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Suchtkranke Senioren Gepflegt trinken

Morgens um 10 Uhr den ersten Piccolo? In einem Düsseldorfer Altenheim bekommen alkoholabhängige Bewohner ihr Lieblingsgetränk kontrolliert verabreicht.

Alkohol im Altersheim
Gesoffen habe er immer, sagt Ferdinand Blöink. „Entweder aus Freude oder weil ich sauer war. Am meisten, wenn ich froh war.“ Foto: Max Grönert

Noch eine Stunde bis zum nächsten Sekt. Monika Schneider freut sich schon darauf. „Ich mag Sekt“, sagt sie. „Der schmeckt mir.“ Ihr silbernes Haar ist frisch geföhnt, rund um die Augen glänzt lichtblauer Lidschatten. Auf dem Pullover der 72-Jährigen steht in schwungvollen Glitzerbuchstaben „A Smile is always in fashion“ – Lächeln ist immer in Mode. Fröhlich strahlt sie die Besucher an.

Seit neun Jahren lebt Monika Schneider im Düsseldorfer Caritas-Altenzentrum St. Josef, Abteilung Johannes, der Wohneinheit für „suchtabhängige Ältere“, oben in der dritten Etage. Zwei Gänge, drei Einzel-, sechs Doppelzimmer. Ein Raucherraum, eine schmale Küche. Und – ein abschließbares Kabuff für die Alkoholvorräte. Weißwein, Bier und Sekt in kleinen Flaschen. An der Innenseite der Tür hängt eine Liste, auf der verzeichnet ist, wie viel jeder Bewohner pro Tag trinken darf und wie viel Gramm reinen Alkohols er täglich zu sich nimmt. Drei Pils für Herrn K. Drei Weißwein für Herrn G. Drei Sekt für Frau Schneider.

14 Alkoholkranke leben derzeit in der Abteilung Johannes: zwölf Männer und zwei Frauen zwischen 60 und 88 Jahren. Trocken sind nur zwei von ihnen. Monika Schneider gehört zu denen, die am längsten hier wohnen. 2009 ist sie eingezogen, ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung von Nordrhein-Westfalens einziger Abteilung für pflegebedürftige und suchtkranke Senioren.

Viele hier sind nach Lebenskrisen zu Trinkern geworden

Weiße Wände, hohe Fenster. Mitten im Raum eine große Madonnenfigur, das Geschenk einer Tante. „Schön habe ich es hier“, sagt Monika Schneider. Auf dem Bett sitzen Puppen in altmodischen Kleidern und ein Trupp abgewetzter Stofftiere. „Der Steiff-Bär ist 50 Jahre alt.“ Engelsfiguren füllen die Abstellfläche einer Kommode. An der Wand hängen Familienfotos und ein mächtiges Kreuz aus Holz.

„Zu Hause bin ich nicht mehr gut klargekommen“, gibt Monika Schneider zu. Die Beine wollten nicht mehr so recht – inzwischen sitzt sie im Rollstuhl. „Ich kann zwar stehen und die Beine bewegen, aber ich traue mich nicht zu laufen.“ Und dann die Trinkerei. Immer Sekt. Immer erst gegen Abend. Und immer zu viel.

Monika Schneider hat nach dem Tod ihres Sohnes 1991 begonnen, „gepflegt“ zu trinken. Ihre Ehe war schon zuvor gescheitert – „da war keine Liebe mehr im Herzen“. Die Zahnarzthelferin war allein mit zwei Söhnen. Der Tod ihres Kindes sei das Schlimmste gewesen, das ihr im Leben zugestoßen sei, sagt sie. „Er war doch erst 21. Damit bin ich einfach nicht klargekommen.“ Mehrmals versuchte sie in den kommenden Jahren, loszukommen vom Alkohol. Suchte Unterstützung bei Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen. Dauerhaft helfen konnte ihr niemand. Der Schmerz blieb. Der Wunsch, ihn zu betäuben, auch. „Manchmal war ich jahrelang trocken. Dann kam der nächste Rückfall, und alles ging von vorne los.“

Die 72-Jährige macht sich keine Illusionen über ihren Zustand. „Ich bin Alkoholikerin. Wenn ich allein leben würde, würde ich mehr trinken. Hier bin ich unter Aufsicht, und die Leute sind nett.“ Jeden Morgen um zehn Uhr holt sie sich im Kabuff ihren ersten Piccolo ab, um 15 Uhr den zweiten, abends um 19 Uhr den dritten. „Betrunken werde ich davon nicht“, beteuert sie.

Noch vor einem Jahr habe sie die doppelte Menge getrunken, erzählt sie. Sechsmal 0,2 Liter Sekt pro Tag, 1,2 Liter Flüssigkeit, 105,6 Gramm reiner Alkohol. So viel wie niemand sonst in der Abteilung. „Ich habe selber gesagt, dass ich reduzieren will. Jetzt will mich der Doktor überreden, dass ich ganz aufhöre.“ Doch so weit, sagt Monika Schneider, so weit sei sie noch nicht.

112 alte Menschen leben in dem Pflegeheim des Caritasverbands Düsseldorf an der Schmiedestraße in Bilk. Probleme mit den Suchtkranken gebe es nicht, auch wenn die sich klar von den übrigen Heimbewohnern abgrenzten, sagt Tino Gaberle, der Leiter der Einrichtung. Nicht nur ihre Trinkgewohnheiten unterscheiden die 14 Bewohner aus der dritten Etage von den übrigen Pflegebedürftigen. Das Durchschnittsalter in der Abteilung Johannes beträgt 70, das auf den restlichen Stationen 80 Jahre. Auch die Vorgeschichten der suchtkranken Senioren sind andere. Ein Drittel von ihnen war obdachlos, die restlichen zwei Drittel siedelten aus Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, die nicht eingerichtet waren auf ihre Bedürfnisse, über in die Abteilung Johannes.

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