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Szeneviertel Jung, ledig sucht ...

Am Anfang sind es Studenten und Künstler, die einen Stadtteil entdecken. Wir verraten, wie daraus ein Szeneviertel entsteht und welche Quartiere in Zukunft besonders gefragt sein werden. Von Tonio Postel

27.02.2009 00:02
TONIO POSTEL
Lofts und Wohnungen in ehemaligen Industriebauten
Früher war Leipzig-Plagwitz ein verwahrlostes Viertel, viele Häuser standen leer. Inzwischen wurden in den ehemaligen Fabrikhallen luxuriöse Wohnungen gebaut. Foto: dpa

Im Grunde genommen ist es das Todesurteil für jeden Stadtteil: Sobald ein Viertel als "Szeneviertel" gilt, kann man sich sicher sein, dass es schon längst keines mehr ist. Beispiel Schwabing: Einst über die Münchner Stadtgrenzen als "In"-Viertel der Schickeria bekannt, wurde es inzwischen längst vom Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel abgelöst. Hier sind jetzt die angesagten Clubs und Cafés und hier wohnen heute all jene, die irgendwie dazugehören möchten. Oder das Hamburger Schanzenviertel. In den 80ern und frühen 90ern noch beliebt bei vor allem linken Autonomen, ist "die Schanze" inzwischen fest in der Hand gut verdienender Yuppies.

"Gentrifizierung" nennen Soziologen diesen Wandel vom heruntergekommenen Stadtteil zum hippen Szeneviertel. Der Wandel verläuft immer nach dem gleichen Muster. Zunächst ziehen Künstler und Studenten wegen der günstigen Mieten in Arbeiter- oder Migrantenviertel und etwas heruntergekommene Stadtteile. Sie machen die Viertel interessant für Einzelhändler und Gastronomen, die Boutiquen, Kneipen, Cafés und Restaurants eröffnen.

Schnell wird das Viertel auch für Besserverdienende interessant und etwas später auch für Familien mit Kindern. Aus dem einstigen "Geheimtipp" wird dann ein gutbürgerliches Viertel mit schicken Restaurants, Biosupermärkten und Cafés, in denen Mütter Latte Macchiato trinken. Kritiker sprechen daher auch von der "Latte Macchiatoisierung" einzelner Stadtteile. Auf der Strecke bleiben die ersten Bewohner des Viertels: Studenten, einfache Arbeiter und Migranten können sich die jetzt in die Höhe geschnellten Mieten in den inzwischen oft sanierten Wohnungen nicht länger leisten, sie müssen in die Randbezirke ausweichen.

Stadtviertel, die für diese Wandlung zum Szeneviertel prädestiniert sind, stammen laut Frank Schröder, Sozialgeograph an der Ludwig-Maximilians-Universität München oft aus der Gründerzeit aus dem 19. Jahrhundert oder sind ehemalige Arbeiterstadtteile. Ein absolutes Muss sei die Nähe zur Innenstadt, sagt Sozialgeograph Frank Schröder von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Während noch vor einigen Jahren junge Familie an den Stadtrand zogen, beobachten nun Stadtforscher einen gegenläufigen Trend. Junge Familie bleiben inzwischen lieber in den angesagten Vierteln in der Stadt. Prominentestes Beispiel: Der Berliner Szenestadtteil Prenzlauer Berg, der inzwischen ein Familienviertel geworden ist, in dem die Kinderrate weit über dem Durchschnitt liegt. Der Speckgürtel um die Großstädte magert ab. Einkommensschwachere Familien, Migranten und Arbeitslose könnten künftig immer weiter an den Stadtrand gedrängt werden, mahnte jüngst der Soziologe und Stadtforscher Hartmut Häußermann in einem Interivew mit Spiegel Online an.

Einmal in Gang gekommen sei der Gentrifizierungsprozess nicht mehr aufhaltbar, meint Frank Schröder. "Wir haben uns oft gefragt, ob es nach der Aufwertung nicht auch wieder einen Abstieg geben müsste, bislang ist davon aber nichts bekannt", sagt Schröder. Zwar kamen manche Viertel wie Schwabing in München aus der Mode. Sozioökonomisch stürzten sie aber nicht ab, denn das Geld und die "Aufwerter" seien noch da.

Frankfurt

Die Spatzen, die es seit nun bald zehn Jahren von allen Dächern pfeifen, sind langsam heiser: Das Bahnhofsviertel ist "das" Viertel, schräg, dynamisch, multikulti, peppig, grell, zukunftsträchtig. War es eigentlich schon immer, aber Prostitution und Drogen verdeckten lange das Potenzial dieses einzigen urbanen Fleckens der Stadt. Jetzt hat die Stadt die Magistrale des Viertels, die Kaiserstraße, aufgehübscht. Investoren machen aus ehrwürdigen alten Bürgerhäusern nette Lofts und Flats. Luden und Banken nehmen langsam von ihren traditionellen Standortvorteilen Abschied. Mit dem "Five Elements" gibt es dort seit 2008 erstmals in der Stadt ein wirklich internationales Hostel, Entwickler-Tausendsassa Ardi Goldman ist durch sein Jeans-Hotel auch schon vor Ort. Kreative besetzen die letzten freien urbanen Ecken. Die Kneipen wandeln sich hin zum Gehobenen und damit auch die Preise. Noch ist Szene-Potenzial da. Aber nicht mehr lange.

