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Südafrika In Diepsloot regiert die Selbstjustiz

Das Slum am Stadtrand von Johannesburg ist ein Moloch voller Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Unser Korrespondent Johannes Dieterich hat vier Tage in der Siedlung verbracht.

Der Journalist Golden Mtika kennt die Siedlung wie seine Westentasche und genießt bei den Bewohnern großen Respekt. Foto: Johannes Dieterich

Diepsloot, samstagmorgens um sechs. „Steh‘ auf“, rüttelt mich mein Gastgeber wach: „Wir haben einen Mord in Section 1.“ Fünf Minuten später sitzen wir in Golden Mtikas klapprigem Toyota Tazz, auf dem Weg in den berüchtigtsten Teil des Slums, einem chaotischen Gewirr aus dicht aneinander stehenden Wellblechhüten, durch deren ungeteerte Gassen die Kloake fließt. Irgendwann wird die Buckelpiste selbst für Goldens motorisierten Hüpfer zu eng: Die letzten hundert Meter gehen wir zu Fuß. Wortlos weisen uns die Anwohner den Weg zu einer kaum vier Quadratmeter großen Hütte, auf deren Tür die Nummer R 1119 gepinselt steht. Unter der Tür hat sich ein rotes Rinnsal den Weg ins Freie gebahnt.

Um in die Hütte zu kommen, müssen die Polizisten erst einmal die Tür abmontieren: Denn drinnen liegt ein toter Körper auf dem Boden. Der spindeldürre Mann hat lediglich eine kleine Stichwunde unter dem rechten Schlüsselbein: „Verblutet“, sagt der wortkarge Konstabler Segoa.

Mit Hilfe der vielen schaulustigen Nachbarn sind die letzten Minuten von Herald Moyo schnell rekonstruiert. Der 30-jährige Simbabwer muss seine Hütte um kurz nach fünf verlassen haben, um zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg durchs Slum wurde er von zwei Landsleuten attackiert, die es offensichtlich auf sein Geld und Handy abgesehen hatten. Vermutlich wehrte sich Herald und bekam daraufhin den Messerstich verpasst. Trotzdem gelang ihm – mitsamt seinem Handy und mehreren 100-Rand-Noten in der Tasche – die Flucht nach Hause. Dort brach er vor dem Bett zusammen.

Vergeltung des Volkszorns oft grausamer

Damit endet die Geschichte allerdings noch nicht. Anwohner bekamen einen der beiden Räuber zu fassen und schickten sich an, ihn so zu traktieren, wie Diepsloots Bevölkerung inzwischen Verbrecher behandeln: Sie schlagen sie halb tot, zünden sie dann an oder steinigen sie. Hätte die Polizei nicht eingegriffen, läge Herald Moyo jetzt als Opfer des Volkszorns neben seinem Landsmann im geschlossenen Leichenwagen – so aber kauert er im vergitterten hinteren Teil von Konstabler Segoas Streifenwagen und stöhnt. Sein linkes Auge ist zugeschwollen, sein Schädel blutverschmiert. Als ihn der Konstabler und ein Kollege aus dem Wagen ziehen, knicken seine Beine ein. „Ihr seid etwas zu spät gekommen“, sagt Segao: „Sonst hättet ihr auch gleich noch die ‚mob justice‘ im Vollzug erlebt.“

Diepsloot ist für seine spontanen Volksgerichtshöfe bekannt. Auf jedes Verbrechen folgt, wenn möglich, die Vergeltung: „Anders“, sagt Thomas Semola, Sprecher der Bürgervereinigung Sanco, „werden wir der Kriminalität hier niemals Herr.“ Dass in einer Nacht zum Samstag lediglich ein Mensch umgebracht wurde, sei eine Seltenheit, meint Golden, der bereits seit 14 Jahren in Diepsloot lebt. Er habe freitagnachts schon bis zu sieben Leichen gezählt – Verbrechensopfer und Opfer des Volkszorns zusammengerechnet. Meist falle die Rache wesentlich grausamer als das Originaldelikt aus, fügt der 41-jährige Journalist hinzu: Schließlich soll die Volksjustiz auch der Abschreckung dienen.

