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Suizid-Medikamente Brenneckes langer Kampf ums Sterben

Schwerstkranke wie Hans-Jürgen Brennecke haben im Extremfall ein Recht auf den Kauf eines tödlichen Mittels – so entschied das Bundesverwaltungsgericht 2017. Das Bundesgesundheitsministerium weigert sich jedoch, das Urteil umzusetzen.

Sterbehilfe
„Ich hatte ein wunderbares Leben.“ Wenn der Krebs wieder erwacht, will Hans-Jürgen Brennecke gewappnet sein. Foto: Joanna NotteBrock

Wahrscheinlich wird er wieder schwitzen, elend viel schwitzen, das wird das erste Zeichen sein. Vier, fünf Mal in der Nacht wird er aufwachen, und jedes Mal wird seine Kleidung so nass an seinem Körper kleben, dass er sie wechseln muss. Dann werden seine Kräfte schwinden. So schwach wird er sich fühlen, dass er nur noch mit Mühe die wenigen Schritte in die Küche schafft. Dann werden die Schmerzen kommen.

So wird es sein, wenn der Krebs bei Hans-Jürgen Brennecke wieder erwacht. Burkitt-Lymphom, einer der am schnellsten wachsenden Tumore. Ein paar Wochen, sagt Brennecke, blieben ihm dann noch. Vielleicht auch nur Tage.

Es ist einer dieser letzten sommerwarmen Herbsttage, Hans-Jürgen Brennecke sitzt auf der Terrasse seines Hauses in der Nähe von Lüneburg. Ein schmaler, großgewachsener Mann von 74 Jahren, er schenkt Tee ein, aus einer bauchigen Kanne. Er kann die Symptome so genau beschreiben, weil er sie alle schon einmal erlebt hat. Ein halbes Jahr hat er damals im Krankenhaus verbracht, Ende 2015 war das. Und deshalb weiß er auch, dass er das alles nicht noch einmal durchleiden will.

„Ich hatte ein wunderbares Leben“, sagt er. Aber wenn der Krebs wieder erwacht, will er gewappnet sein. „Wenn ich es unerträglich finde, dann will ich bestimmen dürfen.“

Für diesen Wunsch hat Hans-Jürgen Brennecke einen mächtigen Verbündeten: das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Er hat aber auch mächtige Gegner: eine Bundesbehörde in Bonn. Und den Gesundheitsminister in Berlin. Brenneckes Geschichte handelt von dem Wunsch, sein Ende selbst in der Hand zu behalten. Sie handelt aber auch von der Frage, ob ein Minister und seine Behörde das dürfen: sich über das Urteil eines höchsten deutschen Gerichts einfach hinwegsetzen.

Es geht ihm um seinen Tod. Aber es geht ihm längst auch um das Recht. Hans-Jürgen Brennecke war Lehrer und Sozialarbeiter, er war immer kritisch gegenüber dem Staat. „Es ist doch eine verdrehte Welt, dass ich jetzt für die Aufrechterhaltung des Rechtsstaats kämpfe und ein Minister ihn untergräbt“, sagt er und muss jetzt auf seiner Terrasse in der Sonne sogar selbst ein wenig darüber lächeln.

Brennecke jedenfalls gibt nicht auf. Und jetzt, dieser Tage, sieht es so aus, als sei er dem, was er für sein Recht hält, möglicherweise sogar einen Schritt näher gekommen.

Begonnen hat der Kampf des Hans-Jürgen Brennecke am 1. November vergangenen Jahres. Da hat er dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn, Bundesopiumstelle, einen Brief geschrieben. „Antrag auf Erlaubnis zum Erwerb von 15 Gramm Natrium-Pentobarbital“ steht darüber.

„Sehr geehrte Damen und Herren“, so beginnt er, und dann schreibt er der Behörde vom Krebs, davon, dass ein Wiederaufflammen unheilbar sei, er die Schmerzen und das Leiden sehr gut kenne und dass das Lymphom sehr schnell voranschreite. Er wünsche die Erlaubnis, das tödliche Medikament zu kaufen, vorsorglich, „weil bei absehbarem Ende das Verfahren viel zu lange dauert“. „Mit freundlichen Grüßen“, so unterzeichnet er. Dann schickt er den Brief los.

„Ich dachte, das alles müsste für jeden nachvollziehbar sein“, sagt Brennecke. „Und rechtlich eindeutig.“ Aber das sehen nicht alle so.

Es ist nicht der einzige derartige Brief, den die Behörde erhalten hat. Genau 116 Anträge für den Erwerb eines Suizid-Medikaments sind laut ihrer Angabe bislang eingegangen. Sie alle beziehen sich auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem März 2017. Damals urteilten die Leipziger Richter, dass der Staat Schwerstkranken in einer extremen Notlage den Kauf eines todbringenden Medikaments erlauben müsse. In dem Urteil ging es um Bettina Koch, eine Ärztin, die nach einem Sturz gelähmt war, künstlich beatmet werden musste und 2004 ebenfalls einen Antrag beim Bonner Bundesinstitut gestellt hatte. Als der abgelehnt wurde, fuhr sie in die Schweiz, um sich dort beim Sterben helfen zu lassen. Anschließend jedoch führte ihr Mann ihre Klage fort – und bekam nun, 13 Jahre später, Recht.

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