Hamburg

In dem Arbeiter- und Migranten-Stadtteil Veddel jenseits der Elbe wohnen über 5000 Menschen, davon sind über 50 Prozent Ausländer, jeder dritte lebt von Hartz IV und die Kriminalitätsrate ist überdurchschnittlich hoch.

Um die Verwahrlosung auf der Veddel, die relativ nah an der Innenstadt liegt, aufzuhalten, setzt die Stadt auf Plan-Gentrifizierung: Rund 300 Studenten wurden mit subventionierten Mieten in das Viertel gelockt.

Nach dem Zuzug der Studenten, so hofft man in Hamburg, würden sich dann schon gutverdienende Yuppies in Veddel niederlassen und das Viertel so schrittweise aufwerten. Noch befindet man sich - um im Stadtgeographen-Slang zu sprechen - in der Pionierphase. Bislang ist von einer Aufwertung wenig zu spüren; noch haben sich keine schicken Boutiquen den günstigen Mietraum in Veddel gesichert und auch Galerien sucht man hier vergebens.

Berlin

Einst war die Oranienburger-Vorstadt im Bezirk Mitte das Zentrum der Berliner Eisen-Industrie, jetzt ist sie auf dem besten Wege zum neuen Szene-Viertel. Im Zuge der New Economy haben sich hier Besserverdienende niedergelassen. Wohnräume wurden in Büros, Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt, Dachgeschosse ausgebaut. Viele Familien unter den 5700 Einwohnern in den 4000 Wohnungen sind Ein- bis Zwei- Personen-Haushalten gewichen. Die Einstiegsmieten bei Neuvermietung steigen stark an. "Das jetzige Einkommensniveau liegt im Durchschnitt um mehr als ein Drittel über dem Berliner Niveau", sagt Stadtplaner Sigmar Gude. Ein Viertel aller Haushalte sei aber arm oder habe ein "prekäres Einkommen". Die Gefahr, von kaufkräftigeren Interessenten verdrängt zu werden, steige. Gude ist sich sicher: "Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird sich die starke Wirtschaftskraft durchsetzen."

München

Wem inzwischen die In-Viertel Schwabing oder Glockenbach zu teuer waren, der zog ins Westend. Der achte und mit etwa 26 000 Einwohnern zweitkleinste Stadtbezirk ist das älteste ehemalige Arbeiterviertel Münchens.

Den Grundstein für das Multi-Kulti-Viertel legten in den 60er Jahren die Gastarbeiter. Bis 1998 war hier die Messe angesiedelt. Nachdem das Areal neubebaut worden war, entstanden 1500 neue Wohnungen und 5000 Arbeitsplätze, zogen auch Kunst- und Medienschaffende her.

Heute prägen viele kleine Cafés, Biergärten und Gründerzeitbauten das Erscheinungsbild des Westends, das auch "Schwanthaler Höhe" genannt wird.

Die Mietpreise von teilweise zwölf Euro pro Quadratmeter können sich bislang auch Studenten gerade noch leisten. Doch inzwischen bangen manche, dass das Viertel bald "kippt" und wohlhabendere Yuppies Künstler, Arbeiter und Studenten verdrängen könnten.

Leipzig

Unmittelbar nach der Wende glich Leipzig-Plagwitz einer Geisterstadt. Rund 80 Prozent der Betriebe in dem Industrieviertel mussten zwischen 1990 und 1992 schließen. Riesige Fabrikhallen standen leer, rund 20 000 Arbeitsplätze gingen verloren, viele Einwohner zogen fort.

Heute zählt Plagwitz mit fast12 000 Einwohnern zu den am schnellst wachsenden Stadtteilen Leipzigs. Etwa 30 000 neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Viele der denkmalgeschützten Industriegebäude und Altbauten wurden saniert, ein großer Stadtteilpark am Ufer des Karl-HeineKanals angelegt. In vielen Fabrikhallen sind mittlerweile Lofts entstanden.

Das Entwicklungskonzept gilt als behutsam und wird seit etwa zehn Jahren vorangetrieben. Doch bis zur vollen Entfaltung des Viertels wird es nach Expertenmeinung wohl noch weitere zehn Jahre dauern.

Daher ist Plagwitz nach wie vor beliebt bei Studenten, jungen Kreativen und Kulturschaffenden. Die sich die die Mieten für die Fabrikhallen gerade noch leisten können: Der Quadratmeterpreis liegt bei zwei Euro für unsanierte Räume - das sind immerhin 20 Prozent der Wohnungen - und 5,50 Euro für sanierte.

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