Bereitwillig präsentiert Golden unzählige, auf seinem iPad gespeicherte Fotos und Videoclips – auf diese Weise kann er wenigstens das Grauen mit jemandem teilen. Auf den Bildern sind Tote in allen Variationen zu sehen: alte und junge, männliche und weibliche, verbrannt, zerstückelt, blutüberströmt. Auf einem Videoclip rennt eine brennende Gestalt schreiend über die Straße, um kurz später zusammenzubrechen. In einer anderen Szene schlagen junge Männer mit Latten und Stöcken auf einen Menschen ein, bis dieser leblos liegen bleibt. Ein Junge tritt ihm noch einmal mit dem Fuß ins Gesicht. Diepsloot ist so alt wie das Neue Südafrika. Als der Afrikanische Nationalkongress (ANC) und sein Präsident Nelson Mandela im April 1994 die Regierung übernahmen, kamen schwarze Südafrikaner von allen Landesteilen ins Wirtschaftszentrum in der Gauteng-Provinz geströmt, um Arbeit zu finden – unter der Herrschaft der Weißen hatte es strikte Zuzugskontrollen gegeben.

Auf allen möglichen freien Flächen bauten die Migranten am Johannesburger Stadtrand ihre Hütten auf, bis sich die Mini-Slums wie die Flecken eines Ausschlags über die Landschaft ausbreiteten. Um der wilden Besiedelung Herr zu werden, erwarb die Regierung die Farm Diepsloot, auf deren hügeligem Grund ein neuer Stadtteil entstehen sollte – mit ordentlichen Steinhäusern, Wasser und Strom sowie Läden, Schulen und einer Polizeistation. 22 Jahre später leben in Diepsloot mehr als 300 000 Menschen, doch nur ein Bruchteil von ihnen verfügt über gemauerte Häuser, weit weniger als die Hälfte über Strom, selbst Wasser müssen viele von den Hähnen herbeischleppen, die an den Straßenrändern aus dem Boden ragen. Kaum einer der Migranten fand den erhofften Job: Über 70 Prozent der Diepslooter sind arbeitslos.

Golden hat mich bei sich in Sektion 6 aufgenommen: Sein Häuschen verfügt über Backsteinmauern, ein Bad und Toilette. Vier Tage lang lässt mich mein Kollege nicht aus den Augen: Ein einsames Bleichgesicht würde in Diepsloot nicht lange überleben. Der Journalist ist ein wandelndes Kompendium des Slums: Er erzählt mir von dem Jungen, der starb, weil er vom Abwasser auf der Straße getrunken hatte, und zeigt mir das aus Containern bestehende Gymnasium, vor dem sich die Schüler morgens einer Leibesvisitation unterziehen müssen, damit sie keine Messer mit zur Schule bringen. Golden stellt mich der spindeldürren HIV-infizierten Bulelwa Nqabeni vor, die mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Sektion 1 eine vier Quadratmeter große Hütte bewohnt und von ihrem Mann nicht viel mehr erwarten kann, als dass er betrunken nach Hause kommt. Wir treffen Witwen, Waisen und den 71-jährigen Urgroßvater David Mcubuse, dessen fünfjährige Enkelin entführt, vergewaltigt, erdrosselt und verstümmelt wurde. Als er sie im Leichenschauhaus identifizieren musste, durfte er nur ihren Kopf sehen: Alles andere war dem alten Mann nicht zuzumuten.

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„Diepsloot ist ein Schlachthaus“, sagt Golden trocken. Verantwortlich für das atemberaubende Ausmaß der Gewalt ist in seinen Augen vor allem die Arbeitslosigkeit, die vielen gar keine Alternative zum Verbrechen ließe, sowie die Tatsache, dass es sich bei zahlreichen Slumbewohnern um nicht registrierte Ausländer handele: Nach einer begangenen Straftat tauchten sie einfach ab. Die Erwartung, mit denen Zigtausende aus der südafrikanischen Provinz und anderen Teilen des Kontinents hierher gekommen seien, sei längst der Verzweiflung gewichen, sagt Golden: „In Diepsloot werden täglich genauso viele Hoffnungen wie Menschen begraben.“ Nur eine Bevölkerungsgruppe scheint gegenwärtig zu florieren: Immigranten aus Äthiopien und Somalia, die in einer der 13 Sektionen des Slums fast monatlich ein neues kleines Lebensmittelgeschäft eröffnen. Die geschäftstüchtigen Ostafrikaner haben in Südafrikas Townships ganze Ketten an Tante-Emma-Läden aufgebaut und spannten sogar ein eigenes Vertriebsnetz, wodurch sie ihre Produkte deutlich billiger als die einheimischen Konkurrenz anbieten können. Warum die Südafrikaner auf die Herausforderung keine Antwort fanden, weiß keiner so richtig zu sagen. „Vielleicht hat es etwas mit Mentalität zu tun“, meint Golden.

