rein tappst, kannst du nicht darüber diskutieren. Ich hab’s leider trotzdem gemacht. "Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wer eigentlich dafür bezahlt, dass Ihr in diesen gottverdammten Wehrmacht-Stiefeln herumlaufen könnt? Wer euch eure Waffen und das Benzin bezahlt? Ich helfe euch gerne auf die Sprünge: Ich bin das."

Das hat die Verständigung vermutlich nicht erleichtert.

Nein, zumal sie für die Highway Patroller nur die größten, kräftigsten Typen aussuchen. Sie stecken immer in diesen riesigen Stiefeln und diesen lächerlichen Uniformen. Irgendwie mögen wir uns nicht.

Die Highway Patrol hat uns nicht gestoppt, wir erreichen sein schattiges Haus ohne weiteren Stau. Der Autor wirkt etwas erschöpft. Per Fernbedienung öffnet Boyle die Einfahrt zu seinem Anwesen, fährt vor dem Meisterbau im japanischen Teehaus-Stil vor, das an vielen Seiten von Eukalyptusbäumen umrankt ist. Montecito ist wie auch Santa Barbara und Malibu das Refugium für die Schönen und Reichen aus Hollywood, die genug haben vom Smog und von den Staus in der Mega-City. Die millionenschwere Talk Masterin Oprah Winfrey lebt hier, Brad Pitt und Gattin sollen sich ebenfalls einen schönen Flecken ausgesucht haben. Doch das sind nicht die Leute, mit denen sich Boyle zum Cocktail trifft. "Ich kenne kaum berühmte Leute hier, die meist schon etwas älteren Typen, die mit mir in den Bars abhängen, sind waschechte Kalifornier, die immer noch Surfen gehen." Boyle stellt den roten Wagen zurück in seinen Fuhrpark.

Ende einer Dienstfahrt. Jetzt stehen wieder alle seine fünf Sammlerstücke in einer Reihe - vier BMWs, alle rot und ein Vierrad-angetrieber Chevy. Das ist eine Obsession. Und wie ein Mann, der seine Leidenschaft ausgetobt hat und davon müde geworden ist, wendet er sich nun seiner heimlichen stillen Liebe zu. Noch ganz zersaust vom Fahrtwind, schlägt er sich zu Fuß eine Schneise durch seinen riesigen, wild verwucherten Garten. Über den Zaun hinweg grüßt er kurz den Nachbarn, der gerade seinen Swimming-Pool säubert. Nein, so was käme ihm nicht aufs Grundstück. Boyle hat etwas besseres zu bieten. Wir bahnen uns den Weg durch Dickicht, eine Machete wäre in diesem Gestrüpp ganz hilfreich. Plötzlich bleibt Boyle stehen, zeigt auf seinen Teich, wie Old Shatterhand, als er das erstmal den Silbersee entdeckt. Ein Kleinstbiotop mit fünf Meter Durchmesser. "Ich habe zwei Jahre lang dran gebuddelt, das Wasser aufgefüllt, die Pflanzen ausgesucht und auch die Fische selbst eingesetzt", sagt er stolz.

Er sitzt auf einem Stein im Schatten, der Highway scheint Meilen weit weg zu sein. Der Jäger des Spotts, der sonst alles und jeden, auch selbstvergessene Do-it-yourself-Biotopen, mit seinem herben Zynismus überzieht, nimmt eine Auszeit. Mit kindlicher Freude fingert er nach dem Fischfutter und füttert seine Moskito-Fische und Katzenwelse, die sich gierig an der Wasseroberfläche tummeln. "Ist es nicht erstaunlich, sie erkennen mich", sagt er - aber weil das zu rührselig klingt, schiebt er noch einen Satz nach: "Sie kommen und danken mir, Ihrem Schöpfer, der dieses Öko-System geschaffen hat."

Rückwärtsgang

Sie sagen, es gibt keinen Ausweg zu dem großen Umwelt-Gau auf den wir zusteuern. Haben Sie keine bessere Nachricht?

Tut mir leid, aber ich habe auch keine Lösung. Ich kann die Leute nicht dazu bringen, irgendwas zu machen. Ich bin nur ein Künstler, der beschreibt, wie unser Universum den Bach runter geht. Das Schreiben ist sozusagen eine Form von Voodoo für mich. Ich bin ein Umweltschützer, weil ich die Natur liebe. Ich gehe öfter und länger in Wäldern spazieren als sonst jemand auf diesem Planeten. Wenn ich durch den Wald gehe, spüre ich meine eigene Seele. Im Wald werde ich wie ein Kind. Das ist ja die große Utopie, dass jeder sein eigenes Refugium hat. Sowas können sich nur wenige leisten - die anderen treffen Sie jeden Tag auf dem Highway.

Nach uns die Sintflut?

Sehen Sie: Bush hat als erstes alle Umweltschutz-Vereinbarungen der letzten 30 Jahre abgeschafft. Warum? Weil er böse ist, weil er keine Ahnung hat, was die Welt braucht und will. Kapitalismus und Gier bestimmen sein Handeln. Und jetzt zahlt er jene Leute aus, die viel Geld ausgegeben haben, um ihn wählen zu lassen. Ich hoffe, die Amerikaner jagen ihn aus dem Amt. Denn er hat gelogen, was den Bericht über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak betraf. Es war nur ein Vorwand, um in den Krieg zu ziehen. Aber ein bisschen Hoffnung gibt es doch. Die Grünen in Deutschland haben den Krieg in Irak nicht unterstützt. Dafür danke ich ihnen, ganz egal, aus welchen Gründen sie es gemacht haben.

Was ist heute noch grün an T.C. Boyle?

Ich bin ein fanatischer Recycler. Ich räume ständig irgendwelchen Dreck aus der Nachbarschaft weg. Ich werfe nichts weg, ich kompostiere. Ich bin mir bewusst, dass ich in einer konsumistischen Welt lebe, dass meine Frau ständig Sachen kauft, die wir nicht brauchen.

Gibt es deshalb Zoff im Hause Boyle?

Nein, ich schreibe dann Geschichten wie "Filthy With Things".

In der eine hoch bezahlte professionelle Aufräumerin ein saturiertes Mittelstandspaar von seiner Konsumsucht befreit und all den Luxus-Krempel abholt.

Genau. Sehr wirksam, diese Therapie. Wenn ich mich irgendwann doch noch entschließen sollte, ein Heiliger zu werden, würde ich alles verkaufen, mein Haus niederreißen und den Grizzlybär wieder einführen. Das ist meine große Utopie.

Dann würden wir hier aber nicht mehr so ruhig sitzen und die Fische füttern.

Aber das Leben wäre wieder ein bisschen aufregender.

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