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Südafrikas Rugby-Nationalteam Tabubruch in der „weißen Sportart“

24 Jahre nach dem Ende der Apartheid hat Südafrikas Rugby-Nationalteam erstmals einen dunkelhäutigen Kapitän.

Siyamthanda Kolisi
Siyamthanda Kolisi im Spiel gegen Frankreich. Foto: afp

Am Kap der Guten Hoffnung geschehen noch Zeichen und Wunder. 127 Jahre nach der Einführung des Rugby-Sports am Südzipfel des Kontinents und 24 Jahre nach dem Ende der Apartheid hat die südafrikanische Nationalmannschaft der rauen Sportart jetzt ein Tabu gebrochen: Mit Siyamthanda Kolisi wird erstmals ein dunkelhäutiger Kapitän die „Springböcke“ anführen – und zwar ausgerechnet in der Heimat des Raufsports, in England. Der 26-jährige „Loose Forward“, der trotz der Bezeichnung eigentlich hinten spielt, wird die „Boks“ ab dem 9. Juni in drei „Test-Matches“ kommandieren.

Ein „bahnbrechender Augenblick“ meldet die Agentur „Sport24“. „Wir scheinen allmählich erwachsen zu werden“, kommentiert Rugby-Journalist Craig Ray. Anders als zu früheren Gelegenheiten, bei denen schwarze Spieler in den Reihen der Springböcke oft als „Quoten-Boks“ gebrandmarkt wurden, scheint der 188 Zentimeter große und 105 Kilogramm schwere Kolisi über jegliche Kritik erhaben zu sein. „Er hätte schon längst Captain werden sollen“, meint Pieter du Toit, Chefredakteur der hiesigen Huffington Post.

Der in einem Slum nahe der Hafenstadt Port Elizabeth geborene Kolisi war Scouts schon als Zwölfjähriger aufgefallen: Er bekam ein Stipendium in einer Privatschule und raufte sich über Jugend- und Provinzturniere nach vorne. Vor sechs Jahren wurde er in die erste Mannschaft der Kapstädter „Stormers“ aufgenommen und im vergangenen Jahr zu deren Kapitän gekürt. Sein erstes Länderspiel absolvierte er 2013 gegen Schottland: Damals wurde der 22-Jährige sogleich zum „Man of the Match“ gewählt. Inzwischen trat Kolisi 22 Mal im grüngelben Trikot der Springböcke an und erzielte vier „Tries“, was ungefähr ein Tor bedeutet.

Obwohl auch zahlreiche schwarze Südafrikaner dem Raufsport verfallen sind, gilt Rugby am Kap als „weiße Sportart“ – im Gegensatz zum Fußball, der von dunkelhäutigen Spielern und Zuschauern dominiert wird. Unter Befreiungskämpfern war der Ballsport mit dem ledernen Ei verhasst: Schließlich war er vor allem unter den reaktionären „Buren“ beliebt, den Abkömmlingen holländischer, deutscher und französischer Siedler. Nelson Mandela wusste die oft blutig verlaufende Sportart jedoch für sein Versöhnungsprojekt zu nutzen: Bei der Rugbyweltmeisterschaft 1995 in Südafrika stellte er sich ostentativ hinter die Böcke, die daraufhin auch tatsächlich den Cup gewannen.

Verglichen mit der relativ kleinen Zahl weißer Südafrikaner vermochten die Böcke weit über ihre Marge zu springen: Sie galten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg als eines der besten Teams der Welt und schlugen das Team ihrer ehemaligen Kolonialnation England regelmäßig. Nach dem Sportsboykott, der die Boks von internationalen Wettbewerben ausschloss, wurde das südafrikanische Rugby-Team bereits zweimal Weltmeister, 1995 und 2007. Der erste dunkelhäutige Springbock war Chester Williams, der im Viertelfinale 1995 allein vier Tries erzielte.

Er schätze Kolisi, weil er „demütig“, „ruhig“ und „nicht schrill“ sei, sagte Springbock-Trainer Rassie Erasmus: Allerdings habe der „Stormer“ in dieser Saison eine Formkrise gehabt. Möglicherweise wird der dunkelhäutige Bok seine kämpferische Herde nur während der England-Tournee anführen – solange zwei andere, weiße Spieler verletzt sind. Kolisi ist seit zweieinhalb Jahren mit der weißhäutigen Kapstädterin Rachel Smith verheiratet. Seiner Hochzeit folgte ein „Shitstorm“ auf Twitter: „Was für eine Verschwendung guter weißer Gene“, beklagte sich etwa ein gewisser Josh Beckett.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Südafrika

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