Golden wird respektvoll „Nkosi“ genannt

Das Verhältnis der ostafrikanischen Geschäftsleute zur einheimischen Bevölkerung ist, gelinde ausgedrückt, ambivalent. Die Slumbewohner kaufen gerne deren preiswerte Produkte ein, noch lieber rauben jedoch manche ihre Läden aus. Ab und zu kommt es sogar zu Pogromen: Dann bleibt den Asylanten nichts anderes übrig, als zumindest vorübergehend aus Diepsloot zu fliehen. Dutzende von Somaliern und Äthiopiern wurden bereits umgebracht: „Wir sind auch von Zuhause nichts anderes gewohnt“, meint Ramsey aus Mogadischu trocken. Sanco-Sprecher Semola will den Ostafrikanern einen Burgfrieden vorschlagen: Wenn sie sich bereit erklärten, für einen Mindestlohn südafrikanische Beschäftigte einzustellen, sollen sie in Ruhe gelassen werden.

Maxwell Nedzamba muss sich solche Bedingungen nicht gefallen zu lassen. Der Vorsitzende des hiesigen ANC-Bezirks ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und besitzt den funkelndsten Juwel im Slum: Eine zweistöckige Taverne mit Flachbildschirmen und Terrasse, in der besser betuchte Diepslooter ihren Durst stillen können. Nedzamba ist das beleibte Beispiel dafür, dass man in Diepsloot auch reich werden kann – vorausgesetzt, man gehört der richtigen Partei an, wie Thabo Phala giftet. Als Mitglied der oppositionellen Demokratischen Allianz habe er noch keinen einzigen öffentlichen Auftrag ergattern können, ärgert sich Phala: Und etwas anderes als öffentliche Aufträge gibt es in Diepsloot kaum.

Wenn Golden durch Diepsloots Straßen oder Gassen geht, wird er von allen respektvoll als „Nkosi“ angesprochen, so nennen die Zulus ihre Dorfältesten. Taucht der Journalist am Schauplatz einer Explosion des Volkszornes auf, lassen die Anwohner sogar von ihrem Opfer ab, denn Golden ist als ausgesprochener Gegner der „mob justice“ bekannt. Wiederholt schon sei es vorgekommen, dass die Vergeltung die falsche Person getroffen habe, erklärt der gläubige Mormone: Außerdem machten sich die Rächer durch die bestialische Bestrafung selbst zur Bestie.

Solly ist einer der Kleinganoven, der Golden sein Leben verdankt. Der 24-Jährige brach eines Tages in das Auto des Journalisten ein, wurde erwischt und vom Volkszorn traktiert, bis Golden die nach Blut lechzende Meute gerade noch rechtzeitig zurückpfiff. Dafür ist Solly dem „Onkel“ dermaßen dankbar, dass er uns bereitwillig aus seinem Leben als einer der zahlreichen Rauschgiftsüchtigen in Diepsloot erzählt.

Was in dem Pülverchen eigentlich drin ist, das er über das Marihuana in seinem Joint streut, weiß allerdings auch er nicht so genau zu sagen. Manche meinen, es sei Heroin, andere behaupten, es handele sich um eine Mischung aus Chlor, Scheuermittel und Rattengift. Ganz genau weiß Solly dagegen, wie das Nyaope genannte Pulver wirkt: „Es macht mich relaxt und lässt mich von Autos, von Häusern und Frauen träumen“. Solly braucht den Stoff mindestens sechsmal am Tag, sonst wird er hochgradig nervös und ist dann zu allem fähig: Er könnte in diesem Zustand auch jemandem umbringen. Weil das Nyaope für einen Joint 30 Rand kostet, benötigt Solly mindestens 180 Rand pro Tag: Da er in seinem Zustand unmöglich arbeiten kann, muss er sich das Geld stehlen. Viermal wurde er bereits beim Klauen erwischt und grün und blau geschlagen. Einem seiner Freunde zerschmetterte der Mob in der vergangenen Woche den Schädel. „Ihm kam das Gehirn aus der Nase und dem Mund heraus“, sagt Solly.

Spätestens nach dem Gespräch mit dem Junkie ist geistlicher Beistand gefragt. Wir steuern die katholische Kirche an, deren aus drei Gebäuden bestehenden Anwesen an Größe nur noch vom Einkaufszentrum am Rand Diepsloots und der eben erst eingeweihten Polizeistation übertroffen wird. Vor dem Gotteshaus herrschen ungewöhnlich strenge Sicherheitsmaßnahmen: Am Eisentor sitzt eine Wachfrau, die nur bekannte Gesichter passieren lässt. Der französische Priester der Gemeinde, Louis Blondel, sei bei einem Raubüberfall ums Leben gekommen, erinnert sich Golden: Der 70-jährige Missionar wurde von drei Jugendlichen in seinem Schlafzimmer erschossen.

Vater Isaac, sein südafrikanischer Nachfolger, ist erst seit neun Monaten hier und traut sich in Sachen Diepsloot noch kein Urteil zu. Auch habe ihm sein Bischof die Order gegeben, möglichst das Kirchengelände nicht zu verlassen: Er wisse deshalb auch über „mob justice“ wenig zu sagen. Außer, dass es in der Regel die Umstände seien, die Menschen zu Bestien machten, und nicht der von Gott geschaffene Mensch selbst.

Wir suchen weiter und stoßen auf das „Tabernacle Worship Centre“, eine am Rand des Slums stehende Kathedrale aus Blech. Der rechteckige Kasten fasst mehr als 200 Menschen und ist heute, wie offenbar an jedem Sonntagmorgen, bis auf den letzten Plastikstuhl gefüllt. Zu Beginn des Gottesdienstes tanzt Pastor James wie ein Lump am Stecken vor dem Podium, ein Schlagzeuger, Perkussionist und Keyborder heizen ihm ein. Nach der charismatischen Predigt folgt der Höhepunkt der Messe: die Dämonenaustreibung. Der Pfarrer lässt alle Mühseligen und Beladenen, die an Kopfweh, Armut oder Joblosigkeit leiden, nach vorne treten und drückt ihnen die Handfläche gegen die Stirn. Manche fangen am ganzen Leib zu zittern an und fallen schließlich schreiend zu Boden. „Out!“, fährt Pastor James den Dämon an: „Out, Anger!“, „Out, Frustration“, „Out Low Selfesteem!“

Ein beschädigtes Selbstwertgefühl ist nach Auffassung des Hobby-Pastors, der zehn Jahre lang selbst in Diepsloot lebte, der gefährlichste Dämon im Slum. „Die Menschen leben im Dreck, haben schmutzige Kleider, keinen Job und keine elegante Freundin“, sagt der städtische Angestellte, der abends noch Kriminologie studiert: „Sie verachten sich selbst und geben deshalb auch auf das Leben der andern einen Dreck.“ Er predige seinen Gemeindemitgliedern, immer ein paar saubere und gebügelte Kleider parat zu haben: „Nur wenn jemand in sich selbst etwas Besseres sieht, kann er an sich arbeiten, und dem Dreck entkommen.“

Auf dem Heimweg begegnen wir Matome Ramoretli, dessen Backsteinhäuschen im Tal neben einem Sumpfgebiet steht. Als er vor zwanzig Jahren hierher gekommen sei, habe er zuerst einmal am Rand des Sumpfgebiets ein paar Bäume gepflanzt, erzählt der 55-Jährige: Sie spenden heute weiträumig Schatten. Den Sumpf zwischen den Bäumen ließ Ramoretli mit vielen Ladungen Bauschutt auffüllen, den die Lastwagenbesitzer nur zu gerne loswurden. Derzeit ist der Slumbewohner damit beschäftigt, den Bauschutt einzuebnen: Denn hier soll Diepsloots erster Vergnügungspark entstehen. Unter einem Baum hat Ramoretli bereits Tisch und Stühle aufgestellt, bald würden hier Geburtstagspartys und Hochzeiten gefeiert. Aus den Einnahmen aus dem Picknickpark will er später auch seinen Unterhalt bestreiten: „Ich habe schon immer gerne geträumt“, sagt Ramoretli lachend. Schon jetzt hat der Parkmacher ein kleines Wunder vollbracht – er hat seinen Besuchern den Glauben ans Menschsein gerettet.

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